Filmmusik

Filmmusikkomponist Niki Reiser: «Die Musik gibt dem Film einen Kick»

Filmkomponist Niki Reiser an einem analogen Second-Hand-Mischpult von «Idee und Klang», auf dem dereinst «Bohemian Rhapsody» von Queen aufgenommen worden ist.

Filmkomponist Niki Reiser an einem analogen Second-Hand-Mischpult von «Idee und Klang», auf dem dereinst «Bohemian Rhapsody» von Queen aufgenommen worden ist.

Der in Basel lebende Filmmusikkomponist Niki Reiser redet darüber, wie er die passenden Klänge zu jedem Film findet und was die Musik im besten oder im schlechtesten Fall für den Film bedeutet.

Der Filmmusikpreis 2016 der Fondation Suisa geht an Niki Reiser. Auslöser war seine Musik für den neusten Heidi-Film. «Seine treffenden melodischen Erfindungen, seine Streichersätze, seine Sensibilität und sein Einfühlungsvermögen in das filmische Geschehen haben wesentlich dazu beigetragen ‹Heidi› zu einem für Auge, Ohr und Herz berührenden Film zu machen», schreibt die Jury. Reisers Originalmusik sei «das Werk eines grossen Meisters der Filmmusik, auf den die Schweiz nur stolz sein kann».

Wir haben Niki Reiser zum Gespräch in seinem Studio im Gundeldingerfeld in Basel getroffen. Er teilt sich die Räumlichkeiten mit dem Studio «Idee und Klang», wo seine Aufnahmen auch gemischt und aufgenommen werden. Es ist eines der letzten Orte, die noch mit analogen Mischpulten ausgerüstet sind. «Für einen lebendigeren, echteren Klang», findet Reiser, der auch stets mit echten Instrumenten und echten Musikern arbeitet.

Herr Reiser, wie klänge der Soundtrack zu Ihrem Leben?

Niki Reiser: Der wäre eine Mischung zwischen Leichtigkeit und Melancholie. Die Melancholie stünde für das Irdische, dazu kommt die Fantasie, die immer wieder fliegt. Das beschreibt auch die Musik des Heidi-Films.

Diese Frage haben Sie sehr schnell beantwortet. Finden Sie den richtigen Ton immer so schnell?

Nein, bei «Heidi» war es dramatisch. Ich habe fast drei Monate lang nichts gehabt, war nahe an einem Nervenzusammenbruch bis es wirklich geklappt hat. Was so leicht daherkommt, ist wahnsinnig erkämpft.

Immer noch, nach all diesen Jahren?

Es gibt stets Sachen, die schnell gehen, aber ein Teil braucht immer sehr viel Zeit. Bis die Musik wirklich zum Film passt. Bei «Heidi» fand ich den Schlüssel zur Leichtigkeit, als mir klar wurde, dass die Melodien immer aufwärtsgehen müssen. Die Vorstellung, wie das Heidi den Berg hinaufrennt, hat das bei mir ausgelöst.

Wie gehen Sie genau vor, wie kommen Sie zum richtigen Ton?

Viel entsteht durch die Zusammenarbeit mit dem Regisseur, von seiner Meinung bin ich sehr abhängig. Und das Richtige gelingt meistens dann, wenn ich versuche, den Regisseur zu überraschen – mit etwas, das er vielleicht so gar nicht gewollt hat. Es braucht immer dieses Hin- und Her. Wenn ich allein eine CD produzieren würde, ginge es wohl Jahre, bis ich das Gefühl hätte, ich sei nun so weit.

Wann ist Filmmusik gelungene, gute Filmmusik?

Wenn sie das Herzstück der Erzählung erfasst und dem Zuhörer weitergibt. Wenn sie vermittelt, weshalb eine Geschichte überhaupt erzählt werden will. Bei «Heidi» zum Beispiel ging es im Herzstück darum, dass Musik etwas Heilendes haben soll. Das Heidi ist so ein Mensch, der alle Personen, den sie trifft, heilt: den Alpöhi, Clara. Obwohl sie selber vom Schicksal geschlagen ist, steckt Heidi alle mit dieser Kraft an. Die Musik ist darum eine Mischung von Heilendem, Empathischem und Rhythmischem, dem Vorwärtsgehen.

Komponieren Sie manchmal auch Musik, die gegen den Strich geht, gegen das Bild?

Eigentlich hält man mit der Musik immer ein wenig gegen das, was man sieht. Sonst gibt es keine Reibung und auch keine Wirkung. Ich habe gerade einen neuen Film mit Dani Levy gemacht, «Die Welt der Wunderlichs», mit einer Musik, die völlig fremd und komisch ist – mit einem Hanginstrument und Gesang. Es hat zuerst gar nicht zur Figur gepasst. Aber gerade dadurch ergibt sich eine Komik. Humor ist etwas, das die Logik durchbricht. Wenn ein Film humorvoll oder revolutionär sein soll, kann man mit der Musik sehr klar gegen das Bild setzen. Auch einen provokativen Charakter kann man so unterstützen.

Ärgerlich ist oft das Umgekehrte, wenn man merkt, dass die Musik einen dazu zwingen will, traurig zu werden. Manchmal ist es billig, auf diese Weise auf die Tränendrüsen zu drücken.

