Musik
Endzeitstimmung bei den Rockern – endet ihre Ära?

Die legendäre Rockband Black Sabbath hat in Zürich ihr Abschiedskonzert gegeben. Ein Ereignis mit grosser Symbolkraft. Rockmusik dreht sich im Kreis.

Stefan Künzli
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Der Schwanengesang von Black Sabbath im Hallenstadion Zürich (von links) Schlagzeuger Tommy Clufetos, Bassist Geezer Butler und der «Prince of Darkness», Leadsänger Ozzy Osbourne. Gitarrist Tony Iommi ist nicht auf dem Bild.

Der Schwanengesang von Black Sabbath im Hallenstadion Zürich (von links) Schlagzeuger Tommy Clufetos, Bassist Geezer Butler und der «Prince of Darkness», Leadsänger Ozzy Osbourne. Gitarrist Tony Iommi ist nicht auf dem Bild.

Aargauer Zeitung

THE END stand in übergrossen Lettern auf der Leinwand des ausverkauften Hallenstadions und Ozzy schrie: «Thank you, good night and god bless». Alle wussten: Das wars. Die Gründungsmitglieder von Black Sabbath, Ozzy Osbourne (65, Gesang), Tony Iommi (66, Gitarre), Geezer Butler (64, Bass) sowie Schlagzeuger Tommy Clufetos (34), haben im Schweizer Abschiedskonzert noch einmal alles gegeben. Ein würdiger Schwanengesang. Nach dem letzten Konzert der Tour am 4. Februar 2017 soll dann definitiv Schluss sein. «Das Ende der legendärsten Band in der Geschichte des Rock ’n’ Roll« wie es auf der Homepage der Band heisst.
Damit wird ein grosses Kapitel Rockgeschichte geschlossen. Vor bald 50 Jahren haben Black Sabbath zusammen mit Led Zeppelin und Deep Purple den Hardrock begründet und mit dunklen, schweren Gitarren-Riffs, wummernden Basslinien sowie satanischen Texten den Grundstein zum Metal-Genre gelegt.

Bye-bye Status Quo! Und Iggy?

Endzeitstimmung macht sich aber nicht nur bei Black Sabbath breit. Selbst der unverwüstliche Iggy Pop soll sich auf seine Rente vorbereiten. Auch er wird am kommenden Sonntag am Festival «Rock the Ring» in Hinwil höchstwahrscheinlich seine Schweizer Abschiedsvorstellung geben. Noch offizieller tönt es bei den Kult-Rockern von Status Quo. «Es ist für uns an der Zeit, die E-Gitarren an den Nagel zu hängen. Es wird immer schwerer für uns, solche Shows zu spielen. Das ist eine endgültige Entscheidung», sagte Francis Rossi.

Am 15. Oktober verabschiedet sich die Band im Hallenstadion von ihren Schweizer Fans. Aber auch in den Texten des deutschen Rock-Urgesteins Udo Lindenberg weht ein Hauch von Abschied, und unser Mundart-Rock-Pionier Polo Hofer ist schwer krank.
Viele sind schon im Rockhimmel – oder der Rockhölle, je nach Standpunkt. Die jüngsten Abgänge wiegen besonders schwer. Denn mit dem Poeten Lou Reed, dem Trendsetter David Bowie und dem Prototypen Lemmy Kilmister hat die Rockmusik den Geist, das Gespür und die Seele verloren.

Die Überlebenden

Mick Jagger und Keith Richards sind die grossen Überlebenden der ersten Rock-Generation. Vor zwei Jahren haben sie es allen noch einmal gezeigt. Doch ob sich die Rolling Stones die Strapazen einer Tour noch einmal antun, ist fraglich. Auch AC/DC sind noch auf Tour. Aber die Krücke von Aushilfssänger Axl Rose ist sinnbildlich für den Zustand der Band. Die Aussie-Band ist nach dem Ausscheiden von Brian Johnson, Phil Rudd und Malcolm Young angezählt. Das jüngste Konzert im Stade de Suisse in Bern wirkte wie ein letztes Aufbäumen einer grossen Band. Die Verrenkungen von Angus Young wie die letzten Zuckungen eines greishaften Zwergs im Schulkostüm.

