Es war ein magischer Abend. Erneut ein magischer Abend, muss man sagen. Nachdem das Stimmen-Festival 2016 die schottische Band Travis nach Arlesheim gebracht hatte («Why Does it Always Rain On Me?»), stand am vergangenen Freitag Elbow auf dem Programm.

Ebenfalls eine Band aus Grossbritannien, die nachdenklichen Pop mit grossen Gesten kombiniert. Ebenfalls eine Band, die das Publikum zwischen den epischen und elegischen Songs mit wunderbar ironischen Kommentaren zu unterhalten versteht.

«Stimmen», Britpop und Domplatz: Bis jetzt eine grossartige Kombination. Ob die Kooperation 2018 weitergeht, steht noch offen. Es bleibt zu hoffen. Allein die imposante, stimmungsvolle Kulisse macht Lust auf mehr solcher Open-Air-Konzerte in Arlesheim. Grosse Klänge im kleinen Dorf, entsprechend fein war die Stimmung im Publikum.

Dass es schweizweit das einzige Gastspiel dieser Band aus Manchester war, verlieh dem Abend besonders exklusiven Charakter. Denn Elbow, vor 25 Jahren gegründet und aktuell mit ihrem siebten Album am Start, machen sich diesen Sommer rar in unseren Breitengraden. Hat das jetzt auch mit diesem Brexit zu tun? Fragten wir Sänger Guy Garvey und Keyboarder Craig Potter vor dem Konzert, als sie uns – leicht verkatert vom Vorabend, aber keineswegs redefaul – eine zehnminütige Audienz gewährten. Ein Gespräch über Manchester, Bier und schräge Fans.

Sie spielen nur wenige Konzerte in Kontinentaleuropa. Zeigt da schon der Brexit Wirkung?

Guy Garvey: (lacht) Nein, der Brexit ist auch nicht in unserem Sinn. Man könnte nun annehmen, dass die Hälfte der Briten Idioten oder Rassisten seien. Aber so einfach ist es nicht. Viele Leute haben aus Protest gegen die Regierung, das System, für den Brexit gestimmt. Manche leiden ja auch unter den Regulierungen durch die EU, etwa Fischer oder Bauern. Wir selber kennen niemanden persönlich, der für den Brexit gestimmt hat. Wirklich niemanden. Wir betrachten das Abstimmungsergebnis als grösstes kulturelles Desaster, das wir je erlebt haben. Das grösste Desaster, seit Margaret Thatcher 1979 die Macht übernahm.

Elbow im Interview vor ihrem Konzert am Stimmen-Festival in Arlesheim

Elbow im Interview vor ihrem Konzert am Stimmen-Festival in Arlesheim

Die britische Band Elbow tritt heute am Stimmen-Festival in Arlesheim auf. Wie haben sie die Terrorattacke in ihrer Heimatstadt Manchester erlebt, was denken sie über den Brexit? Sänger Guy Garvey und Keyboarder Craig Potter geben Antwort.

Wenn wir es von Desastern haben: Wie haben Sie vom Terroranschlag in Manchester, Ihrer Heimatstadt, erfahren?

Craig Potter: Ich wachte am Tag danach auf und hörte es in den Nachrichten. Es war schockierend. Wenn so etwas vor deiner Haustür geschieht, ist es plötzlich viel realer. Hinzu kommt der Schock, weil wir ja selber schon oft in der Manchester Arena gespielt haben.

Guy Garvey: Ich bin kürzlich nach London gezogen, bin seit kurzem Vater eines Sohns. Aufzuwachen und diese Nachricht zu hören, war furchtbar. Ich sagte zu meiner Frau, dass ich nach Manchester fahren, meine Freunde treffen müsse. Sie verstand es. Craig und ich, wir setzten uns in ein Pub, tranken Bier, redeten darüber. Und wir erinnerten uns daran, wie aufgeregt wir waren als Jugendliche, wenn wir vom Norden Manchesters die Victoria Station passierten, um im Stadtzentrum auszugehen. Jenen Bahnhof, hinter dem die Arena liegt, wo die Bombe detonierte. Wir waren zwölf, dreizehn, wie manche der Opfer, ebenfalls Musikfans ... Etwas läuft furchtbar falsch, wenn ein Jugendlicher andere mit in den Tod reissen will. Es hat mich sehr traurig gemacht – und ging mir nahe, weil ich mich als «Mancunian» fühle. Ich habe mir vor zwei, drei Jahren sogar dieses Tattoo auf den Arm stechen lassen, das eine Arbeiterbiene zeigt.

Eine Arbeiterbiene?