Meistens entsteht so gar keine Wirkung. Sobald Bild und Musik parallel laufen, gerät das Ganze zu einer billigen Postkarte. Die Musik sollte von anderswo herkommen, einen von einer anderen Seite erwischen.

Ist es also Ihr Ehrgeiz, dem Film eine zusätzliche Deutung zu geben?

Ja, klar, die Musik ist wie der Subtext einer Geschichte, zeigt die Beweggründe. Je nachdem ist sie etwas völlig anderes, als was man im Bild sieht. Die Musik ist das, was im Hintergrund alle handelnden Figuren bewegt.

Haben Sie den Mut, auch etwas zu komponieren, was nicht Mainstream ist, etwa Neue Musik? Oder müssen Sie auf den Geschmack des breiten Publikums eingehen?

Ich muss immer auf den Geschmack des Regisseurs eingehen. Manche empfinden etwas viel schneller als dissonant als andere. Andere kennen sich mit Neuer Musik aus und wollen eher etwas in diese Richtung. Aber ich habe immer die Freiheit, dem Regisseur so etwas vorzuschlagen. Musik, die nur mainstreamig angewendet ist, ist langweilig; dann hört man gar nicht mehr hin, dann plätschert die Musik einfach im Hintergrund.

Sie geben dem Film einen Schubs in eine bestimmte Richtung.

Das ist meine Absicht. Es gibt viele Leute, die sagen, gute Filmmusik falle nicht auf. Aber ich habe immer Lust, dem Film noch einen Kick zu geben. Mich stört es nicht, wenn die Musik auffällt, im positiven Sinn. Es ist ein reines Vergnügen des Kinomachens, dass jedes Element eine eigene Kraft hat: genauso die Kamera oder der Schnitt. Es ist zwar alles der Erzählung untergeordnet, aber ich kann mit der Musik einen Kommentar von Aussen dazugeben.

Indem Sie dem Film eine neue Deutung geben, tragen Sie auch eine grosse Verantwortung.

Ja, die Musik beeinflusst den Film als Ganzes. Man kann einen Film kaputtmachen, indem man so eine allgemeine Musik darüberlegt. Damit verrät oder überdeckt man auch das Schauspiel der Darsteller.

Probieren Sie manchmal verschiedene Kompositionen aus?

Wenn der Rohschnitt da ist, lege ich mit dem Regisseur oft ganz verschiedene bestehende Kompositionen an. Dann sieht man gleich: Nein, das ist der falsche Weg, oder so funktionierts. Bei Heidi wurde so immer klarer, dass die Musik gar nicht schweizerisch sein soll oder die Schweiz darstellen versuchen soll, mit Alphorn oder so. Das wurde immer schnell plump.

Und dann gibt es den Moment, wo Sie merken: Jetzt stimmts?

Bei mir selber nicht, aber ich merke es an der Reaktion des Regisseurs.

Deckt sich das mit Ihrer eigenen Einschätzung?

Nicht immer. Ich habe auch schon Stücke gemacht, bei denen ich dachte: Das ist ein Wahnsinnstück, das passt so gut. Doch dann musste ich einsehen, dass ich nur meine eigenen Emotionen vertont habe – und gar nicht diejenigen des Films. Das ist immer die Schwierigkeit: Zum Komponieren braucht es eigene Emotionen, gleichzeitig muss man immer die Emotionen des Films vertreten, nicht die eigenen.

Von all den Filmkompositionen, die sie schon gemacht haben, welches ist ihre liebste?

Das ist wie mit Kindern, die man hat, man kann nie sagen: Das ist mein Lieblingskind. Ich mag alle Filmmusiken, die ich mit Dani Levy gemacht habe, sehr, weil wir jedes Mal etwas völlig Neues ausprobieren. Er provoziert mich immer zu Sachen, die ich sonst nicht machen würde. Jahre später denke ich: «Wow, das habe ich gemacht.» Alle Filme mit Caroline Link sind auch etwas Spezielles. Sie ist ganz anders als Dani Levy, sie lässt mich Musik aus mir selber schöpfen. Diese Stücke sind dann emotional stark verbunden mit mir.

Gibt es auch lukrative Angebote, die Sie ablehnen?

Es gibt Projekte, bei denen ich das Gefühl habe, dass sie mir nicht liegen. Oder Filme, bei denen man merkt, dass sie nur rein kommerziell angelegt sind, ohne Inhalt. Das Drehbuch muss mich schon irgendwie berühren.

Stiehlt das Bild der Musik letztlich nicht doch ein wenig die Show?

Mich inspirieren die Bilder mehr, Musik zu machen. Und jeder Film zwingt mich, etwas anderes auszuprobieren. Jedes Filmuniversum bringt mich in eine andere Welt. In «Nirgendwo in Afrika» musste ich mich mit afrikanischer Musik auseinandersetzen.

Was würden Sie gerne noch ausprobieren?

Ich fände es interessant, mal bei einer guten Serie fürs Fernsehen mitzuarbeiten. Vielleicht ergibt es sich bald, das ist aber noch nicht ganz sicher. Ich fände es interessant, eine Geschichte über viel längeren Zeitraum zu erzählen, mit der Musik als Begleitung über verschiedene Zeitebenen.

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