Eros Ramazzottis nasale Stimme gehört zum italienischen Kulturgut wie die Pizza. Und doch scheiden sich immer noch die Geister an ihm. Während der gebürtige Römer die Herzen seiner Fans zum Schmelzen bringt, sehen andere in ihm nur ein schmalziges Klischee der Italianità. Der Popstar hat die «Schweiz am Wochenende» in sein Tonstudio am unglamourösen Stadtrand von Mailand eingeladen, um über sein neuestes Album «Vita Ce N’è» zu reden.

Im modern ausgestatteten Studioraum stehen ein Ledersofa, ein Schlagzeug-Set, ein Piano und ein grosses Mischpult. Die Tür geht auf und plötzlich steht er da. Der Sänger ist bedeutend grösser als erwartet, eins fünfundachtzig. Schnell stellt sich heraus, dass Ramazzotti auch abseits der Bühne einen ergreifenden Charme besitzt: Wie er den Raum betritt, grüsst und dann ein Kompliment aus dem Ärmel schüttelt, ist eine einzige fliessende Bewegung und Nonchalance pur – wir sind baff.

Guten Tag, Signor Ramazzotti.

Eros Ramazzotti: Ciao! Du hast aber schöne Augen! Mit deinen blauen Augen hätte ich glatt 10 Millionen Alben mehr verkauft. Komm, setzen wir uns hier auf das Sofa. (Er setzt sich) Aua, autsch!

Ist alles in Ordnung mit Ihnen?

Ich habe seit ein paar Tagen Rückenschmerzen. Am Wochenende zog hier in Mailand ein stürmischer Wind auf, die Temperatur fiel um 15 Grad und ich bin nur im Unterhemd und Shorts auf die Terrasse, um schnell einige Sachen in die Wohnung reinzunehmen. Dieser Wind hat mich fertiggemacht.

Heute ist es mit 25 Grad ja fast sommerlich warm.

Morgen wirds aber wieder kalt, also Vorsicht. Du bist zwar noch jung, aber ich sag es dir trotzdem: sobald man 50 wird, hat man jeden Tag neue Beschwerden. Eigentlich beginnen sie schon mit 40.

Ihr Mitarbeiter sagte mir, Sie seien etwas ausgelaugt, da Sie die letzten Monate jeden Tag hier im Tonstudio verbracht hätten.

Ja, ich habe tatsächlich viel Zeit im Studio verbracht, aber letztlich ist ein gutes Album entstanden – das hoffe ich zumindest. Zum Glück ist mein Studio ein wenig wie mein Zuhause. Es hat eine positive Atmosphäre und befindet sich nicht in irgendeinem Keller ohne Licht. Vor Jahren habe ich in so einem kleinen Studio gearbeitet. Es fühlte sich an, als ob man fünf Jahre weggesperrt war.

Eros Ramazzotti - Vita Ce N'è

Wohnen Sie hier in Mailand?

Ja, fest wohne ich in Mailand seit 1985. Zum ersten Mal kam ich 1981 hierher, als 18-Jähriger. Es war die letzte Möglichkeit für mich, mit der Musik durchzustarten. In Rom habe ich mich am Konservatorium beworben, wurde aber nicht aufgenommen. Mailand war meine erste Erfahrung weg von zu Hause. Die Stadt, ihre Energie und die Geschäftigkeit gefielen mir sofort, darum bin ich auch hiergeblieben.

Sie sind in der römischen Peripherie aufgewachsen, nahe der legendären Filmstudios von Cinecittà. Wie war das?

Das Kino war in unserem Alltag eine feste Präsenz. Nicht weit von unserem Haus entfernt befand sich eine kilometerlange Mauer. Dahinter war das Studiogelände, wo berühmte Hollywoodfilme wie «Ben Hur» gedreht wurden. Es gab verlassene Sets, in denen man sich wie in einem Westernfilm wähnte. Manchmal hörte man sogar das «tschak» der Regieklappen.

Eros Ramazzotti und Michelle Hunziker – im Bild 1997 mit Töchterchen Aurora – waren elf Jahre lang verheiratet. Mit Nachdruck betonte das Management des Sängers, dass Fragen zur Ehe mit der Bernerin und ihrer Sektenvergangenheit (die sie kürzlich publik machte) bei diesem Gespräch nicht erwünscht seien.

Eros Ramazzotti und Michelle Hunziker – im Bild 1997 mit Töchterchen Aurora – waren elf Jahre lang verheiratet. Mit Nachdruck betonte das Management des Sängers, dass Fragen zur Ehe mit der Bernerin und ihrer Sektenvergangenheit (die sie kürzlich publik machte) bei diesem Gespräch nicht erwünscht seien.

Wollten Sie nie Schauspieler werden?

Nein, denn ich bin mit der Musik aufgewachsen. Mein Vater hat Musik gemacht und mein Grossvater sang mit der Gitarre stornelli (römische Volkslieder, Anm. d. Red.). Väterlicherseits wurde mir die Musik sozusagen in die Wiege gelegt. Mütterlicherseits habe ich den Charakter des Kämpfers übernommen. Bis jetzt ist mir diese Kombination ganz gut bekommen.

