«Blackstar» markierte das Ende. Nur zwei Tage nach der Veröffentlichung im Januar 2016 starb der Pop-Visionär David Bowie. Für Saxofonist Donny McCaslin (52), der das finale Album massgeblich prägte, ist «Blackstar» dagegen ein Anfang, ein Wendepunkt. «Was ich heute mache, konnte ich mir damals noch gar nicht vorstellen», sagt McCaslin dieser Zeitung in Frauenfeld am Rande des internationalen Jazzfestivals Generations.

Der ebenso kraftvolle wie virtuose Tenorsaxofonist gehört zu den gefragtesten Saxofonisten in der Linie von John Coltrane und Michael Brecker. Er spielte bei «Steps ahead», im Orchester von Maria Schneider und hinterliess auch in der Schweiz seine Spuren: Bei Jazzaar Aarau und der Concert Jazz Band von George Gruntz. Wie in seinen eigenen Bands bewegte er sich aber stets im Umfeld des Jazz.

Das änderte sich mit der Zusammenarbeit mit David Bowie. Der bekennende Jazz-Fan Bowie liess McCaslin und dessen Bandkumpels Mark Guiliana, Tim Lefebvre und Jason Lindner weitgehend freie Hand. «Spielt einfach, was ihr hört, und achtet nicht auf stilistische Kategorien. Lasst uns einfach Musik machen», lautete die Philosophie des verstorbenen Meisters. Sie blieb bei McCaslin haften.

Ist das noch Jazz?

Schon McCaslins «Beyond Now», kurz vor Bowies Tod aufgenommen, war dem Meister gewidmet, sein Einfluss wirkte sich aber noch nicht so stark aus wie auf dem neuen Album «Blow». Doch «der Samen wurde gepflanzt» und die Interpretation des Bowie-Songs «A Small Plot of Land» («Outside», 1995) mit dem Sänger Jeff Taylor gab einen ersten Vorgeschmack auf das, was McCaslin heute auf seinem neuen Album macht.

Auf «Blow» geht er noch einmal einen grossen Schritt weiter. Eine Mehrheit der Stücke sind Songs, wie wir sie vom Rock und Pop kennen. Dazu hat der Bandleader die beiden Rock-Sänger Jeff Taylor (Band: Dumpster Hunter) und Ryan Dahle (Bands: Limblifter und Mounties), den Folk-Sänger Mark Kozelek (Sun Kil Moon) und die langjährige Bowie-Sängerin Gail Ann Dorsey eingeladen.

Ist das noch Jazz? McCaslin will sich nicht festlegen. Eben nicht! Natürlich improvisiert er explosiv und steigert die Stücke in hymnisch-ekstatische Höhen. Die Musik ist aber vielmehr ein Hybrid verschiedenster Elemente aus Rock, Pop, Drum ’n’ Bass, Electronica und Hip-Hop («The Opener»). McCaslin beschreitet auf «Blow» ein neues, unerhörtes Terrain: progressiv, zukunftsgerichtet, Musik ohne Grenzen. Musik von Donny McCaslin, im Geiste von David Bowie.

Neues Publikum für neue Musik

Auch sein Saxofonspiel hat sich seither verändert. «Bowie wollte, dass ich mein Instrument manipuliere», sagt McCaslin «das ist ebenfalls hängengeblieben». Auf «Blow» integriert er eine Reihe elektronischer Effekte und erweitert eindrucksvoll den Klangkosmos seines Horns. Dabei geht es weniger um Verfremdung als um Bereicherung. Er arbeitet mit Loops und extremem Hall und lässt dabei fantastische polyphone Gebilde entstehen.

Das Ziel ist klar: McCaslin will mit seiner neuen Musik ein neues Publikum erreichen. Er ist überzeugt, dass der Jazz aus dem Jazz ausbrechen muss, um seine Innovationskraft voll zu entfalten. Dabei gelingt McCaslin der Ausbruch, ohne Konzessionen an den Massengeschmack. Die Songstrukturen bleiben komplex und anspruchsvoll. «Nicht so eingängig wie Radiohead, aber interessanter», schreibt das Magazin «Rolling Stone».