Die Bühne ist in warmes Rot getaucht, stoisch hauen Männer auf Tasten, die Erwartungshaltung ist gross. Kalt klingt es: «Wir laden unsere Batterie / jetzt sind wir voller Energie / wir sind die Roboter / ding, dong dingdong.» Dazu laufen spektakulär reduzierte Lichtprojektionen, die dank 3-D-Brillen räumliche Kraft erhalten. Kraftwerks musikalisches und visuelles Bühnenspektakel bleibt auch 45 Jahre nach Bandgründung begehrt.

Nebst Urmitglied Ralf Hütter gehören derzeit Fritz Hilpert und Henning Schmitz als Audio-Operatoren und Falk Grieffenhagen als Video-Operator zur deutschen Band, die für exquisite Pop-Essenz steht.

Mienen verziehen die Musiktechniker keine, Grussworte oder Anfeuerungen passen nicht zu Maschinenmenschen, und Spontaneität gibt es erst recht nicht. Die Menge ist ob der zelebrierten Perfektion dennoch begeistert: Popfans bedeutet die Band dasselbe wie Venedig den reisenden Romantikern. Kraftwerk einmal live erleben – und dann beruhigt sterben.

Das Robotermenschenquartett, unsexy Typen in grauen KaDeWe-Anzügen, wirkt live wie eine Gruppe von Aliens auf Weltraumtour. Die Musiker aus Kling-Klang-Land (so heisst ihr Studio) hauchen ihren Maschinen Leben ein.

«Die Maschinen beseelen uns auch und sind zu uns freundlich. Sie schenken uns Ergebnisse in Form von Musik», sagte Gründer Ralf Hütter einmal. Im Konzertsaal tanzt das Volk, die Refrains eignen sich zum Mitsingen. Hymnen wie «Autobahn» oder «Das Model» haben seit den 1970er-Jahren Musiker wie Jeff Mills, Moby oder David Bowie und Bands wie Depeche Mode, Rammstein oder Yello beeinflusst. Die «New York Times» kürte Kraftwerk 1997 zu den «Beatles der elektronischen Tanzmusik».

Kraftwerk: Das Model (1980), live at Tate Modern in London 2013

Auftritt im Museum of Modern Art

Altmodisch und gleichzeitig modern sind Kraftwerks Titel, Themen und Temperamente: Nachdem die deutschen Elektronik-Pioniere aus Düsseldorf im April 2012 bereits im renommierten New Yorker Museum of Modern Art ihr Gesamtwerk von acht Alben an acht Abenden aufgeführt haben, traten sie auch bei der Biennale in Venedig auf.

Doch sie fühlen sich nicht nur umgeben von der Kunstboheme wohl: Kraftwerk sind immer wieder bei Techno- oder Dance-Festivals wie etwa beim Zürich Open Air im August 2012 zu erleben.

Was an Kraftwerk besticht, sind die Beats aus einer Zeit, als die Musik tanzen lernte. Sowie die auf Slogankürze reduzierten Messages, die sich wie Kinderliedreime anhören: Kraftwerk fahr’n, fahr’n, fahr’n auf der Autobahn, rattern im Trans-Europa-Express durch einen schwarzweissen Linienkontinent und hecheln bei der Tour de France mit. Dazu laufen alte Schwarz-Weiss-Stummfilme ab aus der Zeit, als die Bilder laufen lernten.

Die Kraftwerker haben sich aber auch in die Neuzeit gerettet: Sie warnen vor den Gefahren der Radioaktivität, zelebrieren sich selber als Mensch-Maschinen und versuchen herauszufinden, was es mit Techno und Pop, Mix und Computerwelt auf sich hat. Fragen, die uns alle beschäftigen; im Hier und Jetzt, wie schon im Gestern. Zur Monotonie und zum Motorisch-Präzisen sagte Ralf Hütter: «Das, was man vielleicht abschätzig ‹Monotonie› nennt, geht in einen anderen Zustand über.

Das ist ähnlich wie beim Radfahren: Die Wiederholbarkeit – beim Rhythmus der Maschinen und beim Radfahren – ist befreiend. Das Monotone, das Repetitive fanden wir immer toll.» Dank technischen Updates können die ergrauten Herren selbst der Techno-Generation Paroli bieten. Notfalls fackeln sie Songs wie «Tour de France» als Medienspektakel auf Highspeed in halsbrecherischem Tempo ab.

Musik als «Kunst der Zeit»

Und das Konzept dahinter? «Der reine Klang», erzählten sie schon 1975 dem US-Autor Lester Bangs, «ist das, was wir erreichen möchten.» Ralf Hütter redet in seinen seltenen Interviews oft von «Konzentration», um die Methoden seiner Band zu erklären. Der 63-jährige Kopf von Kraftwerk hat Musik einmal als «Kunst der Zeit» bezeichnet.

Aber nicht als Kunst der verknappten Zeit. «Wir finden es total beschränkt, dass alles in der Popmusik innert dreier Minuten zu geschehen hat. Das ist völlig künstlich und zielt nur darauf ab, dass so und so viele Songs in eine Rundfunkstunde passen.» Ein Stück wie «Autobahn» brauchte nun mal, je nach Verkehr, seine Zeit: In der Originalaufnahme sind es mehr als zweiundzwanzig Minuten. «Das fliesst ja alles», so Hütter. «Wie kann man Musik, die Kunst der Zeit, einordnen oder stoppen wollen? Das hat uns immer geärgert.»

Zudem streifen Kraftwerk von ihren Kompositionen alle Improvisationen ab. Sie kühlen die Melodien herunter und straffen die Struktur. Kraftwerk suchen nach der «reinen Effizienz ihres Sounds», wie ihr Biograf Pascal Bussy schrieb, nach der klaren Essenz. «Minimum – Maximum» hiess programmatisch ihre letzte Veröffentlichung von 2005, eine Live-DVD. Und es gelingt ihnen, mit dem Minimum ein Maximum zu erreichen. Technik und Rhythmik, Menschmaschine und Zeitlosigkeit – das sind die Ingredienzien des Grosserfolgs.

Auch ihr Kokettieren mit der Fusion von Mensch und Maschine, indem sie phasenweise Puppen auf die Bühnen und auf Interviewsofas setzten, ist einmalig. Zudem ist es in Zeiten des oft grenzgängerischen Starkults eine Wohltat, wenn eine Band dem Personenkult das Konzept der Entpersonalisierung entgegensetzt: Die Musiker stellen sich hinter die Musik, hinter die Essenz und Effizienz des Sounds.

Ralf Hütter: «Kraftwerk ist ein ganz bestimmter Sound aus Düsseldorf – ein Sound allerdings, der auch in New York geschätzt wird. Wir haben auf der ganzen Welt gespielt und werden verstanden, weil der Sound, den wir uns geschaffen haben, elementar ist.» So nahmen sie sich ihre Freiheit, fanden Eigenständigkeit – und Weltruhm.

Montreux Jazz Festival, vom 5. bis 20. Juli. Konzert Kraftwerk: Mi, 17. Juli, 20 Uhr im Auditorium Stravinski.

www.montreuxjazz.com