Museumslandschaft
Elektronische Musik stets neu denken

In der ohnehin schon reich bestückten Museumslandschaft Basels hat nun auch die Medienkunst ihren festen Platz: Das Haus der elektronischen Künste (HeK) öffnet an diesem Wochenende in seinen neuen Räumlichkeiten auf dem Dreispitzareal seine Tore.

Urs Grether
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Eine audiovisuelle Performance von Ryoji Ikeda. Die Computer Graphics stammen von Tomonaga Tokuyama. Liz Hingley

Eine audiovisuelle Performance von Ryoji Ikeda. Die Computer Graphics stammen von Tomonaga Tokuyama. Liz Hingley

Liz Hingley

Marc Schwegler kann das Eröffnungswochenende kaum erwarten. Der Konzertverantwortliche des nun neuen Hauses für elektronische Kunst (HeK) auf dem Dreispitz strahlt nur so während des Gesprächs. House und Techno sollen heute Freitag die einem breiteren Publikum zugewandtere Seite des elektronischen Schaffens zeigen – allerdings würde der auftretende Jamal R. Moss alias «Hieroglyphic Being» «doch schon so einiges be- und hinterfragen», hält Schwegler fest.

Im breiten Programm von Live-Acts ragt morgen Samstag der gemeinsame Auftritt des Computermusikers Russell Haswell und der Cellistin und Kuratorin Lucy Railton heraus. Schwegler gerät ins Schwärmen: 15 Jahre alt sei ein theoretischer Text, den Haswell über das Musikcomputer-Programm «Upic» verfasst habe. «Upic» wurde an der Pariser Unité Polyagogique Informatique entwickelt und 1978 vom Komponisten Iannis Xenakis für die Komposition «Mycènes Alpha» erstmals eingesetzt.

Marc Schweglers Herzensanliegen

Wie sich U und E, Club und Experiment, Gängiges und Marginalisiertes «zusammendenken» liessen, wie sich «Rahmen und Formate konstruieren» liessen, «in denen diese Mischungen nicht nur passen, sondern auch Spass bereiten für das Publikum und auch für uns», ist Schwegler ein Herzensanliegen. Hörerwartungen, die festhielten, was schwierige, was einfache, was tanzbare Musik sei, interessierten ihn schlicht nicht, hält Schwegler fest. Es gelte, diese Einstellungen zwar zu beachten, aber wechselseitig ineinander aufzulösen, immer neue Zugänge zu ermöglichen.

Marc Schwegler ist Redaktionsmitglied beim Magazin «zweikommasieben» für digitale Kultur. Er legt als DJ auf, hat am Luzerner Südpol fünf Jahre lang alle Funktionen übernommen (das Haus interimistisch auch geleitet) und als freier Veranstaltungsmacher gearbeitet. Ganz schön viel für einen Dreissigjährigen. Dass Schwegler neben seiner 50 Prozent-Stelle ein Zweitstudium in Kulturanthropologie absolviert – mit besonderer Beachtung der Medienästhetik und Medienphilosophie –, passt in den Zusammenhang des HeK: Inwiefern verändern Medien-Technologien unsere Wahrnehmung, was verändert sich damit im Verständnis der Welt, von uns selbst? Fragen zu Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine, die auch der Japaner Ryoji Ikeda mit seiner Kunst verfolgt. Ikeda verantwortet die erste Einzelausstellung im neuen Hek.

Von Ikeda ist es nicht zu weit zu Terre Thaemlitz. Wie kein anderer hat der New Yorker in seinen Arbeiten die Konstruktion von Hetero- wie Homo-Rollenbildern freigelegt, blossgestellt. Gewiss, Thaemlitz war in Basel schon mehrfach zu sehen, zumal in der Kaserne Basel. Wie dies jetzt erneut geschieht, markiert freilich die Chancen und Stärken des neuen HeK: Thaemlitz wird eine Konzert-Performance geben, als DJ auflegen und einen Workshop halten. Das Konzertgeschehen findet sich mit den übrigen Modulen des Hauses «verschaltet». Zusätzlich kann Schwegler, der einstige Troubleshooter im Luzerner Südpol, seine Vernetzung nutzen: Thaemlitz beehrt den Luzerner Kulturort ebenfalls. Zusätzlich arbeitet man mit dem Zürcher Plattenladen OOR zusammen.

Hinter OOR steht unter anderem auch der Basler «Plattfon»-Macher Michael Zaugg. Der leiste im «Oslo 10» noch bis Ende April 2015 wertvollste Pionierarbeit, anerkennt Schwegler. Das «Oslo» ist im gleichen lang gezogenen Gebäudekomplex auf dem Kunst-Campus untergebracht wie das HeK. Schwegler und Zaugg haben bereits gemeinsam veranstaltet. Zaugg hat mit seinem Team Ausstellungen kuratiert, die wiederholt Mediengeschichte thematisierten - mithin pflegt man im «Oslo 10» eben jenen archivarischen Umgang mit elektronischen Künsten, der dem HeK jetzt vom eidgenössischen Bundesamt für Kultur offiziell ins Pflichtenheft geschrieben wurde.

Was wäre an Konzerten noch weiter geplant? Mit Inga Copeland machen wir einen weiteren Namen auch im Programm des Luzerner Südpol aus. Hiesige Vertreter wie das Elektronische Studio und das Ensemble Phoenix (siehe nebenan) werden ihrerseits das HeK rocken. Ausserdem feiert das australische Experimentallabel «Room40» die ersten 15 Jahre seines Bestehens und wird eine Nacht bestreiten.