Sprechen wir über Ihr neues Album «Vita Ce N’è» (Es gibt noch Leben), ein sehr affirmativer Titel. Was bedeutet er für Sie?

Mit dem Titel will ich den Leuten vermitteln: Auch wenn du in schwierigen Momenten das Gefühl hast, dass dir die Welt auf den Kopf fällt, erinnere dich, dass es noch Leben gibt. Auf dem Album hat es auch ein gleichnamiges Lied. Es handelt von zwei Menschen, deren Beziehung nach einer Krise wieder von neuem auflebt.

Sie haben kürzlich gesagt, dass Sie ans Aufhören gedacht haben. Was war der Grund, dass Sie doch noch weitermachen?

Die grosse Leidenschaft für etwas, das für andere einfach eine Arbeit ist. Einige Leute singen, weil sie viel Geld verdienen wollen. Bei mir war von Anfang an die Leidenschaft das Wichtigste. Wenn du in dem, was du machst, aufrichtig bist, dann macht dich das stärker – und ich war immer aufrichtig.

Ist der heutigen Generation diese Art zu denken abhandengekommen?

Die heutige Jugend glaubt, alles sei einfach und schnell erreichbar – no! Ich bin nicht eines Tages aufgestanden und war Sänger; das habe ich über Jahrzehnte aufgebaut. Man musste sich den Hintern abarbeiten, um bei den Leuten anzukommen; zu den Heiligen beten, damit man bei einem Plattenlabel vorsprechen konnte. Heute kommt der Erfolg viel unmittelbarer. Es fehlt der Weg, bei dem man die Leiter Stufe um Stufe erklimmen muss. Aber dieser Weg formt dich und hilft dir, mit den Füssen auf dem Boden zu bleiben. Wenn man in einer Castingshow wie «X Factor» auftritt, die Leute dir zujubeln und man sofort berühmt wird, kann das gefährlich sein. Viele junge Menschen werden verheizt, weil sie nicht mehr kapieren, was real ist.

Mussten Sie das zuerst erleben, damit Sie zu dieser Erkenntnis kamen?

Ich hatte sie schon immer verinnerlicht. Meine Familie hat mir beigebracht, nicht mein Limit zu überschreiten. Ich bin nicht der Typ, der sich von seiner Aussenwelt abkapselt. Ich kann keine Drogen nehmen und mich ausklinken. Ich hatte im Leben Erfolg, aber ich bin jemand, der sich stets verbessern und optimieren muss.

Auch die Allerfleissigsten müssen sich irgendwie entspannen und Dampf ablassen …

Wenn ich mich eine Stunde hier im Tonstudio aufhalte, fühle ich mich bereits aufgeladen. Ich kann alles Negative vor der Tür lassen. Andere entspannen sich mit Apéros und ähnlichem Mist. Ich meine, das ist alles schön und gut, aber diese Dinge sind nicht das Wichtigste im Leben.

In Ihrem neuen Lied «Per il resto tutto bene» singen Sie: «Ich ertrage nicht die allgemeine Gleichgütigkeit.» Steckt da eine Kritik drin?

Der Titel bezieht sich ironisch auf die Frage «wie geht es dir?» und die Antwort «es geht mir gut». Es gibt diesen Zwang, sich gut zu fühlen. Vielleicht fühlt man sich mies, aber alle antworten, ihnen gehe es gut. Ich glaube, in unserer Gesellschaft herrscht viel Gleichgültigkeit. Über die sozialen Medien wie Facebook kann ich alles über dich sehen, aber ich ... ich spüre nicht deine Energie. Wie soll ich dich da kennen lernen? Es wird zunehmend schwieriger, sich zu verstehen, sich in die Augen zu schauen und ein paar Worte miteinander zu wechseln. Capito?

Ist das etwas, worüber Sie auch mit Ihren Kindern sprechen?

Ich versuche, ihnen klarzumachen, dass ihr Leben nicht der Realität da draussen entspricht; dass es ihnen gut geht, aber viele wegen Hunger und Krieg sterben. Den Kindern gehört die Zukunft und als Eltern ist es unsere Aufgabe, sie im Umgang mit der Natur und unseren Mitmenschen zu sensibilisieren.

Auf Ihrem neuen Album finden sich Duette mit dem deutschen Schlagerstar Helene Fischer sowie dem Puerto-Ricaner Luis Fonsi, der mit «Despacito» einen Welthit schrieb. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Am Anfang war die Lust da, tolle Lieder zu machen und Künstler mit unterschiedlichem Hintergrund in das Album einfliessen zu lassen. Helene habe ich ausgesucht, da sie in Deutschland eine einflussreiche Musikerin ist und der deutsche Markt seit je wichtig für mich ist. Luis Fonsi ist hingegen einer meiner Fans. Ich habe ihn wegen eines Duetts angefragt und er hat mir sofort zugesagt, ohne sich das Lied anzuhören. Je- des Mal, wenn wir uns hören, nennt er mich immer noch «maestro». Das ist ein schönes Gefühl, auch wenn ich mich dadurch ein wenig alt fühle (lacht).

