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Franco Ambrosetti: «George Gruntz war für mich wie ein grosser Bruder»

Franco Ambrosetti spielt am 2. August für seinen verstorbenen Freund George Gruntz.Giancarlo Cattaneo

Franco Ambrosetti spielt am 2. August für seinen verstorbenen Freund George Gruntz.Giancarlo Cattaneo

Der Tessiner Jazz-Trompeter und Flügelhorn-Spieler über seine Beziehung zu George Gruntz, das Gedenkkonzert am Festival da Jazz in St.Moritz, über Carsten Schloter und seine Doppelkarriere als Jazzmusiker und Unternehmer

Grüezi Herr Ambrosetti. Wo sind Sie jetzt gerade?

Franco Ambrosetti: In meinem Haus auf Paros, das ist eine Insel der Kykladen, einer Inselgruppe im Ägäischen Meer. Ich verbringe vier bis fünf Monate im Jahr hier. Ich habe das Haus vor vielen Jahren gebaut.

Ist das die Familien-Ferienresidenz der Ambrosettis?

Nein, die ist auf Korfu. Aber dort bin ich kaum. Korfu war venezianisch und ist mir deshalb zu italienisch. Paros ist interessanter, Griechenland pur mit den weissen, viereckigen Häusern und der kargen Vegetation. Die Kykladen sind touristisch attraktiv, aber nicht so überlaufen. Man findet noch menschenleere Strände.

Spürt man die Finanzkrise?

Schon, aber nicht so stark wie in Athen, wo vier der elf Millionen Griechen leben. Auf den Inseln gibts Fleisch, Öl, Tomaten, eigentlich alles. Man kann davon leben, was produziert wird. Dazu kommt der Tourismus. Deshalb spürt man die Krise nicht so stark. Es wird zwar weniger gebaut, aber das ist auch nicht so schlimm. Die griechische Finanzkrise ist eigentlich eine Athener Krise.

Jetzt üben Sie für das Konzert in St. Moritz.

Ja, aber ich übe sowieso täglich, immer rund eine Stunde. Als Trompeter muss man regelmässig üben.

Auf Ihrem letzten Album spielten Sie Trompete, und jetzt?

Seit zwei Jahren spiele ich wieder Flügelhorn. Immer das eine oder das andere. Darin bin ich monogam. Es sind zwei verschiedene Instrumente.

Was können wir am 2. August in St. Moritz erwarten?

Wir spielen Kompositionen von George Gruntz. Veranstalter Christian Jott Jenny wollte zuerst eine Band nur mit dem Akkordeonisten Luciano Biondini, Geiger Tobias Preisig und mir. Das fand ich aber nicht gut.

Weshalb?

Dass man George am Klavier nicht ersetzen will, ist verständlich. Aber Gruntz ohne Rhythmussektion, das geht nicht. Deshalb hat man die Band um Herbie Kopf und Pius Baschnagel ergänzt. Das ist jene Rhythmussektion, mit der George am längsten gespielt hat. Biondini kann mit dem Akkordeon teilweise die Rolle des Klaviers übernehmen.

Was bedeutete Ihnen George Gruntz?

Sehr, sehr viel. Ich habe George kennen gelernt, als ich noch kurze Hosen trug. Ich war 14 Jahre alt, als er mit meinem Vater Flavio spielte. Er war neun Jahre älter und für mich wie ein grosser Bruder. Wir haben so viel zusammengespielt, so viel zusammen erlebt. George, seine Frau Lilly, seine Tochter Philine, sein Sohn Felix und seine Frau Valentina – das war und ist für mich wie eine Familie.

Sie haben die George Gruntz Concert Jazz Band (GGCJB) 1972 mitbegründet und waren stellvertretender musikalischer Direktor.

Ja, fünfmal und bis Ende der 80er-Jahre war ich dabei. Dann habe ich aber aus Zeitgründen den Austritt gegeben. Meine Karriere als Solist hatte Vorrang. Ich blieb der Band darauf aber als Gastsolist immer verbunden. Zum letzten Mal in Lugano 2012.

Sie wären der Richtige, um die Band weiterzuführen. Wie wärs?

