Das Mittelland hat Soul. Seven ist ein Beweis dafür. Und James Gruntz ein weiterer. Denn der 30-jährige Sänger, der in Biel aufwuchs, in Basel grösser wurde und in Zürich studierte, hat sich in Dulliken niedergelassen. Auf der Suche nach einem Ort, wo er auch nachts singen konnte, ohne einen Nachbarn zu stören, fiel ihm im Zug Richtung Olten die Loftwohnungswerbung an einer Fabrik auf, «Hugi» nennt man sie. Einst wurden darin Schuhe hergestellt. Heute sind es Songs.

Die Erdgeschoss-Wohnung ist vier Meter hoch, offen gestaltet. Viel Luft, um die Ideen fliessen zu lassen – und viel Beton, um den Schall zum Nachbarn abzubremsen. Ideal für Gruntz, den seine Eltern vor 30 Jahren Jonas getauft haben, der hier sein Heimstudio eingerichtet hat. Bücher über Wein, Musik oder Film dienen als Raumteiler zwischen dem Wohnbereich, wo auch eine Eames-Loungeliege lockt. Man merkt: Hier lebt ein Genussmensch, mit Sinn für Design.

Zum Kaffee bietet Gruntz Sojamilch an. Laktoseintoleranz? «Nein, eine der lebensoptimierenden Massnahmen, die ich für die Produktion des neuen Albums getroffen habe», sagt er. «Ich wollte nur noch alle zwei Wochen einkaufen. Also stieg ich auf Sojamilch um.» Er kaufte sich auch zehn gleiche T-Shirts, damit er nicht mehr jede Woche waschen musste. «Ich wollte jeden Morgen aufstehen und mir keine Gedanken machen darüber, was ich anziehe oder was ich einkaufen sollte.»

Flucht vor dem Song

Er ist ein Mann, der sich gerne Prinzipien auferlegt. «Sie helfen mir, weil ich sie bei der Musik nicht habe. Da folge ich ungern Regeln. Aber ein Rahmen gibt mir Sicherheit und Freiheit.»

Und Freiheit hatte er viel, seit er im April 2016 eine Konzertpause einlegte. Anfänglich fast zu viel. Denn statt ernsthaft an neuen Liedern zu arbeiten, entdeckte er eine neue Liebe: das Gärtnern.

«Ich setzte mich relativ intensiv mit dem Garten auseinander: Mit dem anpflanzen von Sträuchern, Kräutern, Gemüse», erzählt er. Und so kam es, dass die Zeit verstrich. Es gibt ein Fremdwort dafür: Prokrastination. Ich weiss, sagt er, lächelt und zuckt mit den Schultern. «Mir gefällt, dass sich die Pflanzen die Zeit nehmen, die sie brauchen. Wenn die Tomaten noch nicht reif sind, muss man halt warten.» Gleichzeitig sei es aber auch eine Flucht gewesen. Die Flucht vor dem Song. «Ich spiele gerne auf dem Klavier rum, kann stundenlang frei jammen, ohne dass dies auf eine Songstruktur hinzielen muss.»

Monate flossen dahin, ohne dass man von ihm hörte. Auch, weil er sich das erstmals überhaupt leisten konnte in seinem Leben als Musiker.

2016, sein Hit «Heart Keeps Dancing» war noch in aller Ohren, erhielt Gruntz aus dem Nichts den mit 80 000 Franken dotierten Preis der Fondation Suisa. Ein Werkjahr. «Das Schöne daran: Dieses Geld war nicht zweckgebunden, ich hätte mir auch ein neues Auto kaufen können», sagt er. Und, hat er es getan? «Nein. Ich habe jahrelang von der Hand in den Mund gelebt.» Das habe ihn geprägt. «Wenn der Kontostand tief wird, stresst mich das enorm.»

Das Gesicht hinter dem Hit

Immerhin: Längere Ferien gönnte er sich, zum ersten Mal seit elf Jahren. Gruntz reiste für einige Wochen mit seiner Freundin der amerikanischen Westküste entlang, von Vancouver bis Los Angeles. Er brachte einen kleinen Mammutbaum mit nach Hause. Und er liess sich ein Tattoo in den Arm stechen. Einen Regenbogen. «Wenn man sich selber ein bisschen kaputt macht, spürt man den Moment und realisiert, dass man lebt, aber auch dass es vorbeigeht. Die Farben werden mit der Zeit verbleichen.»