Den Zenit überschritten

Andere haben den Zenit überschritten. Wie der lendenlahme, einstige Gitarrengott Eric Clapton, der ins Weichspüllager des seichten Warenhaus-Pop gewechselt hat. Bei Coldplay fragt man sich: Hat das noch mit Rock zu tun? Aber am schlimmsten steht es um U2. Die langjährige Ideen- und Einfallslosigkeit der irischen Superband wird nur noch durch das Nervpotenzial von Sänger Bono übertroffen. Andere haben sogar kapituliert und versuchen es gar nicht erst. Pink Floyd haben sich verkracht und Led- Zeppelin-Gitarrist Jimmy Page hat eine Plagiatsklage am Hals.

Und was machen eigentlich Metallica? Kommt das angekündigte Album wirklich? Und wo um Himmels willen treibt sich Who-Gitarrist Pete Townshend rum?
«Rock ’n’ Roll ist tot», sagte Flea, der Bassist der Red Hot Chili Peppers, dieser Zeitung vor wenigen Tagen. Rockmusik sei eine «ziemlich alte Kunstform» geworden, die nicht mehr imstande sei, den Zeitgeist abzubilden. Er hält es denn auch für «unwahrscheinlich, dass die Könige des Crossover-Rock auf ihre alten Tage noch einmal der neue, heisse Scheiss werden könnten.» Genauso klingt denn auch die heute erscheinende, neue lauwarme Scheibe «The Getaway». Die Chili Peppers haben aufgegeben.

Gut 50 Jahre nach der Geburtsstunde des Rock nagt der Zahn der Zeit an der einstigen Rebellen-Musik. Die einen sterben weg, die anderen hören auf und der Rest der Helden verwaltet, so gut es noch geht, sein eigenes Erbe. Dabei geht es um mehr als um den unvermeidlichen Generationenwechsel. Die Rockmusik steckt seit Jahren in einem Kreativitäts- und Innovationsloch.

Die Letzten ihrer Art

Die britische Band Radiohead war in dieser Beziehung jahrelang die Hoffnungsträgerin. Konsequent hat sie versucht, neue Wege zu beschreiten. Hat Rock mit elektronischer Musik, Ambient, Kraut-Rock, Jazz und neuer klassischer Musik vermählt. Doch seit dem epochalen «Ok Computer» sind auch schon bald zwanzig Jahre vergangen.
Mit «A Moon Shaped Pool» haben die experimentierfreudigen Musiker um Thom Yorke jetzt ein neuerliches Meisterwerk abgeliefert. Es klingt aber vergleichsweise moderat und konventionell. «Hier geht etwas zu Ende», erkennt denn auch «Der Spiegel» und nennt Radiohead die «vorläufig letzte grosse Rockband» in einer Reihe, die von den Beatles und den Rolling Stones über Pink Floyd und The Clash bis zu U2 reicht. Es sind «Die Letzten ihrer Art».
Eigentlich paradox. Denn Rock ist, wie auch der härtere Bruder Metal, so populär wie wahrscheinlich noch nie. Ein Massenphänomen, das auch in diesem Jahr Zehntausende, ja Hunderttausende an die Festivals zieht. Der Gegensatz zwischen Innovationsunfähigkeit und Erfolg ist aber nur auf den ersten Blick widersprüchlich. Rock ’n’ Roll ist heute so populär, gerade weil er die Erwartungen erfüllt und das Altbekannte zelebriert. In einer Welt, in der sich alles dauernd verändert, bietet die Rockmusik Halt. Rock ’n’ Roll ist ein Fixpunkt, der mit seinem vertrauten Sound und den ewigen Werten von Ehrlichkeit, Direktheit, Vertrauen und Zusammenhalt den Fans eine Heimat bietet. Rock ’n’ Roll ist konservativ, vielleicht die konservativste aller Kunstformen.

