Royal Albert Hall London, in Paris, Oslo und Basel: Bloss vier Konzerte gibt Brian Wilson diesen Herbst in Europa. Im Gepäck das legendäre, vor 50 Jahren erschienene Album «Pet Sounds», das live jeweils in voller Länge und in Originalreihenfolge gespielt wird. Mit der Verpflichtung des Spiritus Rector der Beach Boys erfüllen sich die Verantwortlichen der Baloise Session einen Traum. Dazu war allerdings ein Sonderzustupf an Wilson durch den Gönnerverein nötig. Trotzdem sind die Ticketpreise noch immer die höchsten aller zwölf Session-Abende. 100 Franken kostet ein Platz – in der günstigsten Kategorie.

Das Fazit vorweg: Schlecht investiert ist das hohe Eintrittsgeld nicht. Die 1500 Besucher werden Zeugen eines denkwürdigen Konzerts, das zwischen herzerweichender Traurigkeit und schierem Glück pendelt. Auslöser dieser Emotionen ist der Hauptprotagonist des Abends: Am Piano sitzt einer der bedeutendsten Komponisten der Popmusik des 20. Jahrhunderts, ein Multiinstrumentalist und Mastermind. Es ist ein müde wirkender älterer Herr, bei dem psychische Probleme und jahrelanger Drogenkonsum deutliche Spuren hinterlassen haben.

Brüchiges Organ

Das rund 100 Minuten dauernde Konzert beginnt mit einem süffigen Reigen an Beach-Boys-Hits aus den frühen 60ern. Ein kluger Entscheid, das gehaltvollere, zugleich sperrigere «Pet Sounds» in den Mittelteil zu legen. Mit «California Girls» von 1965 gehts los. Das heitere Stück ist eine Hymne auf die Jugendlichkeit und Lebensfreude. Der Kontrast zu Wilsons brüchigem Organ könnte kaum grösser sein. Stoisch, beinahe ausdruckslos kämpft sich der 74-Jährige durch «I Get Around», ein weiteres zeitloses Pop-Juwel der Kalifornier.

Zur Seite steht Wilson ein knappes Dutzend an versierten Musikern. Sie sorgen an den Instrumenten für Prägnanz und Druck im Sound, daneben aber vor allem dafür, dass die typischen mehrstimmigen Gesangsharmonien sitzen. In «Surfer Girl» sind gleich acht (!) Gesangslinien übereinandergeschichtet. Am Ende des ersten Konzertdrittels verlassen die Musiker den für die frühe Periode der Beach Boys typischen Gute-Laune-Surfpop. Im schrillen, psychedelischen «Wild Honey» lässt der Südafrikaner Blondie Chaplin, der in den 70ern kurz ein Beach Boy war, ein ungestümes Gitarrensolo vom Stapel. Ja, die Surferboys konnten auch rocken!

Zu Gast am eigenen Konzert

Weniger bekannte Seiten offenbart zudem das bluesig-soulige «Sail On Sailor» von 1973. In diesen technisch anspruchsvollen Stücken, in denen live zudem Improvisationskraft gefragt ist, geben andere den Ton an: neben Blondie Chaplin auch Beach-Boys-Gründungsmitglied Al Jardine. Wilsons Jugendfreund ist in dieser lose zusammengewürfelten Truppe der Bezugspunkt. Toll, ist Jardine immer noch dabei. Demgegenüber spielt Wilson hier phasenweise kaum mehr richtig mit. Die Statistenrolle, die er unfreiwillig einnimmt, wirkt ziemlich trist. Als wäre er Gast an seinem eigenen Konzert.

Doch im Mittelteil schlägt dann die Stunde Wilsons: In den Songs vom 66er-Album «Pet Sounds» kommt die kompositorische Kraft des kreativen Kopfs zum Tragen. Das ist simpel strukturierte und doch intelligente Popmusik nahe der Perfektion. Im Opener «Wouldn’t It Be Nice» hören wir Harmonien für die Ewigkeit. Auf diesem Terrain fühlt sich auch ein gealtertes Genie wohl. Dass Wilson im melancholischen «God Only Knows» ebenfalls einen halben Ton daneben liegt, stört für einmal nicht. Im Gegenteil: Die Alterspatina klingt hier stimmungsvoll – ganz ähnlich wie bei bei Johnny Cash in dessen späten «American Recordings».

Unerschöpfliches Hit-Repertoire

Kommt hinzu, dass allfällige Mängel in der Live-Interpretation von den superben Kompositionen schlicht überlagert werden. Die nachgesagte Vielschichtigkeit von «Pet Sounds» zeigt sich schliesslich in verspielten Sound-Gimmicks und genialen Einfällen – da ein Bimmeln und ein eingespielter Tierlaut, dort einige Streicher. Im umfangreichen Zugabenteil zündet die Band dann nochmals ein Feuerwerk an Hits. Die Schwermut, aber auch der Gehalt von «Pet Sounds» ist wie weggespült, es dominiert wie zu Beginn Gute-Laune-Strandmusik nach dem Geschmack des Publikums: «Good Vibrations», «Barbara Ann», «Surfin’ USA» – das Repertoire an Evergreens scheint unerschöpflich. Da fällt einem die Kinnlade runter.

Doch was nehmen wir mit von diesem zwiespältigen Abend? Nein, ein qualitativ hoch stehendes Live-Konzert war der Auftritt Brian Wilsons nicht. Und doch verlassen wir berührt die Eventhalle am Basler Messeplatz. Letztlich ist es nämlich eben doch ein grosses Geschenk, diesen gealterten Jahrhundert-Komponisten mit seinem Magnus Opus noch einmal sehen zu dürfen. Vielleicht ein letztes Mal.