Eine gute Idee, die ich mir auch schon überlegt habe. Ich gebe aber bis zu 40 Konzerte unter meinem Namen. Mehr möchte ich nicht. Dazu bin ich noch für zwei Jahre Präsident der Tessiner Handelskammer. Natürlich könnte ich die Band weiterführen und den 40-jährigen Werkkatalog weiter pflegen. Nach dem Vorbild der Count Basie Band, die es ja auch noch gibt. Es wäre schön, die Musik zu bewahren. Es hat aber auch etwas Museales und ich weiss nicht, ob das im Sinn von George wäre. Er hat für jede Tour ein neues Programm, neue Stücke, neue Arrangements geschrieben. Die Band hat sich immer verändert und entwickelt. Ich glaube, das muss jemand anders übernehmen.

Sie waren Musiker und Unternehmer. Von 1973 bis 2000 haben sie hauptberuflich den Familienbetrieb Ambrosetti Industrial Group und danach Ambrosetti Technologies geleitet. Wie kam es dazu?

Die Interessen meines Vaters hatten sich damals verlagert. Er hat nochmals geheiratet und das Haus in Korfu und Golfspielen in Miami wurden für ihn wichtiger. Er bewegte sich weg vom Jazz, aber auch vom Familienbetrieb mit den beiden Firmen in Lugano und Mailand, die rund 600 Leute beschäftigten. Mein Vater blieb zwar Präsident, aber ich musste als Vizepräsident und Geschäftsführer die Hauptarbeit übernehmen.

In Mailand?

Ja, auch. Mein Onkel war dort und der Firma in Mailand ging es nicht gut. Ich ging deshalb als General Manager nach Mailand und habe den Turnaround geschafft. Als die Firma nach fünf Jahren wieder profitabel war, haben wir sie verkauft.

Und Ihre Jazzkarriere?

Es war eine intensive Zeit. Jeden Tag fuhr ich mit dem Auto von Lugano nach Mailand und zurück. Aber auch in jener Zeit habe ich täglich geübt, sobald ich nach Hause kam.

Sie waren von 1997 bis 2002 auch im VR der Swisscom. Kannten Sie den verstorbenen Carsten Schloter?

Ich kannte ihn sehr gut, ich war im Nominationskomitee, als er als Leiter der Sparte Mobile angestellt wurde. Carsten war ein hervorragender Spitzenmanager mit viel Feingefühl, Respekt für Mitarbeiter und Gespür für menschliche Probleme.

Waren Sie selbst nie Burnout-gefährdet?

Nein, das VR-Mandat war zwar anstrengend, vor allem, was die Tätigkeit in den Kommissionen betraf. Aber die Aufgabe ist nicht zu vergleichen mit der operativen Tätigkeit. Gegen Burnout ist nur eines wichtig: «don’t let it happen». Und Musik hilft.

Im Jahr 2000 haben Sie den Familienbetrieb verkauft.

Ja, zuerst habe ich 1995 die Räderabteilung in Manno bei Lugano an eine österreichische Gruppe veräussert. Sie produziert heute viel mehr als zu meiner Zeit. Die Liegenschaft gehört aber immer noch uns und ich blieb im Verwaltungsrat.

Wieso haben Sie die Ambrosetti Technologies (Aerospace) verkauft?

Wir haben mechanische Teile für die Mirage und den Leopard, später Fahrwerke für die F/A-18 produziert. Jahrelang hatten wir Amerikaner des Herstellers McDonnell Douglas im Haus. Es war eine Erfolgsgeschichte, doch viel Geld konnte man nicht verdienen. Der Standort Schweiz ist nicht ideal. Der Markt ist klein und die Pilatus-Werke waren der einzige Schweizer Abnehmer. Für den Verkauf war aber entscheidend, dass meine beiden Kinder kein Interesse an der Firma hatten. Meine Tochter hat Englisch und Geschichte studiert und mein Sohn Gianluca Physik. Deshalb habe ich im Jahr 2000 an eine italienische Gruppe verkauft, die das Personal von 90 auf 10 Leute leider reduzierte.

Interessant ist, dass Sie sich ganz anders verhalten haben als damals Ihr Vater, der Sie in den Familienbetrieb gedrängt hat.

Ganz genau. Ich wollte, dass meine Kinder ihren Weg selber finden und machen, was sie wollen.

Was macht Gianluca heute?

