Tanzfest

Egal, wie unbeweglich du bist - du kannst tanzen!

Das Stück «Flip Book» von Boris Charmatz ist eine Hommage an Merce Cunningham.

Das Stück «Flip Book» von Boris Charmatz ist eine Hommage an Merce Cunningham.

Basel ist nach einer Pause wieder dabei – und feierte die neue Tanzfreiheit seit Meister Merce Cunningham. Es geht darum, zu erforschen, was der Körper kann.

«Within the limits the variety is endless.» Innerhalb der Grenzen gibt es endlose Varietät, sagte Merce Cunningham. Die Tanzphilosophie des bedeutendsten Choreografen der Postmoderne ist auch eine Lebensphilosophie. Sie ermutigt dazu, den eigenen Spielraum auszuloten – und einen gewissen Spielraum haben wir immer.

Darum geht es im Wesentlichen bei jeder Choreografie: Zu erforschen, was der Körper kann, anders machen kann. Es geht um neue Wege, neue Bewegungen. Und im zeitgenössischen Tanz ist jede und jeder frei, sich auszuprobieren – ganz egal, was für einen Körper man hat und wie beweglich man ist.

Darum geht es im Wesentlichen auch beim Tanzfest, das am Wochenende zum zehnten Mal in 21 Schweizer Städten gefeiert wurde. Das Tanznetzwerk Reso und seine lokalen Organisationspartner möchten ihre Freude am Tanz vermitteln und teilen: mit Schnupperkursen, Performances auf der Strasse, Workshops, Vorstellungen. Auch Basel war nach einem einjährigen Unterbruch diesmal wieder dabei. Mit Publikumserfolg.

Tanzfest soll grösser werden

«Das nächste Jahr wollen wir es hier vergrössern und weiter professionalisieren», sagt deshalb Ursula Haas, die neue Koordinatorin des Basler Tanzfestes. Geplant seien noch mehr Darbietungen im öffentlichen Raum, «catchy Stücke», die auch ein sonst tanzfernes Publikum ansprechen, sowie ein Festivalzentrum, in dem ein Schnupperkurs nach dem anderen besucht werden kann – bisher waren diese auf Studios in der ganzen Region verteilt.

Cunningham schien dieses Jahr seinen Schirm über das Tanzfest zu halten. «Es gibt 1000 Möglichkeiten, sich zu bewegen», sagte der junge Westschweizer Choreograf Guillaume Guilherme in seinem Workshop «Alles, was Sie schon immer über Choreografie wissen wollten ...». Unser Körper gibt uns 1000 Möglichkeiten – und doch überwiegen im Alltag gewisse Bewegungen: Guilherme macht einen Buckel und tippt mit den Fingern, dann zieht er die Schultern hoch und hält sich ein imaginäres Mobiltelefon ans Ohr. Unser armer Bürokörper.

Die nächsten zwei Stunden führ Guilherme vor, was einen Choreografen inspirieren kann – der Wind in den Bäumen, zusammengedrängte Menschen im Tram - und wie eine Idee nach einem langen Prozess, das auch viel Managerqualitäten erfordert, bühnenreif wird. Ein Choreograf müsse drei Dinge beherrschen: Raum, Zeit und die Qualität der Bewegung. Es ist fast wie im Journalismus, zu beantworten gilt: Wer, wo, wann und wie?

Getanztes Daumenkino

Ganz konkret auf den 2009 verstorbenen Amerikaner Merce Cunningham baut der französische Choreograf Boris Charmatz sein Stück «Flip Book» auf, das von Freitag bis Sonntag in der Kaserne zu sehen war. Charmatz’ Vater schenkte seinem Sohn vor einigen Jahren zu Weihnachten ein dickes Fotobuch: 50 Jahre Merce Cunningham. Charmatz, bereits ein angesehener, erfahrener Choreograf – er wird ab 2017 zum neuen Berliner Volksbühne-Team gehören-, blätterte lustlos in diesem Band, der ihn, wie er sagt, als 13-Jähriger noch begeistert hätte. Plötzlich erkannte er: Das ist mein nächstes Projekt. Ready-made.

«Flip Book», Daumenkino, nimmt jede auf Photographie festgefrorene Pose und baut sie in eine neue, so lustvolle wie humorvolle Choreografie, ein. Sechs Tänzer in engen, smartiesbunten Trikots (in Anlehnung an Jasper Johns oder Robert Rauschenbergs Kreationen für Cunningham) tanzen sich durch über 100 Bilder von den 60er bis zu den 90er Jahren. Cunninghams Körpersprache vermischt sich mit derjenigen von Charmatz, ein Lebenswerk wird reanimiert und neu interpretiert.

Sogar wenn man nur zuschaut: Etwas von der Kraft des Dargebotenen überträgt sich auf den eigenen Körper. Von allen Künsten: So physisch, so eindringlich ist nur der Tanz.

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