Solist
Ein Zeremonienmeister und Anti-Star kommt nach Basel

Der russische Star- Pianist Grigory Sokolov kommt morgen Dienstag nach Basel, um Haydn und Beethoven zu spielen.

Anja Wernicke
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Er entspricht nicht dem klischeehaften Typus des russischen Piano-Virtuosen, der seine Zuhörer bevorzugt mit Kraft und Leidenschaft überwältigt. Vielmehr ist Grigory Sokolov für seine überaus poetischen Interpretationen bekannt und beeindruckt eher mit Sanftmut und Zartheit. In völliger Weltvergessenheit versunken, kauert er mit gebeugten Rücken am Flügel. Das Licht im Konzertsaal lässt er stets abdunkeln, sodass eine intime, okkulte Schummer-Atmosphäre entsteht. Die Konzentration seiner Zuhörer lenkt er damit ganz auf die Musik.

So geschah es im vergangenen Jahr beim Piano Festival im KKL Luzern, und so wird es auch im Musical-Theater beim AMG-Solistenabend kommen. Ihn selbst und natürlich seine Interpretationen umweht dabei ein gewisser Hauch von Mystizismus. Es entsteht der Eindruck, auf dem Podium sässe ein schon steinalter Zeremonienmeister, der gerade eine musikalische Geisterbeschwörung durchführt. Dabei ist Sokolov eigentlich erst 67 Jahre alt, doch meilenweit entfernt vom gegenwärtigen Jugendlichkeitswahn.

Überhaupt scheinen ihn Moden und die Gesetze des Musikmarktes nicht zu tangieren. Obwohl er in der Klassikbranche als bedeutendster Pianist gilt, ist er eher ein Anti-Star. Er gibt keine Interviews, spielt seit vielen Jahren nicht mehr mit Orchestern oder anderen Musikern, nimmt keine Studioalben auf. Seine CDs sind stets Live-Aufnahmen. Das überrascht umso mehr, als dass er seit zwei Jahren beim Label Deutsche Grammophon unter Vertrag ist. Neben Kunstfiguren wie Lang Lang und Alice Sara Ott, die mit übersprühender Dynamik und unstillbarem Aufmerksamkeitsverlangen auftrumpfen, wirkt er wie ein prinzipienreitender Hinterwäldler. Er lässt sich nicht ins Licht zerren, und je mehr seine Persönlichkeit im Schatten verschwindet, umso mehr leuchtet seine Musik.

Vom Wunderkind zum Zauberer

In Leningrad geboren, erhielt er bereits als Fünfjähriger Klavierstunden und wurde schnell als Wunderkind entdeckt. 1966, als er 16 war, wurde ihm als jüngstem Musiker überhaupt die Goldmedaille des Internationalen Tschaikowsky-Wettbewerbs verliehen.

Es folgten Konzertreisen in die USA und nach Japan. Seine frühen Aufnahmen erlangten im Westen Kultstatus. Nach dem Zerfall der Sowjetunion begann er, Konzerte mit den führenden europäischen Orchestern zu geben, in Amsterdam, London und München, bevor er sich entschied, sich nur noch auf Solokonzerte zu konzentrieren.

In den Feuilletons wird er als «Guru» und «Zauberer» beschrieben. Und tatsächlich meint man der Musik mit ihm auf magische Weise so nahe zu kommen wie sonst nie.

Mit Blick auf das Basler Programm sollte er – wenn der Zauber wirkt – die Haydn-Sonaten zum Singen und die Dramatik der Beethoven-Sonaten zum Grollen bringen.

AMG-Solistenabend Dienstag, 12. Dezember, 19.30 Uhr, Musical-Theater, Basel.

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