Ja, die Biene ist ein Symbol für die Region Manchester. Nach dem Anschlag haben sich Abertausende Menschen dieses Motiv stechen lassen. Am Anfang fand ich den Trend doof, mittlerweile aber nicht mehr, weil ich mir überlegt habe, worum es beim Motiv der Arbeiterbiene ja im Grunde geht: Um den Zusammenhalt, um die Einheit, die man bildet. Die ganze Reaktion der Bevölkerung von Manchester macht mich unheimlich stolz. So stolz wie nie zuvor. In dieser Stadt gibt es viel mehr Liebe als Hass.

Wenn wir es von Liebe haben: In Videoclips wie «New York Morning» oder «It’s all Disco» porträtieren Sie Musikfans. Eine Hommage an die Leute, die wie Sie für die Musik leben?

Ja, klar. Die grössten Musikfans sind wunderbare Figuren, immer auch ein bisschen verrückt. Und ich liebe sie wie verrückt.

Was ist denn das verrückteste Erlebnis, das Ihnen ein Fan je beschert hat?

Garvey: Oh, das kann ich nicht sagen.

Potter: Ach komm, die Geschichte mit dem Fan vom Promostand …

Garvey: Die kann man nicht erzählen.

Potter: Komm schon.

Garvey: Also gut. Da war ein Typ im Publikum, weisses Poloshirt, kurze dunkle Haare. Er rief: Du hast Gewicht verloren, Guy! Ich antwortete: Oh, danke vielmals, das hatte ich gar nicht vor! Später kam eine Mitarbeiterin in die Garderobe und sagte: «Guy, ein Gentleman in einem weissen Poloshirt lässt ausrichten, dass er heute Nacht davon träumen wird, wie er auf dein Gesicht ejakuliert.» Und, als wär das nicht genug gewesen, fügte sie noch hinzu: «Ach ja, und er freut sich auf euer kommendes Konzert in Birmingham.» Das war … speziell. Ebenso dieser weibliche Fan vor ein paar Jahren. Sie schenkte uns eine Leinwand, die sie mit ihrem eigenen Blut und einer zerbrochenen roten Glühbirne dekoriert hatte. Das war nicht minder irritierend.

Potter: Aber keine Sorge, manchmal kriegen wir auch Cupcakes …

Für welche Musikerinnen oder Bands schwärmen Sie selber?

Potter: Sorry, was war die Frage? Ich habe nicht zugehört, weil ich das Mikrofon halten musste. Und ich kann nicht zwei Sachen gleichzeitig machen. (Gelächter)

Für welche Musikerinnen und Musiker fanen Sie selber bis heute?

Garvey: Ich glaube, wir würden uns alle bei DJ Shadow finden, oder?

Potter: Ja, sein Album «Endtroducing» hat uns alle elektrisiert, als es erschien, damals vor 20 Jahren. Auch Radiohead oder Spiritualized haben uns inspiriert.

Garvey: Fan bin ich auch bis heute von PJ Harvey. Und Joni Mitchell. Sie ist für mich die beste Lyrikerin.

Elbow gibt es nun schon länger als 25 Jahre ...

Garvey: ... wir mögen nicht mehr weiterzählen.

Eine lange Zeit. Wie hält man das aus, wie vermeiden Sie es, sich auf die Nerven zu gehen?

Garvey: Oh, das kommt schon immer noch vor, dass wir uns streiten. Aber nicht mehr so oft.

Potter: Ich glaube, wir haben in jüngerer Zeit realisiert, wie glücklich wir uns schätzen können, Musik zu machen und davon leben zu können. Sich das zu vergegenwärtigen hilft.

Garvey: Wir haben eigentlich immer nur Krach bekommen, wenn wir über musikalische Fragen uneinig waren, zum Beispiel, welche Songs wir live spielen wollen.

Potter: Weil wir so leidenschaftlich bei der Sache sind.

Garvey: Und weil wir so verdammt hart gearbeitet haben. Der Durchbruch gelang uns ja erst vor zehn Jahren. Es dauerte also, bis wir Financiers davon überzeugen konnten, dass eine Investition in unsere Musik eine gute Sache ist. Das wollten wir auch auf keinen Fall vermasseln, was etwa dazu führte, dass ich lange Zeit nicht mehr als drei Konzerte nacheinander gab. Ich fürchtete, dass mein Gesang leiden, ich meine Stimme verlieren könnte. Solche Unterbrüche kosteten uns als Band aber viel Geld und sorgten für Diskussionen. Heute sehe ich alles viel entspannter.

Sie haben die finanzielle Situation angetönt, für freie Musiker immer ein Thema. Haben Sie deshalb ein eigenes Bier gebraut vor einigen Jahren. Elbow-Bier als zweites Standbein?

Garvey: Nein, Geld haben wir damit nicht verdient, es kostete mehr als es einbrachte. Aber es war eine lustige Idee – und ein exzellentes Bier. Ein Top-Sommelier aus Belgien hat uns sogar ein Kompliment dafür gemacht. Was will man mehr!