Konzert

Ensemble lässt das Venedig des 16. Jahrhunderts wieder aufleben

Eine Gondel fährt durch einen Kanal in Venedig. (Archivbild)

Eine Gondel fährt durch einen Kanal in Venedig. (Archivbild)

Vor 500 Jahren wurde in Venedig ein jüdisches Ghetto errichtet. Das Ensemble Lucidarium spielt nun Musik aus dieser Zeit.

1516, Venedig. Die venezianischen Behörden richten ein Ghetto ein, für den jüdischen Teil der Bevölkerung. Doch dieses Ghetto ist nicht mit jenen aus dem 20. Jahrhundert zu vergleichen. Die venezianischen Juden konnten sich von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang frei in der ganzen Stadt bewegen. Und ihr Bereich wurde gleichzeitig von einem christlichen Wachposten vor Eindringlingen geschützt.

So konnte die jüdische Bevölkerung relativ frei in ihrem Viertel nach ihren Vorstellungen und Glaubenssätzen leben – was manch anderen Religionsgruppen so attraktiv erschien, dass sie die Behörden ebenfalls um die Einrichtung eines eigenen Ghettos ersuchten. So etwa 1575 die Muslime.

Zu jener Zeit war das jüdische Ghetto in Venedig von Juden aus aller Welt bewohnt. Juden aus Spanien, Portugal, der Türkei, Russland und Griechenland lebten hier. Ihre Speisen, ihre Tänze, ihre Lieder und ihre Liturgien vermischten sich, inspirierten einander gegenseitig. Und trafen auf die restliche venezianische Bevölkerung, die nicht weniger international war. Menschen aus Nordafrika, Frankreich, Albanien und natürlich Italien suchten hier eine wirtschaftliche Zukunft. So war das eigentlich katholische Venedig ein Zentrum für Glaubensvielfalt mit orthodoxen, protestantischen und muslimischen Gemeinden. Sie alle trafen sich auf den Piazze der Stadt, hielten regen Austausch, ungeachtet ihres Standes oder ihrer Religion.

Pulsierende Renaissance

Einer von ihnen könnte Elias Bachur Levita gewesen sein, ein deutscher Jude, der in Italien seine neue Heimat fand. Er hat zahlreiche Bücher publiziert, Wörterbücher, Psalmübersetzungen und Bibelkommentare. Aber er hat auch Gedichte in allen Formen geschrieben, welche die italienische Literatur zu jener Zeit kannte.

Er ist eine der Hauptfiguren im Konzertprogramm des Ensemble Lucidarium. Sie lassen nicht nur die Klänge des Venedigs des 16. Jahrhunderts wieder aufleben, sondern streuen immer wieder Textlesungen ein. Mit Ausschnitten aus Autobiografien aus jener Zeit, mit Verordnungen, mit Gedichten. Damit sollen die Bilder und Klänge eines Tages im Leben eines Kaufmanns rekonstruiert werden, ähnlich wie in Leopold Blooms Wanderungen im Dublin des 20. Jahrhunderts, wie sie in James Joyce’ «Ulysses» erzählt werden.

Musikalisch kommen lauter unbekannte Komponisten zu Gehör: zum Beispiel italienische Gesänge von Cosimo Bottregari etwa, Lieder mit Lautenbegleitung. Oder Canzone von Giovanni da Nola und Bartolomeo Tromboncino.

Spezialisten fürs Mittelalter

Das Ensemble Lucidarium mit Sitz in Genf ist spezialisiert auf diese Musik des späten Mittelalters und der frühen Renaissance und wird auch von Pro Helvetia unterstützt. Sie treten nicht nur im Bereich der klassischen Musik auf, sondern auch auf jüdischen Bühnen und in der Weltmusik.

Neben Sängerinnen und Sängern (Simone Marcelli, Anna Pia Capurso, Lior Leibovici und Gloria Moretti), einem Sprecher (Enrico Fink), neben Nickelharpa (Eloise Poirier), Hackbrett (Massimiliano Dragoni) und Flöten (Avery Gosfield, Marco Ferrari), neben Laute (Francis Biggi) und Viola da Gamba (Amandine Lesne) haben sie sogar eine Fachfrau für Videoprojektionen mit im Ensemble: Silvia Fabiani. Dass dieses Programm in der Reihe «Freunde alter Musik» erscheint, zeigt wieder einmal, wie modern auch die sogenannte alte Musik sein kann.

Musik für einen Kaufmann: Freunde alter Musik Basel. Ensemble Lucidarium. Mi, 26. 10., 19.30 Uhr, Martinskirche Basel. www.famb.ch

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