Eigentlich hiess er ja Hans Peter und war in seinem Hauptberuf als Rechtskonsulent der Stadt Bern angestellt. «So eine Art Einmannjustizabteilung der Stadt», wie er das in einem Interview mit Franz Hohler selbst definierte. In der ganzen Deutschschweiz kannte man ihn aber als Mani Matter, bis heute. Seine Mundartlieder sind Evergreens.

Mani Matter war ein Mann mit vielen Talenten und doch selten mit sich zufrieden. Er schrieb auch Theaterstücke und Aphorismen. Die Juristen bewundern die knappe Präzision seiner Dissertation, und auch in der Politik ging Matter mit der Bewegung «Junges Bern» neue und erfolgreiche Wege. Sein früher Tod mit 36 Jahren (am 24. November 1972) war ein Schock. Er lässt uns alle rätseln, was der so vielseitig Begabte und mit immer neuen Ideen Aufwartende noch alles bewegt hätte.

Geburt der Berner Troubadours

Vor fünfzig Jahren, im Herbst 1966, formierten sich sechs Liedermacher der Marke ACI (auteur – compositeur – interprète) zu den «Berner Troubadours»: die drei Lehrer Ruedi Krebs, Bernhard Stirnemann und Fritz Widmer, die beiden Juristen Mani Matter und Jacob Stickelberger und der Buchhändler Markus Traber. «Berner Troubadours» wurde bald zum schweizweiten Markenzeichen für berndeutsche Lieder. Und Mani Matter ganz besonders.

Doch der Begriff war damals schon zwei Jahre alt. Kreiert hatte ihn der Kritiker der Zeitung «Der Bund», der spätere Programmdirektor von Radio DRS 1 Heinrich von Grünigen. Er führte den Begriff «Berner Troubadours» ein, als er über das Programm «Balladen, Lumpeliedli, Chansons auf Berner Art» des Cabarets «Schifertafele» im «Theater am Zytglogge» schrieb. Dort wurden Chansons aus verschiedenen Federn gesungen, unter anderen auch solche von Mani Matter. Dieser trat aber selber nicht auf. Wie früher in Cabarets waren die Aufgaben zwischen Schreibenden und Interpretierenden aufgeteilt. Neu an diesem Programm war, dass Fritz Widmer und Ruedi Krebs eigene und aus dem Englischen oder Schwedischen übersetzte Lieder interpretierten. Dazu kam der Chansonnier Bernhard Stirnemann, der auch seine eigenen, von den grossen französischen Vorbildern inspirierten Chansons vortrug. Das hat Mani Matter dazu motiviert, seine Lieder selbst zu singen. Es war die eigentliche Geburtsstunde der «Berner Troubadours».

Ein wirkliches Sextett waren die «Berner Troubadours» aber nie: An den Konzerten sang jeder sein eigenes 15- bis 20-minütiges Soloprogramm. Drei vor, drei nach der Pause. Einen anderen Zusammenhang als den Namen «Berner Troubadours» gab es eigentlich nicht. Doch sie und besonders Mani Matter haben viel ausgelöst: Eine richtige Welle von Nachfolgern (und nur wenig Nachfolgerinnen): 1969 taten sich Werner Jundt, Andreas Oesch, Peter Krähenbühl und Oskar Weiss mit ihrem Bassbegleiter Christian Fischer zu den «Berner Trouvères» zusammen (Trouvères nannten sich im Mittelalter die nordfranzösischen Minnesänger-Kollegen der südfranzösischen Troubadours). Nach weiteren drei Jahren kamen die «Berner Chansonniers». Und dann waren die Liedermacher in der ganzen Schweiz zu hören: Tinu Heiniger und Urs Hostettler im Bernbiet, Ernst Born in Basel, Walter Lietha und Linard Bardill im Bündnerland, Toni Vescoli, Jürg Jegge und Adrian Naef im Kanton Zürich, Dieter Wiesmann in Schaffhausen, Rolf Probala in Luzern, Werner Widmer und die Galgevögel im Thurgau waren während des «Booms» in den 1970er- und 1980er-Jahren die Bekanntesten.

Max Urban & ZeDe - Hemmige

Max Urban & ZeDe spielen 'Hemmige' (Cover Version von Mani Matters Hit) live im Klub Plaza in Zürich.

Lieder in allen Dialekten

Seither haben sie viele Nachfolger gefunden, wenn auch nicht mehr immer in der Form der einsamen Sänger mit Gitarre. Wie stilistisch breit gefächert heute Mani Matters Nachfolgerinnen und Nachfolger sein Erbe pflegen, ist auf ungezählten Podien aller Art im ganzen Land und vor allem in den Medien zu hören: Chansons, Rock, Pop, Rap, Spoken Word in allen möglichen Dialekten sind selbstverständlich geworden.