Konservative Rockfans

Nein, Rock ’n’ Roll ist natürlich nicht tot, aber an einem Ende angelangt. Die einstige Rebellenmusik ist zu einer klassischen Form geworden, die sich nicht neu erfinden kann und will. Stattdessen dreht sie sich im Kreis. Das ist zwar bedauerlich, aber nicht nur schlecht. «Die herausragendste Rockmusik passierte zwischen den 50er- und den 80er-Jahren, vielleicht noch ein wenig in den frühen Neunzigern», sagt Flea. Heute können sich die Musiker die Perlen der Rockgeschichte herauspicken und neu interpretieren.
Die Tragödie der aktuellen Rockmusik besteht vielmehr darin, dass kaum jemand nachstösst. Niemand ist da, der die bestehende Hierarchie im Rock-Universum ins Wanken bringt. Muse, Kings of Leon und die Foo Fighters sind die einzigen Bands, die nach der Jahrtausendwende den Durchbruch schafften und wie die Rock-Dinosaurier Stadien füllen können. Das Rock-Publikum trägt bei diesem Dilemma eine Mitschuld. Die Geschichte von Axl Rose bei AC/DC ist bezeichnend. Grosse Teile der Fanbasis lehnten den Ersatzsänger zum Vornherein ab. «Das ist nicht AC/DC», hiess es trotzig. Das Rock-Publikum ist noch konservativer als die Musiker. Sie wollen das Vertraute. Schon die kleinste Abweichung vom Original wird als Verrat gebrandmarkt.

Neue Bands haben es schwer

Umso schwerer haben es neue Rockbands. Doch es gibt sie (siehe unsere Liste der besten Retro-Rockbands rechts). Zum Beispiel Rival Sons. Im Vorprogramm von Black Sabbath hat die Band um den charismatischen Sänger Jay Buchanan eine Performance abgeliefert, die in ihrer Intensität an Led Zeppelin erinnert. «Die kalifornischen Blues-Rocker machen genau da weiter, wo Deep Purple und Black Sabbath demnächst aufhören», schreibt das Magazin «Rolling Stone» über das Album «Hollow Bones», das in diesen Tagen erschienen ist. Findet hier auch eine Stabübergabe statt? Der amerikanische Musiker Henry Rollins (Black Flag) ist davon überzeugt. «Rival Sons hat die Idee, dass Rock ’n’ Roll irgendwann aussterben könnte, ausradiert».

Diese Retro-Rockbands müssen Sie kennen:

The Black Keys:

Die US-Band um Dan Auerbach ist die bekannteste Retro-Rockband und hat schon einige Grammies gewonnen. Mit Jack White kämpft sie um die Vorherrschaft des Retro-Rock. Im Gegensatz zu White sind die Black Keys aber kein Roots-Fundis und mischen immer wieder genrefremde Elemente in ihre karge, dreckige, bluesgetränkte Musik.

Rival Sons:

Die kalifornische Band um den Sänger Ray Buchanan ist die grosse Hoffnungsträgerin des Genres. Sie bietet alles, was gute Rockmusik ausmacht. Energie, Kraft, tolle Riffs und leidenschaftliche Interpretation und Performance. Rival Sons haben einen Hang zur grossen Geste, weshalb sie wie gemacht sind fürs Stadion. Mit ihrem neuen Album «Hollow Bones» sollte der Band der endgültige Durchbruch gelingen.

The Temperance Movement:

Als Einheizer der Rolling Stones sorgte die britische Rockband 2014 erstmals für Aufsehen. Herausragend ist die Stimme von Phil Campbell und die Intensität des bluesgetränkten Hippie-Rock. Mit ihrem aktuellen Album «White Bear» hat die Band auch ihre Songwriter-Qualität stark verbessert.
Live: 3. 7. Montreux Jazz Festival; 30. 7. Blue Balls Luzern; 31.7. Stimmen Festival Lörrach.

Blues Pills:

Blues Pills klingt wie eine Session von Led Zeppelin mit Aretha Franklin. Die schwedisch-amerikanisch-französische Band mit Sängerin Elin Larrson bezeichnet sich als Psychedelic-Rock-Soul-Band und ist eine ausgesprochene Liveband. Aber auch ihr erstes Album war vor allem im deutschsprachigen Raum erfolgreich. Am 2. August folgt «Lady in Gold». Live: 22. 10. in der Konzertfabrik Z7, Pratteln.

Kaleo:

Unglaublich! Die Retroband mit dem amerikanischsten Sound kommt aus Island. Worksongs, Gospel, Blues und Folk werden auf dem neuen Album «A/B» in ihre Version des Rock verarbeitet, wie wenn sie nie etwas anderes gemacht hätten. Inzwischen lebt das Quartett in den USA und will von dort aus die Welt erobern.

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