Blues Festival Baden

Fantastic Negrito sprengte die Grenzen des Blues

Sein Auftritt im Nordportal Baden sprengt die Grenzen des Blues: Fantastic Negrito – Sänger, Gitarrist und Keyboarder mit somalischen Wurzeln.

Sein Auftritt im Nordportal Baden sprengt die Grenzen des Blues: Fantastic Negrito – Sänger, Gitarrist und Keyboarder mit somalischen Wurzeln.

An Fantastic Negrito schieden sich die Geister, Rita Chiara versöhnte die Bluesfans, und Schweizer Blues von Philipp Fankhauser und Dominic Schoemaker bestätigte den Aufwärtstrend.

Schweizer Qualitätsarbeit, kanadischer Frauenpower mit Herz und Seele, sowie ein spannender amerikanischer Exzentriker prägten die diesjährige Ausgabe des Badener Blues Events. Ein begeistertes Publikum und allseits zufriedene Gesichter bei der Veranstalter-Crew um Festival-Präsidentin Susanne Slavicek sind denn auch das Resultat der durchweg hochstehenden musikalischen Darbietungen.

Die Freitagnacht im Nordportal gehörte ausschliesslich dem heimischen Blues-Schaffen. Der erst 25-jährige Dominic Schoemaker wird als eines der grössten Talente der hiesigen Szene gehandelt. Nach seinem Sieg bei der Promo Blues Night am Basler Blues Festival 2016 und dem Erreichen des Finales an der Swiss Blues Challenge 2017 setzte der Luzerner mit seiner Debüt-CD «Downtown Stories» ein markantes Statement ab. Songs von diesem Album machten denn auch den Hauptteil seines knapp einstündigen Auftritts aus. Schoemaker glänzte dabei als einfühlsamer Gitarrist der «Weniger-ist-mehr»-Schule besitzt, aber gesanglich und entertainerisch noch Luft nach oben hat.

Die heimliche Festival-Königin

Unbestritten ein Entertainer der Sonderklasse ist dagegen Philipp Fankhauser. Mit seinen Ansagen und Geschichten alleine könnte der Thuner mühelos auch als Stand-up-Comedian sein Brot verdienen! Cool und fast schon Vegas-mässig arbeiteten sich Fankhauser und seine hervorragende Band um den Lokalmatadoren Hendrix Ackle und den kürzlich mit dem Swiss Blues Award ausgezeichneten Marco Jencarelli in ihr Set ein, um nach und nach ein souliges Feuerwerk zu zünden.

Bei fast schon südstaaten-mässig heissen Temperaturen betrat am Samstagabend mit Rita Chiarelli die heimliche Königin des Festivals die Bühne. Die Kanadierin verbrachte die ganze Woche in Baden, trat mit Erfolg in verschiedenster Besetzung an mehreren Beizenkonzerten auf, bot einen Showcase mit ihrem Landsmann Morgan Davis und sang in der Kirche. Die Krönung schliesslich folgte an ihrem Nordportal-Auftritt. An der Seite ihrer reinen Frauenband Sweet Loretta zog Chiarelli alle Register der Roots- Musik. Charmant, seelenvoll und mit enormer Ausstrahlung navigierte die mit einer fabelhaften Stimme gesegnete Tochter italienischer Einwanderer ihre brillanten Musikerinnen durch einen Mix aus Eigenkompositionen und clever ausgewählten Covers. Die Soul-Ballade «I’ll Take Care Of You» von Brook Benton oder Big Mama Thorntons Klassiker «Hound Dog» etwa schienen wie massgeschneidert für Rita.

Ihre Comfort Zone verlassen mussten im Anschluss alle traditionellen Bluesfans. Der Gegensatz hätte kaum grösser sein können. Fantastic Negrito aus Kalifornien – mit bürgerlichem Namen Xavier Dphrepaulezz – gewann zwar im 2017 einen Grammy in der Sparte «Best Contemporary Blues Album», doch seine Musik sprengt die Grenzen des Blues komplett. Der Sänger, Gitarrist und Keyboarder mit somalischen Wurzeln hat zwar einerseits die schwarze Musik von Robert Johnson über Isaac Hayes bis zu Prince verinnerlicht, verarbeitet aber querbeet auch Tendenzen von Rap, Hip-Hop, Punk und hartem Rock.

Direkte, ungeschminkte Sprache

Sandte der Blues einst seine sozialkritischen und politischen Kommentare verschlüsselt und nur für Insider verständlich aus, so nimmt Fantastic Negrito kein Blatt vor den Mund, nennt die Probleme aggressiv beim Namen, lässt keinen Platz für Halbheiten.

Was dabei auf der Strecke bleibt, ist – sowohl textlich, als auch musikalisch – die Wärme und der ureigene Charme, welche den Blues immer von Pop-, Rock- und anderer Musik abhob. Negritos perfekt aufgesetztes Badener Konzert war denn auch ein Wechselbad der Gefühle. Seine exzentrische und theatralische, unter die Haut gehende Vorstellung, seine dynamischen Songs über die «Working Poor», über die Situation der «Nigga» (O-Ton), über die Drogenmisere, über Gang-Morde, über all die Situationen, welche er im Getto aufwachsend ständig miterleben musste, waren ungemein mitreissend und musikalisch hoch spannend, hinterliessen die Bluesfans aber auch irgendwo betroffen und ratlos.

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