Sehen Sie sich in der Rolle des altgedienten «maestro», der seinen jüngeren Kolleginnen und Kollegen mit Rat zur Seite steht?

Nein, die Zusammenarbeit gestaltet sich wie ein Dialog und nicht so, dass ich jemandem Dinge beibringe. Wenn man mich um einen Ratschlag bittet, dann erteile ich ihn, aber ich beurteile nicht. Jemanden zu beurteilen, heisst, dass man sich überlegen fühlt, aber ich fühle mich nicht überlegen. Es ist nicht meine Art jemanden zu beurteilen, ich spiele mich nicht als Lehrmeister auf. Jeder muss seinen eigenen Weg beschreiten.

Die Musikstile von Helene Fischer, und Luis Fonsi unterscheiden sich von Ihrem Stil, wie war das Feeling zwischen ihnen?

Das Experiment ist gelungen, vor allem mit Helene. Schlussendlich ist jede Zusammenarbeit anders, ob sie nun mit Tina Turner erfolgt, mit Anastacia, oder … wie hiess sie noch mal? (Blick zu seinem Mitarbeiter) Die Amerikanerin, das war vor etwa zwanzig Jahren … (Er überlegt) manchmal hat man einfach diese Gedankenlücken … Cher! Cher! Auf jeden Fall gefällt mir dieser kulturelle Austausch und in Zukunft möchte ich ihn ausweiten.

Sie singen seit Beginn Ihrer Karriere alle Ihre Lieder auch auf Spanisch. Stimmt es, dass sie es vor Jahren auch auf Deutsch versucht haben?

Ja, ganz am Anfang meiner Karriere, im Jahr 1985, wollte das Plattenlabel, dass ich das Lied «Una storia importante» auf Deutsch singe. Aber daraus wurde nichts, Deutsch ist wirklich eine schwere Sprache. Mit Spanisch finde ich mich besser zurecht, da es nahe an der italienschen Sprache ist.

Der rote Faden, der sich durch Ihre über 30 Jahre im Musikgeschäft und die 15 Alben hindurchzieht, ist das grosse Thema der Liebe …

… die erfolgreichsten Lieder handeln alle von der Liebe. Ich bin nicht der Erste, der darüber singt, und werde bestimmt auch nicht der Letzte sein.

Wie finden Sie immer wieder neue Worte, um dieses Gefühl auszudrücken?

Den Grundbaustein eines Liedes bildet die Melodie. Danach arbeitet man auf der textlichen Ebene: was man sagen und vermitteln will. Es ist nicht einfach, sich über die Liebe auszudrücken und das obendrein noch gut zu machen. Die Leute, mit denen ich seit Jahren die Liedtexte schreibe, sind im Einklang mit mir und ich pflege eine enge Beziehung zu ihnen.

Wenn man heute im Radio ein Liebeslied hört, denkt man doch gleich «wie kitschig».

Ich hingegen bin auch mit 55 noch sensibel. Kürzlich führte ich ein Interview und man spielte mir eine Nachricht meiner Tochter vor – das hat mich sehr bewegt.

Ihre grosse Leidenschaft nebst der Musik ist der Fussball. Spielen Sie noch selber?

Ja, ich kicke normalerweise samstags mit meinen Freunden. Auch wenn ich nicht mehr so schnell auf den Beinen bin wie früher, nennen sie mich «Bomber» (lacht). Aber seit ich mit dem Ernährungsberater und Fitnesstrainer von Juventus Turin zusammenarbeite, fühle ich mich wie neugeboren. Es ist wichtig, gesund zu essen und sich genug auszuruhen. Mal ganz abgesehen davon: Eine jüngere Frau und kleine Kinder zu haben, das ... (lacht.)

... hält Sie fit?

… Eh sì. Das und ein bestimmter Lebensstil. Ich rate zum Beispiel jedem über 30, abends leicht zu essen. Früher habe ich auf der Tournee zu unterschiedlichen Zeiten gegessen, am Ende eines Konzerts zum Teil auch nach Mitternacht. Jetzt achte ich besser auf die Ernährung und Erholung. Wenn möglich, versuche ich nach jedem Konzert, einen Ruhetag einzubauen. Wenn ich so weitergemacht hätte wie früher, dann sähe ich heute wie 90 aus.

Sie feiern bald Ihren 55. Geburtstag. Gibt es ein grosses Fest?

Meine Frau wollte ein Fest organisieren, aber ich sagte ihr: no, no, bitte mach nichts. Als 20-Jähriger feiert man die Geburtstage, aber was soll man mit 55 noch feiern, es ist einfach ein Jahr mehr. Ich bleibe zu Hause mit der Familie und mein Vater besucht uns aus Rom. Bald beginnen die Vorbereitungen für die kommende Tournee, da will ich möglichst viel Zeit mit der Familie verbringen.