Gabs im Aargau in den letzten fünf Jahren aufregendere 45 Minuten als jene am Freitagabend in der Badener Trafo-Halle? Dort sassen 350 Menschen und starrten hingerissen auf das Podium, da sie kaum glauben konnten, was Meistergeiger Vadim Repin alles mit dem Violinkonzert von Johannes Brahms anstellte.

Tollkühn schraubte sich der Russe in diese vermeintlich epische Komposition hinein. Wie in Stein gemeisselt war dieses berüchtigte, all das Folgende auslösende, tiefe D in Takt 90: Nicht wie so oft überdrückt knurrend klang es, sondern diese Urnote des Werks war erfüllt von einer dunklen Fatalität. Welch heikler Gang dagegen das Hinaufschwingen um zwei Oktaven und die folgenden Triolen sowie auf- und abschwellenden Sechzehntel-Figuren werden sollten, ahnte man in diesem Sekundenbruchteil voller Ewigkeit noch nicht. Die Belohnung dafür gab es erst in Takt 136: Erhaben kostete Repin das Hauptthema aus.

Bis zu diesem erlösenden Moment schien der Geigentitan zu zweifeln, ob der Ritt über den Bodensee mit dem Argovia Philharmonic gelingen würde. Jeder Ton war nämlich überdeutlich phrasiert, als könne Repin dem nicht ganz vertrauen, was hinter ihm im Orchester abging. Es schien auch später immer wieder mal, als wolle Repin das Heft nicht aus der Hand geben.

Der Takt der Erlösung

Für das kleine Repin-Wunder in Takt 136 ist «piano» nicht die richtige Bezeichnung. Der Klang war wohl zart, sanft, den Engeln schmeichelnd, aber gleichzeitig vollklingend. Ein Jahrhunderttenor wie Jussi Björling (1911–1960) verstand sich auf dieses Zauberspiel der Täuschung einst ebenso gut wie Geiger Repin heute.

Wo andere schön spielen, vielleicht gar mit übersattem Ton angeben, ist Repin dank seines auf ein unheimlich schnelles Vibrato bauenden Spiels am Agieren, am Akzentuieren – am singenden Sprechen: Brahms Violinkonzert schenkt er mit ausgeprägt konzertanter Allüre einen geradezu kühnen Charakter. Wie er diesem wilden Geist noch einen draufsetzte und den dritten Satz, das Allegro giocoso, geradezu trotzig begann, nie dem allseits bekannten naiven Jubel verfiel, nie wie all die Schönspieler nach Glück gierte, war erschütternd.

Ein «Konzert gegen die Violine» soll das Brahms-Konzert sein? Vadim Repin bewies in Baden kühn das Gegenteil, machte daraus ein rauschendes Fest für sich und seine Guarneri-Geige.

Himmlisches Murmeln

Das unter Chefdirigent Douglas Bostock spielende Argovia Philharmonic agierte wach, setzte Akzente, meisterte auch das himmlische Murmeln zu Beginn des zweiten Satzes prächtig, obwohl vielleicht noch der eine oder andere an die eben verklungene Kadenz Repins aus dem ersten Satz dachte. Dabei hatte sich der Solist nämlich geradezu grandios überfordert.

In anderen Konzertsälen steht das Publikum nach einer solchen Interpretation Kopf. Die Badener applaudierten artig, aber immerhin so ausdauernd, dass Repin zum Glück nichts anderes übrig blieb, als die Zugabe anzustimmen: eine Zirkusvorstellung der Extraklasse.

Repin nickte den Aargauer Musikern zu, es zupfte mystisch aus dem Orchesterrund – und dann setzte er zur Volksmelodie «O mamma, mamma cara» alias «Mein Hut, der hat drei Ecken» an. Niccolo Paganini schrieb über dieses Thema die halsbrecherisch schweren wie kurios witzigen Variationen «Carnevale di Venezia». Repin hat sie verinnerlicht, kann damit spielen, jonglieren – ja zaubern.

Gab es da auch einen ersten Teil?

Das Argovia Philharmonic liess sich hier mit Freude zum Statisten degradieren. Man hatte im ersten Konzertteil genug Möglichkeiten gehabt, um zu glänzen, auch wenn das ausser ein paar Briten und den Kritikern nach Repins fulminantem Auftritt leider kaum mehr jemanden interessieren dürfte.

Douglas Bostock versuchte einmal mehr, die Aargauer von der Kraft der britischen Musik des frühen 20. Jahrhunderts zu überzeugen. Die Konzertouvertüre «Froissart» von Edward Elgar sowie Ralph Vaughan Williams’ 5. Sinfonie blühten dank Bostocks akkurater Werkkenntnis auf. Erstaunlich, wie hell und klar die lyrisch-sinnliche Sinfonie Vaughan Williams’ leuchtete, wie prächtig weit Bostock den Bogen in der Romanza ziehen konnte, wie getragen der Pianoklang aufblühte. Vom zweiten Konzertteil retour denkend, wurde plötzlich klar, wie schlau die Gegenüberstellung von Brahms mit Vaughan Williams war.

Die allgemeine Erkenntnis des Abends lautet: Das Argovia Philharmonic gibt Gas. Die Aargauer können in Zukunft von diesem Orchester noch viel erwarten.

Wiederholung: Dienstag, KuK, Aarau, 19.30 Uhr. Karten: www.argoviaphil.ch