Beim Kleintheaterpreis, der jährlich von der ktv (einst Kleintheatervereinigung, heute Vereinigung KünstlerInnen – Theater – VeranstalterInnen) an ihrer Börse in Thun verliehen wird, kamen zwei der drei Nominierten aus der Songwriter-Szene: Manuel Stahlberger und das Trio mit dem rätselhaften Namen «Heinz de Specht». Diese vier Liedermacher beweisen einmal mehr die Richtigkeit von Mani Matters Feststellung, die er im bereits erwähnten Interview mit Franz Hohler formuliert hatte: «Ich höre oft den Satz: So etwas ist natürlich nur auf Berndeutsch möglich. Das hört man oft, wenn man nicht in Bern ist. Ich glaube das eigentlich gar nicht. Ich glaube, wenn einer kommt und es tut, ist es in jedem Dialekt möglich.» Stahlberger kommt aus St. Gallen, und von den Mitgliedern von «Heinz de Specht», drei brillanten Multiinstrumentalisten mit einem perfekten Zusammenspiel, stammt Roman Riklin aus St. Gallen, Daniel Schaub und Christian Weiss kommen aus Zürich.

Auch im Kosmos Mani Matter ist noch immer viel zu entdecken, wie der Zytglogge-Verlag auch diesen Herbst beweist. Der Verlag wurde vor fünfzig Jahren vor allem deshalb gegründet, weil Schallplattenverlage wie Ex Libris die ihnen angebotenen Matter-Aufnahmen als zu banal und zu lokal einstuften. Die treibende Kraft war von Anfang an bis zu seiner Pensionierung vor einem Jahr Hugo Ramseyer, einst Lehrer, Radioredaktor und Chansonnier, Leiter des Theaters am Zytglogge und später des Theaters Zähringer in Bern. Er hatte damals auch die ersten Konzerte mit Berner Mundartliedern organisiert.

In den letzten Jahren hat er mit seinem Verlag dafür gesorgt, dass Matters Platten und Liederbücher stets greifbar blieben, und hat Weiteres zugänglich gemacht: So können wir heute Matters Tagebuch während seines einjährigen Englandaufenthalts lesen, genauso wie seine Übersetzung (ins Hochdeutsche) von «Histoire du Soldat», das der grosse Westschweizer Schriftsteller Charles Ferdinand Ramuz einst zur Musik von Igor Strawinsky geschrieben hatte. Auch der Staatsrechtler Dr. iur. Hans Peter Matter kommt mit seiner Fragment gebliebenen Habilitationsschrift «Die pluralistische Staatstheorie oder Der Konsens zur Uneinigkeit» zu Wort.

Neues von und zu Mani Matter

Zu Matters 80. Geburtstag kündigt Zytglogge, der heute zum Basler Schwabe-Verlag gehört, erneut Matter-Publikationen mit noch Unentdecktem an. Da ist zum einen eine CD mit neuen Interpretationen seiner Lieder durch Schweizer Musikerinnen und Musiker: «von R&B bis Minimal-Techno, von Pop bis Indie», wie der Verlag ankündigt. Es ist eine neue Hommage an ein grosses Vorbild. Schon 1992 haben künstlerische Matter-Nachfahren wie Polo Hofer, Stefan Eicher, Kuno Lauener und Dodo Hug die CD «Matter-Rock» aufgenommen. Schon damals hat man festgestellt, dass Matters scheinbar simple, aber in Text und Musik präzis und kreativ gebauten Lieder sich vortrefflich als Vorlagen für Neufassungen eignen. Man darf deshalb gespannt sein.

Noti Wümié - Die Strass, won i dran wohne

Das Mani Matter Cover von Noti Wümié ab der neuen Compilation "Und so blybt no sys Lied".

Im Oktober wird auch «Was kann einer allein gegen Zen Buddhisten» veröffentlicht. Ein Buch, das unveröffentlichtes «Erzähltes, Philosophisches, Gedichte und Dramatik» aus Matters Nachlass zugänglich macht. Es handelt sich dabei um eine Fortsetzung von Matters Aufzeichnungen und Gedanken, wie sie schon in den kurz nach seinem Tod publizierten «Sudelheften» und im «Rumpelbuch» zu finden waren. Die Buchtitel stammten noch von ihm. In den «Sudelheften» schrieb er, es gebe genügend Romane, Erzählungen und Gedichtbände: «Bücher mit Aufzeichnungen verschiedener Art – Notizen, Briefen, Kurzgeschichten, Versen durcheinander – sind selten; aber sind sie nicht ehrlicher, notwendiger?»

Im Herbst folgt auch ein weiteres Matter-Bilderbuch: Der Grafiker und frühere Berner Trouvères-Liedermacher Oskar Weiss hat nach dem 1994 erschienenen «Sidi Abdel Assar vo El Hama» mit «Dr Ferdinand» ein zweites Matter-Lied illustriert, die traurige Geschichte vom liebestollen Kater Ferdinand. Dazu das «Mani-Matter-Liederbuch» mit Kommentaren und Hintergrundinfos des Musikpädagogen Ben Vatter Illustrationen von Silvan Zurbriggen. Schliesslich ist Matter auch in der digitalen Neuzeit angekommen: Bei Apple und Google lässt sich eine kostenlose Mani-Matter-App herunterladen. Der Achtzigjährige wird einfach nicht alt.

Martin Hauzenberger (*1947) ist Journalist, Liedermacher, Ko-Autor des Buches «Grosse Schweizer Kleinkunst» (2010) und Verfasser der Franz-Hohler-Biografie «Der realistische Fantast» (2015).