Sie nahm in der Berner Rockband Stiller Has die Rolle der Muse, Mutter und Mediatorin ein. Dabei wollte sie doch eigentlich nur Musikerin sein: Salome Buser, 1966 in Liestal geboren. war acht Jahre lang Bassistin in der Band um Sänger Endo Anaconda. Warum sie Stiller Has verlassen hat, sagt sie in diesem Interview.

Salome Buser, was macht das mit einer Frau, wenn sie jahrelang mit einer männlich dominierten Bluesrock-Band wie Stiller Has unterwegs ist?

Salome Buser: Man wird ziemlich verdorben. Die Schweizer Musikszene ist eine Männerwelt, nur wenige Frauen arbeiten an der Technik, in den Clubs. Garderobengespräche sind entsprechend deftig. Auch mein Ton wurde rauer. Anstrengend war zudem, dass ich mich immer wieder als Bandmitglied behaupten musste.

Inwiefern?

Man glaubte mir oft nicht, dass ich die Bassistin war. Es kam unzählige Male vor, dass man mir den Zutritt zur Garderobe verweigern wollte, weil ein Türsteher davon ausging, dass ich ein Groupie sei.

Nicht wahr.

Doch. Die drei Männer in der Band mochten das auch nicht glauben, bis wir bei einem Heimspiel, in der Basler Kaserne den Test machten. Als ich nach dem Essen meinen Backstage-Pass zeigte, versperrte man mir den Weg, ein Türsteher hinderte mich daran, weiterzugehen. Er glaubte mir nicht, dass ich zur Band gehöre. Solche Situationen erlebte ich zuhauf, selbst auf dem Gurten.

Stiller Has zusammen mit Rapper Knackeboul beim Jugendsender «Joiz».

Man könnte meinen, dass Musikerinnen in Bands mittlerweile völlig selbstverständlich sind und auch die Security-Leute das gecheckt hätten.

Könnte man. Frontfrauen wie Sophie Hunger erleben dieses Problem vermutlich weniger, weil sie exponierter sind, auf den Plakaten, auf der Bühne. Aber als Bassistin im Hintergrund fällt man weniger auf und muss sich erklären. Als ich anfing, mit 20, war ich noch eine Exotin in einer Rockband. In Basel gab es nur wenige Instrumentalistinnen, Nadia Leonti zum Beispiel, damit hatte es sich eigentlich. Aber jetzt bricht es auf, ich merke und freue mich, dass immer mehr Frauen in Bands spielen und mit «Helvetiarockt» auch eine Lobby entstanden ist, in der sich Musikerinnen organisieren. Das finde ich grossartig.

Doch es gibt noch viel zu tun.

Oh, ja. Es kam oft vor, dass ich nach Konzerten gelobt wurde. Allerdings nicht für mein Bassspiel, sondern für meine Erscheinung: «Du hast sehr sexy ausgesehen am Bass!» Oder: «Deine Schuhe sind toll!» Meist fragte ich dann einfach zurück: Und wie hat Dir denn das Konzert gefallen?

Frustrierend, dieser Sexismus?

Schon, ja. Ich musste mir immer in Erinnerung rufen, dass ich für die Musik lebe, für die Glücksmomente im Jetzt, auf der Bühne, mit der Band. Der Preis dafür waren solche Erfahrungen. Vor diesen versuchte ich mich zu schützen, indem ich mich abschottete. Oder indem ich es mit Humor nahm. Endo Anaconda hat mir aus Spass eine klassische Biografie angedichtet: «Am Bass ist Salome Debussy, sie hat am Konservatorium in Paris studiert.» Das hat die Leute beeindruckt.

Wir leben ja tatsächlich in einer Diplom-vernarrten Zeit.

Das stimmt. Ich bin Autodidaktin, habe das nie richtig gelernt, kann dennoch von meiner Leidenschaft leben. Das ist das Schöne am Rock ’n’ Roll, es zählt der musikalische Ausdruck, wie ein Song rüberkommt. Ich spiele Bass, lege im Hintergrund einen Boden, auf dem die anderen abheben können.

Und als Mitglied von Stiller Has hatten Sie gar ein regelmässiges Einkommen.

Ja. Das war fantastisch. Endo scherzte auf der Bühne immer: «Wir schreien euch an und ihr zahlt auch noch dafür!» Tatsächlich konnten wir auf der Bühne das machen, was wir am liebsten taten und wurden auch noch anständig bezahlt.

Werden Sie nie bemitleidet, wenn Sie sagen, Sie seien freie Musikerin?

Nein, man wird bewundert. Und man wundert sich selber. Mein Berufsziel war nie, Profimusikerin zu werden. Ich bin da ja einfach so reingerutscht.

