Das Künstlerhaus Boswil wird 60 – es ist 12 Jahre älter als Sie. Was bedeutet Ihnen das Jubiläum?

Michael Schneider: Ich bin stolz auf diese lange, grosse Tradition. Es ist ein Privileg an einem Haus zu arbeiten, das sich immer wieder gewandelt hat – und das wir ständig weiterentwickeln.

Ist die grosse Tradition nur Würde oder auch Bürde?

Es ist keine Bürde, aber eine Herausforderung. Die Tradition verpflichtet uns, auf einem sehr hohen Niveau zu arbeiten. Dafür haben wir in den letzten Jahren gearbeitet und haben den Schritt zu einem professionellen Zentrum für Musik geschafft.

Was war für Sie bei der Arbeit an der Jubiläums-Broschüre die überraschendste Erkenntnis?

Wie unglaublich viele faszinierende Geschichten, die hier in Boswil passiert sind, noch in den Archiven schlummern: die Schicksale der Künstlerheimbewohner, Nachlässe, Fotos … Wir fangen erst jetzt an, diese Schätze zu bergen.

In welchem Moment der Geschichte wären Sie gerne dabei gewesen?

(zögert) Spannend wären sicher die ganz alten Zeiten: Bei einem Mittagessen zu sehen, wie die Künstler im Altersheim lebten. Es muss ein wilder Künstlerhaufen gewesen sein. Oder in den 60er- und 70er-Jahren: Da war Boswil ein Think-Tank. Beim ersten Besuch von Günter Grass oder beim ersten Komponisten-Seminar von Klaus Huber wäre ich gerne dabei gewesen, als man durchaus im 68er-Geist kämpferisch diskutiert hat.

Sie leiten Boswil seit 2006, was ist für Sie der Kern, das Herzstück?

Das sind nach wie vor die Begegnungen. Viele Leute kennen nur die Konzerte. Aber wir fördern auch jedes Jahr 200 Kinder sowie junge Erwachsene – und Musiker aus 30 Ländern kommen hier zusammen.

Und womit locken Sie am meisten Publikum an?

Auch mit den Begegnungen. Man kann in einem überschaubaren Rahmen berührende Musik erleben. Früher hiess es oft, Boswil sei elitär. Dagegen wehre ich mich. Wir machen hochstehende Musik, aber die Leute können in Alltagskleidern kommen, sie sitzen wenige Meter von den Musikern weg, spüren ihren Enthusiasmus – das kann eine Initialzündung für die klassische Musik ergeben.

Aber hat Boswil noch diese Einzigartigkeit? Kultur boomt, es gibt viel mehr Festivals und Konzert-Orte.

Es hat ein tiefgreifender Wandel stattgefunden. Über die frühen Kompositions-Seminare haben noch zwanzig Zeitungen berichtet! Heute unmöglich. Der Ort aber ist einzigartig geblieben. Gegen die Konkurrenz können wir uns nur mit einem starken Programm für ein breites Publikum und mit Qualität behaupten.

Heisst das, dass Experimente schwieriger geworden sind?

Schwierig wäre es, ein Ort nur für Experimente zu sein. Vielleicht war Boswil früher experimenteller, vielleicht ist das aber auch der nostalgische Blick zurück. Nur der Think-Tank zu sein, geht heute nicht mehr. Wir brauchen die breite Basis, um zu funktionieren und uns finanzieren zu können. Experimente haben durchaus Platz – aber nicht als Selbstzweck.

Gleich geblieben sind die Bauten und das Ambiente: die Kirche, das Pfarrhaus, es stinkt manchmal etwas nach Mist … Gleichzeitig ist das auch die Schwäche: Bei schlechtem Wetter steht man als Besucherin im Regen. Das wollen Sie ändern.

Ja. Boswil ist ein Ort, der sich in den letzten tausend Jahren baulich immer wieder verändert hat. Nachdem wir in den letzten sechs Jahren die Programme verbessert, Anzahl Veranstaltungen, das Team und das Budget fast verdoppelt haben, schauen wir: Was müssen die Liegenschaften erfüllen? Wir brauchen dringend eine Schlechtwetter-Lösung, ein Foyer mit Kasse, Garderobe etc. – verbunden mit einer Aufwertung des ganzen Ensembles und einer neuen Nutzung des historischen, ehemaligen Sigristenhauses.

Das Sigristenhaus kaufte der Kanton 2008 für 750'000 Franken mit der Auflage, dass Sie innert zehn Jahren etwas daraus machen. Ein schwieriges Geschenk?

Es ist ambivalent. Es ist ein tolles Geschenk, kann aber auch eine betriebliche Belastung sein. Für uns war es ein Impuls, eine ganzheitliche Liegenschaftsplanung voran zu treiben. Wir haben das Gefühl, dass wir mit dem Einbezug des Sigristenhauses unsere Kräfte besser bündeln können. Es sind ja alles denkmalgeschützte Liegenschaften. Mit einer Aufwertung handeln wir auch im Sinne des Kantons, weil wir die Wirkung des Ensembles noch einmal stärken können.

Wo steht Boswil zum 75. Geburtstag, in 15 Jahren?

Das kann ich nicht sagen. Die Geschichte zeigt, dass Veränderungen schnell passieren können. Ich gehe davon aus, dass sich in den nächsten Jahren nichts grundlegend ändert. Wir haben unser musikalisches Programm, wir haben mit dem Kanton klar definiert, dass wir uns als Kompetenzzentrum für klassische Musik verstehen. Von den schweizerischen Musikhochschulen bestehen vermehrte Kooperationswünsche. Boswil wird weit über die Kantonsgrenzen wahrgenommen. Wir müssen gut und flexibel bleiben, dann sind wir auch in 15 Jahren noch ein starker Ort.

Wenn Sie frei träumen könnten, wohin würden Sie Boswil bis in 15 Jahren steuern?

(zögert) Ich wünsche mir, dass wir uns neben den normalen Schienen einen Freiraum behalten, um aussergewöhnliche Projekte zu realisieren. Wie wir das in den letzten beiden Jahren mit dem Guiness-Rekord-Versuch oder dem Helikopter-Quartett schon gemacht haben. So können wir den initiativen und kreativen Geist von Boswil in einem guten Sinne bewahren.