Wie Stromschläge fahren die Bewegungen durch seinen Körper. In krampfartigen Zuckungen schmeisst sich Michal Nesterowicz auf dem Podium der Grossen Bühne im Theater Basel von links nach rechts, bäumt sich auf und streckt die Arme in gewaltigen Gesten Richtung Decke. Spielt das Sinfonierochester jetzt etwa Techno? Nein, aber eine Musik, die sich in ähnlich ekstatische Sphären begibt, auch wenn nur für wenige Augenblicke und nicht die ganze Nacht.

Gegen Ende des letzten Satzes aus Nikolai Rimski-Korsakows Sinfonischer Suite «Scheherazade» ist es, als würde der erste Gastdirigent selbst auf dem Schiff, das im Sturm auf die Klippen zusteuert, gegen die Fluten kämpfen – mit solcher Intensität nimmt er die wuchtigen Rhythmen auf und peitscht seine Musiker an. Nicht nur die Musik, die auf den Erzählungen aus «Tausendundeiner Nacht» beruht, regt die Fantasie an, sondern auch sein Dirigat.

Nesterowicz ist kein gemütlicher Märchenonkel, sondern ein feuriger Erzähler. Dabei hat Rimski-Korsakow auf die aussagekräftigen Satztitel wie «Der junge Prinz und die Prinzessin und Fest in Bagdad» oder «Das an den Felsen mit dem ehernen Reiter zerschellende Schiff», die er zunächst auf Anraten eines Freundes hinzugefügt hatte, schliesslich verzichtet.

Leidenschaftlich aufopfernd

Übrig blieb nur die Rahmenhandlung der Märchensammlung, die in der Musik unverkennbar mit einem lieblichen Thema, das für die Prinzessin Scheherazade steht, wiederzufinden ist. Und mit einem grob-kernigen Thema für den ruchlosen Sultan. Der Rest ist den Zuhörern überlassen, die mit Nesterowicz’ Gezeiten-Kampf keinesfalls einen Schiffbruch erleiden.

Durch seine rhythmischen Bewegungen erzielt er ein präzises Zusammenspiel. Mit seiner Flexibilität und dem schnellen Umstellen gelingen ihm fliessende Übergänge in den Klangfarben und Stimmungen. Doch manchmal scheint es, als wolle der Dirigent die Musik selbst übertrumpfen so leidenschaftlich aufopfernd bildet er die dramatischen Steigerungen ab, bis nah an die Pathos-Grenze. Für diese hochemotionalen Ausbrüche ist Nesterowicz schon bekannt. Doch scheint es, dass er sie mit den Jahren immer sparsamer einsetzt.

So kam die erste Konzerthälfte mit der fantastischen Ouvertüre a-Moll «Bajka» (Das Märchen) von Stanislaw Moniuszko und dem Klavierkonzert Nr. 5 von Camille Saint-Saëns noch deutlich dezenter daher. Mag es einmal an der verhältnismässig trockenen Akustik im Theater liegen, so richtig entfalten konnten sich die üppigen Klangfarben in Saint-Saëns’ «Ägyptischem Konzert» nicht. Diesen Beinamen trägt es, da es bei einem Aufenthalt in Luxor entstand und Saint-Saëns darin seine Reiseerlebnisse verarbeitet. Eine Melodie hat er von Fischern aufgeschnappt, in den Harmonien bedient er sich noch östlicheren Elementen.

Das Orchester glänzte hier mit einem überaus durchsichtigeren, aber auch etwas weniger aufregenden Klang. Der international renommierte Solist am Flügel, Javier Perianes aus Spanien, überzeugte mit einer souveränen, technisch einwandfreien Leistung und einem überaus klaren Klangergebnis.

Zuckersüss, aber weniger dringlich

Hingegen vermochte er nicht – und das mag wiederum an der Akustik liegen – dem episodenhaften Charakter des Werks beizukommen und dem ganzen Werk einen grösseren Bogen zu verleihen. Letztlich wirkten die Passagen etwas manieriert und harmlos aneinandergereiht. Es fehlte hier vor lauter zuckersüsser Märchenstimmung die Dramatik und Dringlichkeit.

In eine ähnliche Richtung ging auch das Märchen-Stück Moniuszkos. In Polen ist er als bedeutendster Komponist in der Zeit zwischen Chopin und Szymanowski für seine Lieder bekannt und wird aufgrund seines Einsatzes für die polnische Kultur als Nationalheld verehrt. Seinem Werk, das folkloristische Elemente enthält und ausserhalb Polens kaum gespielt wird, liegt kein explizites Programm zugrunde. Dank dem Untertitel «Wintermärchen» fällt es aber leicht, eine rauschende Schlittenfahrt und ein wohlig-warmes Kaminzimmer herauszuhören. Eine zarte und naive Musik, mit der man sich wegträumen kann und die auch ohne Stromschläge auskommt.