Über 100 Konzerte in drei Tagen an 39 verschiedenen Orten. Das Festival Klang Basel fordert seine Besucher. «Es ist einfach jammerschade, dass man nicht alles sehen kann», flüstert an der Kasse eine Dame zur anderen. So geht es wohl Vielen, auch wenn das Festival unterschiedliche Routen im Programmheft vorschlägt.

Die Meisten wählen wohl diese Variante: Eintauchen und sich überraschen lassen. Schliesslich ermöglicht das Festival nicht nur die Entdeckung von Musik aus allen Sparten, sondern auch diejenige von Räumen.

Als los ins BelleVue-Atelier gleich am Erasmusplatz. Ein Ort, wo die Leidenschaft für das Lichtbild gepflegt wird. Ein freundlicher Herr erklärt da spontan die Postkartensammlung mit Ruderbooten als Motiv. Im hinteren Raum zeigen Fotografinnen und Fotografen ihre Annäherungen an das Paradies. Hände in Meditationshaltung, ein Badestrand am Meer, Gärten, Winterwald.

In diesem Setting treten Schön à Deux auf. Das sind die jungen Gitarristinnen Noemi Locher und Esther Thommen. Sie erinnern an Barockengel, wie sie so dasitzen, mit beinah senkrecht aufgerichteten Gitarrenhälsen, ganz versunken in diese Musik, die einen an Siesta, flirrende Hitze, schwere Vorhänge in abgedunkelten Salons denken lässt. Dabei stammt die Komponistin Ida Presti gar nicht aus dem Land der Siesta, sondern aus jenem der Liebe. Passt aber auch zur Zartheit dieses schönen Auftakts.

Tagträume von Alpwiesen

Klang Basel bietet nicht nur die Entdeckung von kleinen Institutionen, sondern auch die der eigenen Stimme. «Jüützigs» ist der Name des Spaziergangs zu dem Seraina Clark-Wüthrich, Lars Handschin und Renate Schwank laden. Ein Publikumsrenner, wie der Aufmarsch bei der Wettsteinbrücke zeigt.

Das Trio, begleitet von einem Alphorn-Duo, lädt zum Jodeln. Weil am Basler Rhein aber keine Felswände als Echokammern vorhanden sind, sucht die Wandergruppe solche im urbanen Raum auf. Den Innenhof des Warteck beispielsweise oder den steilen Eingang zu einem Parkhaus. Die Wanderer sind aufgefordert, mitzutun. So manche Städterin und mancher Städter singen und summen mit geschlossenen Augen mit und träumen verzückt von Alpwiesen und jenen Klängen, die eben doch irgendwie Heimat sind.

Zu einer Begegnung über Kontinente und Jahrhunderte hinweg laden der amerikanische Gitarrist Derek Gripper, der südafrikanische Jazzpianist Paul Hamner und der Basler Lautenist Hopkinson Smith. Im Zentrum für Afrikastudien stellen sie Mali-Blues und afrikanischen Jazz den perlenden Lautenläufen des Barock gegenüber.

Hamner spielt dabei auf einem Klavichord. Sein Solo ist zwar unglaublich fein ziseliert, aber der Groove seines Spiels reicht höchstens bis in die Vorkammern des Gehörs. Das ist ein wenig wie Schwimmen ohne Wasser. Auf Grippers Gitarre kommt dann der Mali-Blues richtig ins Schwingen, schickt einen auf Reise in jene Wüsten, deren Zauber in den unendlichen Schattierungen des Lichts liegt.

Während die Jazzer frei und mit viel Humor interpretieren, spielt der Lautenist mit heiligem Ernst ab Blatt. Das ist zwar noch nicht die Verschmelzung von Barock und Mali-Blues. Aber zumindest mal ein Vorspiel dazu.

Zwischenverpflegung

Auf dem Weg zum nächsten Spielort lädt das «Consum» in der Rheingasse ausser Programm zum Halt. Die Kneipe feiert den zehnten Geburtstag. Dazu gibt es Jamón Ibérico und Weisswein. Auf dem Gehsteig spielt ein Trio spanische Musik. Auch so kann Basel klingen.
Als Nächstes gibt es tüchtig eins auf die Ohren. Der Bandname ist ein Zungenbrecher: Milieux Vanilieux aka Molton Bene.

Die fünf Männer laden in ihren Übungskeller an der Rheingasse 47. Jeweils fünf Besucher erhalten Eintritt in das alte, niedere Gemäuer. Da steht ein ausladendes rotes Sofa. Es bekommt den Preis für die bequemste und schönste Sitzgelegenheit am Festival. Angekündigt sind vier Songs, die der Gitarrenmusik zuzurechnen seien. Laut bis sehr laut. Und so ist es. Die Fünf drücken so richtig ab. Die Verstärkeranlage würde für einen mittleren Saal reichen. Ohne Gehörschutz ist das schon beinah versuchte Körperverletzung. Mit Gehörschutz eine wohltuende Ganzkörpermassage.

Aus dem Keller in den sechsten Stock im Parkhaus bei der Messe. Die Klangkünstler Michael Anklin und Janiv Oron haben sich hier eingerichtet. Draussen ist es dunkel geworden. Die Mitte des Parkdecks ist mit zwei Hellraumprojektoren erleuchtet. Schallvibrationen bewegen die Wasserschalen darauf. Schattenartig gleiten Strukturen über die Wand. Sie erinnern an den Blick durchs Mikroskop. Der Sound, den die beiden aus Schlagzeug und viel Elektronik zaubern, erscheint dagegen wie ein Gruss aus den Tiefen des Alls. Hier oben tönt Klang Basel nach dem anderen Basel. Jenem jenseits chic renovierter Kulturräume. Das ist der Sound einer Industriestadt.

Der Entertainer und das Orchester

Den Sound der gepflegten Kulturstadt gibt es dann zum Finale im Union. Rapper Greis und Gitarrist Benjamin Noti haben vor einer Woche in Bern ihr Album «Nouvelle Frisür» getauft. In Basel treten sie nun mit ihrer, zumindest temporär, neuen Band auf – dem Sinfonieorchester Basel. «Man muss den Jungen auch mal eine Chance geben», scherzt Greis.

Der Dirigent und Komponist Michael Künstle hat die neuen Songs des Duos für Orchester arrangiert. Greis ist in dieser Rolle eine Mischung aus Rapper, Chansonnier und Entertainer. Er füllt sie gut und kann es offensichtlich geniessen, dass für einmal Orchestertrommeln grooven, Streicher sülzen und Flöten scharf pfeifen, währenddem er seine Texte performt.

Gebrochene Herzen, die Rückeroberung der Strasse, die Schweiz als Prostituierte oder als Land der Trauer geistern durch seine luziden Texte. Da gibt es die Hommage an den Chansonnier Mani Matter, den Klassiker «Härz us Gold» und eine Rap-Nummer, die rappt, wie Rap es früher mal tat. Sie handelt von unser aller Zukunft als Bastarden, einer Zukunft in der, dank Durchmischung, keine Rassenunterschiede mehr gemacht werden können. Der Bastard Sinfonieorchester und Rapper spurt da schon mal vor. Dafür gab es Standing Ovations.