Das Anschlagen der ersten Töne machte deutlich, aus welch immensem Fundus an Gestaltungsmöglichkeiten die erst 28-jährige Lise de la Salle schöpfen kann. Mit einem dunkelwarmen Klang setzte die französische Pianistin zu Ludwig van Beethovens dritter Sonate an und hielt so die klassische Heiterkeit dieser frühen, für Beethovens eigene Auftritte als Pianist geschriebenen Sonate noch für einen Moment im Zaum, ehe sie den perlenden Läufen Bahn brach. Auch in den folgenden Sätzen bewies Lise de la Salle eine grossartige künstlerische Präsenz, die sie während des gesamten Konzertabends aufrechterhalten konnte. Für den ersten Teil ihres Rezitals nahm sich Lise de la Salle eine kleinere «tour d’horizon» durch die Geschichte der Klaviersonate vor und stellte der frühen die späteste Sonate Beethovens gegenüber: ein eigenwilliges Werk, das ungleich sperriger angelegt ist als noch die Sonate aus Beethovens frühem Schaffen. Lise de la Salle gab im berühmten – und für die Ausführenden auch berüchtigten – op. 111 einen weiteren Einblick in ihr breites Gestaltungsrepertoire, das von dramatischer Bestimmtheit in der Einleitung und der Fuge bis zu ruhevoller Innigkeit in der Arietta reichte.

Mit Emotionen interpretieren

Im Anschluss an ihren Auftritt im Rahmen von «Piano district» in der ehemaligen Druckerei des Badener Tagblattes meinte Lise de la Salle im kurzen Gespräch mit dem Schriftsteller Alain Claude Sulzer, dass sie diejenige Musik besonders mag, die von ihr als Interpretin Emotionen verlangt. Und dieses Bekenntnis zur Emotionalität war durchweg spürbar, sowohl im ersten Konzertteil während der künstlerisch so anspruchsvollen späten Beethoven-Sonate als auch im zweiten Teil, für den sie sich drei der «Études» von György Ligeti und die Händel-Variationen op. 24 von Johannes Brahms vorgenommen hatte. Erstere sind hochvirtuose Stimmungsbilder, die Lise de la Salle mit sichtlicher Lust daran vortrug, die gesamte Klaviatur von den tiefsten bis zu den höchsten Tasten zu durchmessen. In «Fanfares» brachte sie die Musik zum Anschwellen und zügelte sie wieder zu einem vielfachen Pianissimo. Und während «Cordes à vides» im Nichts verklang, endete «Escalier du diable» mit einer explosiven Geste, die den Flügel noch sekundenlang nachklingen liess.

Das abschliessende Variationenwerk von Johannes Brahms sei ihr besonders ans Herz gewachsen, erklärte Lise de la Salle, bevor sie es dem Publikum vorstellte. In den 24 Variationen über ein Thema von Händel und der abschliessenden Fuge blitzte einmal mehr viel von der künstlerischen Fantasie des Ausnahmetalentes auf. Und dass die junge Pianistin ihren Beruf wohl auch gerne ausführt, zeigte sie mit gleich zwei Zugaben zu diesem anspruchsvollen und reichhaltigen Programm. Wie es sich gehört für eine Reise durch die grosse Klavierliteratur, schloss Lise de la Salle ihren Besuch im «Piano district» in Baden mit Rachmaninoff und Debussy ab.