Früher war nicht alles besser – ausser in der Opernwelt. Und vor allem in Zürich. So könnte jedenfalls denken, wer in Zürcher Opernkreisen verkehrt.

Gross war der Aufschrei der Alexander-Pereira-Nostalgiker und des Tages-Anzeigers, als Andreas Homoki 2012 das Opernhaus übernahm und das Sänger-Ensemble massiv verkleinerte. Da er auch neue Sänger brachte, durfte von den Alteingesessenen kaum jemand bleiben. Konnte das gut gehen? Ex-Direktor Pereira hatte ja durchaus ein prächtiges Riesenensemble geschaffen, das allerdings eine Unmenge Geld kostete. Ab 2012 sollte partiell gespart werden, das «System Homoki» durchgesetzt werden. Doch obwohl es nach drei Jahren greift, sind die Pereira-Sänger-Fans nicht verstummt.

Wir reden nicht von Stars wie Cecilia Bartoli. Die Italienerin singt diese Saison mehr in Zürich als zum Ende der Pereira-Ära. Tatsächlich geht die Bindung der Opernfans über die Stars der ersten Reihe hinweg zur zweiten Garde, ja weiter bis zu Nebenrollen, zum zweiten Zwerg von links.

Manch einer dieser Sänger schloss die Zürcher Opernfamilie so sehr ins Herz, dass man sie im gleichen Atemzug wie die wahren Stars nannte. Doch die Leistung dieser «Zweite-Garde-Stars» zu verklären, ist falsch, wie ihr weiterer Werdegang ab 2012 zeigt.

Erfolg in der 2. Reihe

Die Rumänin Elena Mosuc (1964) stand jahrelang im Schatten von Edita Gruberova. Als sich die Primadonna mit Pereira verkrachte, war die Zürcher Bühne für Mosuc frei. Doch kaum war Homoki da, sang Gruberova nochmals zwei grosse Belcanto-Partien, sozusagen Mosucs Partien. Andere Mosuc-Rollen wie Gilda oder Violetta sangen Alexandra Kurzak und Sonya Yoncheva; weltweit bejubelte Stars in diesen Partien.

Die Schwedin Malin Hartelius (1966) sang in Zürich unheimlich viel, meist recht gut, aber es reichte doch nie, um an weltberühmten Häusern richtig Fuss zu fassen. Das änderte sich, als Pereira nach Salzburg wechselte. Als Festspieldirektor zeigte er sich als loyaler Patron, nahm seine Zürcher Schäfchen mitsamt Ensemble-Mäuschen allesamt mit. Jeder konnte nun behaupten: Seht her, ich bin ein Salzburg-Star! Der alternde Matti Salminen konnte in Salzburg nochmals den Philippe II in «Don Carlo» singen, und selbst an der Scala, wo Pereira 2014 die Intendanz übernahm, durfte der 70-jährige Finne auftreten. Dort allerdings wurde Salminen ausgebuht. Und so zeichnet sich denn bei Salminen genauso wie bei Hartelius ein Rückzug in ihre Heimatländer ab. Auch Boiko Zvetanov (1955), in dem Pereira einst einen Pavarotti hörte, singt heute fast nur noch in seiner Heimat Bulgarien, in Varna und Burgas.

Isabel Rey (1966) war das Goldschätzchen der Zürcher Oper. Wo auch immer ein leichter Sopran gebraucht wurde, lächelte sie tief dekolletiert in den Saal. Unter «News» ist auf ihrer Homepage eine Liu (Puccinis «Turandot») in Zürich angekündigt – für die Saison 2011/2012. Natürlich war es hübsch, wie Rey Norina, die Adina, Susanne oder Gilda sang. Aber konnte sie jemals mit den Weltbesten mithalten? «Weltstars im Abo» hiess Pereiras Slogan. 2016 sang Rey in Las Palmas, in Mao, Valladolid und Valencia. Kurz: Ihre internationale Karriere ist vorbei. Ganz ähnlich, aber immerhin auf italienischem Niveau ists mit Zürichs einstiger Violetta, der Italienerin Eva Mei: Wer sie hören will, muss nach Florenz, Neapel, Parma, Triest oder Catania.

Wo ist Nello Santi?

Kein Dirigent war beim Zürcher Publikum beliebter als Nello Santi. Obwohl er überhaupt nicht ins aktuelle Dirigenten-Konzept – jung, billig und gut – passt, war man nicht so dumm, ihn ganz abzusetzen. In der aktuellen Saison dirigiert er nicht, er habe aber Angebote erhalten, so Homoki. Die Erklärung für seine Absage dürfte sein: Man bot ihm wohl «Rigoletto» in der modernen Gürbaca-Inszenierung an, die der konservative Santi hasst. Nebenbei: Santi wird im Herbst 85.

All diese Künstler würden das aktuelle Opernhaus nicht besser machen, keiner muss ihnen nachtrauern – dem Pereira-System allerdings durchaus: Es schaffte Vertrautheit und daraus ergab sich Wohlgesinntheit. Da durfte einer auch mal etwas am Rande seines Könnens ausprobieren. Ein Thomas Hampson (1955) genoss diesen Status. Er sang seit Mitte der 1980er-Jahre unter drei Zürcher Intendanten, erst bei Homoki war Schluss damit.

Hampson fällt allerdings wie viele andere unter die Zürcher Kategorie «zu teuer» bzw. «zu teuer für die heutige Leistung». Dazu gehören auch Stars wie Vesselina Kasarova, Piotr Beczala oder Jose Cura. Homoki engagiert Sänger, die auf dem aufsteigenden Ast sind – und folglich teilweise auch billiger. Teuer sind sie immer noch.

Nachgetrauert wird aber auch einer Ausnahmegestalt wie Tenorstar Jonas Kaufmann. Er will sich offenbar nicht für ewiglange Proben an Häuser binden, weder für Premieren und schon gar nicht für Wiederaufnahmen. Das toleriert Homoki nicht, passt nicht in sein System.

Name grösser als Leistung? Egal

War der Name genug gross, vertraute Pereira durchaus mal auf solche, deren Stern schon am Sinken war – und das über Jahre: Mara Zampieri, Mirella Freni, Nicolai Ghiaurov, Agnes Baltsa, Giorgio Zancanaro oder Ruggero Raimondi sowie einer ganzen Reihe von Tenor-Stars: Giuseppe Giacomini, Francisco Araiza, José Carreras oder Neil Shicoff. In Anlehnung an das Opernsänger-Altersheim in Mailand wurde das Opernhaus Zürich «Casa Verdi» genannt. Künstlerisch fragwürdig, für die Kasse trotz der Wahnsinnsgagen hingegen meist ein Gewinn: Opernfans sind Nostalgiker, lieben nichts mehr als grosse Namen. Bei passender Besetzung schaut man dann halt in fünf Jahren siebenmal «Tosca». Denn wer waren die Protagonisten der unvergessenen Abende in den 1990er-Jahren? Diese Stars sangen jedes Jahr meist ein Dutzend Abende in Zürich – einige wie Zancanaro das Doppelte. Heute kommen Spitzensänger bisweilen bloss für eine einzige Produktion nach Zürich, verschwinden dann wieder für lange Zeit.

Sehr vermisst von den Zürcher Opernfans werden übrigens auch Deon van der Walt, Gösta Winbergh, Alfredo Kraus und Laszlo Polgar. Sie sind alle tot.