Sie spielten ursprünglich Geige.

Genau. Ich nahm vor 30 Jahren an einem Workshop an der Musikwerkstatt Basel teil, freute mich darauf, endlich mal zu «Oye Como Va» mitstreichen zu können. Weil in der Formation ein Bass fehlte, überredete mich Workshopleiter Schifer Schafer dazu, das Instrument zu wechseln. Und so wurde ich als 20-Jährige vom Bass angefixt, rutschte in die Musikszene hinein. Und, ja, ich spielte schon 1994 mit Stiller Has - das war bei den Aufnahmen für die CD «Landjäger».

Richtiges Bandmitglied wurden Sie aber erst vor acht Jahren.

Ich war Mutter geworden und wollte ganz für meine Tochter da sein, bis diese in den Kindergarten ging. Dann war ich bereit, bei Stiller Has voll einzusteigen.

Was führte dazu, dass Sie Ende Dezember Ihr letztes Konzert gaben?

In der Bandkonstellation war etwas verfault, wie es Endo nannte. Darunter litt die Kreativität - und jeder auf seine Weise. Ich merkte, dass ich eine komische Rolle einnahm. Ich war Mutter, Mediatorin und Muse. Aber eigentlich war ich doch einfach die Bassistin. Diese Rollen einzunehmen, war anstrengend. Hinzu kam, dass meine Mutter starb und eine Beziehung zerbrach, das warf mich aus der Bahn. In einer halbjährigen Konzertpause merkte ich, wie gut mir diese Auszeit tat.

Stiller Has am Gurtenfestival 2014

Es gibt wenig Bands in der Schweiz, die so konstant die Säle füllen.

Ich weiss. Viele Leute rieten mir auch davon ab, auszusteigen. «Du bist doch verrückt, tu das nicht!» Aber ich bin ein intuitiver Mensch, höre auf mein Bauchgefühl. Der Preis zu bleiben, wär zu hoch gewesen, zu ungesund.

Warum?

Der ständige Wechsel des Lebensrhythmus' ging an die Substanz. An den Wochenenden gab ich Konzerte, war jeweils bis tief in die Nacht auf den Beinen. Und am Montagmorgen stand ich um halb sieben in der Küche, um die Znünibrote meiner Tochter zu streichen.

Sie hatten ständig einen Jetlag.

Ja. Ich fühlte mich zunehmend erschöpft, energetisch entladen. Ich bin ja auch nicht mehr am gleichen Lebenspunkt wie mit 42, als ich bei Stiller Has einstieg.

Und jetzt?

Ich weiss nicht, was jetzt in meinem Leben kommt. Ich habe zwei Fixpunkte in meinem Leben: Meine Tochter und meine Gesundheit. Die zählen. Viele Leute in meinem Umfeld finden es mutig, aus einer bekannten Band auszusteigen. Ich fand es nicht mutig, nur nötig.

Mutig wirkt es, weil viele gerne ein solches Sabbatical machen würden im Alter von 50 Jahren, aber heutzutage beschleichen einen rasch existenzielle Ängste.

Das stimmt. Ich habe das Glück, finanziell ein Polster zu haben, sodass ich mir die Auszeit auch leisten kann im Moment.

Gar nicht so leicht, nichts zu tun.

Ja, manchmal hadere ich auch damit. Auf einmal keinen Tourplan, ja, überhaupt keinen Plan zu haben. Andererseits weiss ich wirklich nicht, ob ich wieder in einer Band spielen werde.

Sie fällen gerne radikale Entscheidungen?

Das Leben ist zu kurz, um sich eingleisig festzulegen. Ich würde gerne mit Film arbeiten, im Moment spiele ich auch viel Gitarre, einfach nur für mich. Den Bass habe ich nicht mehr in die Finger genommen seit dem letzten Konzert mit Stiller Has. Er steht in einer Ecke und ich weiss noch nicht, ob ich ihn je wieder in die Hand nehme.

Das klingt dramatisch.

Ist es überhaupt nicht.

Fehlt Ihnen der Kick nicht, auf der Bühne zu stehen?

Jein. Die Glücksgefühle sind gross an Konzerten. Man wird herzlich empfangen, von Veranstaltern, vom Publikum. Das ist wunderbar. Aber auf den Kick folgt immer auch die grosse Leere nach dem Konzert, nach der Euphorie. Am Schluss sitzt man alleine in einem Hotelzimmer mit einem furchtbaren Bild über dem Bett. Diese Einsamkeit ist der Preis, den man bezahlt, nebst dem Stau auf der A1 und einem verpassten Frühstück.