Er ist ein hervorragender Saxofonist. Hauptberuflich leitet er eine Forschungsgruppe bei Airlights Technologies, einer Firma, die sich mit Sonnenenergie beschäftigt. Wie ich übt er täglich und spielt in meiner Band.

Die Ambrosettis haben immer zwei Berufe gehabt.

Ja, heute ist es schwieriger, aber ich bin überzeugt, dass das immer noch geht. Die einzige Voraussetzung: Man muss ein Künstler sein, als Musiker geboren sein. Ich habe auch während meiner Zeit als Unternehmer zwanzig bis fünfundzwanzig Konzerte pro Jahr gegeben. Das war machbar.

Bereuen Sie, dass Sie den Familienbetrieb übernehmen mussten?

Diese Frage habe ich mir schon viele Male gestellt und eine Antwort ist schwierig. Es ist ja nicht klar, ob meine Karriere noch erfolgreicher geworden wäre, wenn ich ganz auf die Karte Jazz gesetzt hätte. Aber eigentlich bin ich ganz zufrieden damit, wie mein Leben verlaufen ist. Zwei Berufe waren für mich der richtige Weg.

Wann wurde die Weiche gestellt?

1966, als ich den renommierten Wiener Jazzpreis vor Randy Brecker und Claudio Roditi gewann. In der Jury sassen Jazzstars wie Cannonball Adderley, Art Farmer, J. J. Johnson, Mel Lewis und Joe Zawinul. Damit wurde ich mit einem Schlag international zur Kenntnis genommen und gewann ein Stipendium für die Berklee School of Music in Boston.

Sie waren aber nie in Boston.

Nein, ich habe mich für das Wirtschaftsstudium in Basel entschieden. Ich war 26 Jahre alt, war seit sechs Jahren immatrikuliert, hatte aber noch gar nichts gemacht, keine Vorlesung, keine Prüfung. Ich habe nur gespielt. Für mich war das Studium in Basel die grössere Herausforderung. Musik konnte ich ja immer noch machen. Mein Vater hatte es vorgemacht. Ich hatte auch ein wenig Angst davor – allein in Amerika. Mein Vater hatte es mir nicht verboten, aber mich auch nicht unterstützt.

Der grosse Charles Mingus wollte Sie in seiner Band. Doch Ihr Vater soll es verhindert haben. Stimmt die Geschichte?

(lacht) Ja, genau. Das war schon 1964. Wir jamten in einem Mailänder Club und spielten «Fly Me To The Moon», als plötzlich die ganze legendäre Mingus-Band mit Eric Dolphy, Clifford Jordan, Jaky Byard, Danny Richmond und Mingus auftauchte. Ohne zu grüssen übernahm er den Bass und sagte zu mir: «You, play!» Es war ein 70-minütiger Trip durch alle möglichen Spielarten des Blues, in allen möglichen Ton- und Taktarten. 3/4, 6/4, 6/8, schnell, langsam. Alles ging von ihm aus. Es war offensichtlich, dass er mich testen wollte.

Und dann?

Ich erfuhr, dass sein Trompeter Johnny Coles krank war und ausfiel. Er hatte Drogenprobleme. Und Mingus lud mich ein, die restlichen Konzerte der Europa-Tour zu bestreiten.

Unglaublich, und Sie durften nicht?

(lacht)…ja. Mein Vater sagte Mingus, dass ich Prüfungen an der Uni hätte. Und überhaupt könne ich keine Noten lesen. Clifford Jordan entgegnete, dass das bei Mingus nicht nötig sei. Doch es blieb dabei. Mingus bestritt die Tour ohne Trompeter und ich sah ihn nie mehr.

Sie sind jetzt 71 Jahre alt. Was haben Sie noch für Pläne?

Oh, noch viele. Nach St. Moritz spiele ich mit Randy Brecker an einem italienischen Festival in der Reunion Band. Im nächsten Jahr stelle ich eine schweizerisch-amerikanische Band mit Gianluca, Heiri Kaenzig, Terry Line Carrington und Greg Osby zusammen. Und im übernächsten Jahr plane ich ein Projekt mit dem französischen Geiger Jean-Luc Ponty.

Festival da Jazz St. Moritz: Fr 2. Aug. Hommage to George Gruntz mit Ambrosetti/Biondini/Preisig/Baschnagel/Kopf.

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