Die Signatur eines Augenblicks, gemacht für die Ewigkeit. Ein bisschen wie im Song «Heart Keeps Dancing», der hängenbleibt, nicht zuletzt durch die mit der Zunge geschnalzte Hookline. Dieser Song brachte ihm nach 2014 neues Publikum an die Konzerte, ebenso der Gewinn zweier Swiss Music Awards, die 2015 dazu führten, dass viele Radiohörer seither auch das Gesicht kennen, nicht nur den Song.

Wurde der Erfolg, den ihm das eingängige, auffällige «Heart Keeps Dancing» bescherte, zur Belastung? Nein, sagt er. «Das Zungenschnalzen ist ein Markenzeichen, mit dem ich sehr gut leben kann. Es macht mir wirklich Spass. Das kann auch nicht jeder.» Darum taucht es auch auf dem neuen Album, «Waves», wieder auf. Ein Album, das an den Vorgänger «Belvedere» anknüpft: Gruntz schichtet seine Gesänge übereinander, verwendet seine Stimme als Effekt, als Rhythmus und auch mal als Ersatz für ein Instrument.

Dass er so virtuos mit der Stimme umgeht, rührt vielleicht auch daher, dass sein erstes Instrument das Kornett war. Widerwillig ging der Teenager in den Unterricht, musste seine Eltern davon überzeugen, dass das Blechblasinstrument eher ihr Wunschinstrument war als seines und dass er mehr Freude daran hätte, wenn sie ihm stattdessen Schlagzeugunterricht ermöglichen würden.

Die Liebe zu Beats, zu tanzbaren Songs dringt auch in den neuen Stücken durch, die stark vom amerikanischen R&B beeinflusst sind, sich aber durch eine fröhlichere Grundstimmung vom melancholischer gefärbten Vorgänger unterscheiden.

«Ich stelle mir gerne Aufgaben, wenn ich an einem Album arbeite. Diesmal wollte ich das Lebensbejahendere in die Musik einbringen», sagt er. Er möge Happy Songs, doch falle es ihm in der Regel schwer, selber solche zu schreiben. Aber im Moment gehe es ihm gut. «Aufs Land ziehen, mehr für mich sein. Das war nur möglich, weil es mir gut geht.» Grübelt er auch nicht mehr so viel? «Auf musikalischer Ebene? Nein.»

Obschon er nicht mehr so zweifelt, erscheint das Album später als geplant, im Herbst statt Frühjahr. Weil er am Ende den Finish vor sich herschob, weil die Melodien in seinem Kopf noch passende Texte brauchten. Dass das ein Kampf war, erkennt man an einer Wand in seiner Loftwohnung: Dutzende Notizzettel mit Satzteilen, Wörtern, in manchen steckt ein Wurfpfeil. Es falle ihm leichter, die Gefühle musikalisch zu transportieren, sagt er. Doch ist er pragmatisch genug, um zu wissen, «dass ich mit einem Kauderwelsch-Text nicht so viele Leute erreichen würde».

Angesichts der langen Wachstumsphase ist das geschmeidige Album kurz ausgefallen. Nur gerade sieben Songs finden sich darauf, ergänzt durch kurze Natur-Aufnahmen aus seinem Garten. «Ich probiere das Publikum an kürzere Alben zu gewöhnen», sagt er. «Denn wer hört noch Alben am Stück?»

Nicht nur die Musik ist neu, auch die Band, die ihn begleitet. Gruntz hat die Begleitmusiker bis auf den Gitarristen ausgewechselt. «Ich wollte vermeiden, dass wir uns wiederholen», sagt er. Befreit hat er sich auch in Sachen Künstlerbetreuung: Neu ist er bei Zytglogge unter Vertrag. Zudem hat er erstmals in seinem Leben einen Manager, der sich nur um seine Belange kümmert.

Und das Ausland? Das wollte er eigentlich schon lange anpeilen. «Der Schritt nach Deutschland hat überhaupt nicht funktioniert», räumt er ein. Man habe den Fehler gemacht, aus der Schweiz heraus zu steuern statt vor Ort präsent zu sein, ein deutsches Label zu finden. Das will er nun ändern. Und mit «Waves» seine Schallwellen aus dem Garten senden, über die Landesgrenzen. Endlich die Früchte seiner Arbeit ernten.