Opernhaus Zürich

«Diva zu sein, reicht für die Opern Händels nicht»

«Keine grösseren Schritte, als es das Bein erlaubt»: Giovanni Antonini. Sony

«Keine grösseren Schritte, als es das Bein erlaubt»: Giovanni Antonini. Sony

Der Mailänder Giovanni Antonini wurde als Flötist und Leiter des Barockensembles «Il giardino armonico» weltberühmt. Heute dirigierte er Opern in Salzburg und Zürich. Im Interview spricht er über Diven und seine Heimat Italien.

Erst ein paar Tage nach dem Interview im Opernhaus Zürich wird klar, warum Giovanni Antonini im Musikzimmer innerhalb einer Stunde dreimal sagte: «Es gibt nicht richtig oder falsch, es bleibt eine Frage des Geschmacks.» Obwohl überzeugt, dass er das «Richtige» tut, weiss der Mailänder, dass es selbst nicht unumstritten ist.

Er kann damit leben, denn seine Art des Dirigierens findet Anklang sowohl bei Opernstar Cecilia Bartoli, mit der er viel zusammenarbeitet, als auch beim Kammerorchester Basel, mit dem er einen Beethoven-Zyklus einspielt. Und nicht zuletzt bei vielen Kritikern. Im Interview spricht er begeistert über Bartoli, seufzend über seine Heimat Italien und positiv über Alexander Pereiras Chancen in Mailand.

Giovanni Antonini, 2009 führten Sie Händels «Alcina» mit der Deutschen Anja Harteros in Mailand auf, in zehn Tagen mit der Italienerin Cecilia Bartoli in Zürich. Was ändert sich dabei für Sie?

Giovanni Antonini: Eine Opernaufführung hängt immer von den Interpreten ab. Hier in Zürich sind sowohl die Regie wie auch die Sänger ganz anders. Mein Blick auf diese Musik bleibt hingegen mehr oder weniger derselbe. Zwischen Anja Harteros und Cecilia Bartoli liegen Welten. Ich habe in letzter Zeit viel mit Bartoli gearbeitet, in dieser Arbeit ist eine Entwicklung zu erkennen, der Weg hin zu einer gemeinsamen Sprache.

Beide Sängerinnen sind Diven. Ist das schwierig für den Dirigenten?

Nur Diva zu sein, reicht nicht für eine Oper von Händel. Ob einem die eine oder andere Sängerin besser gefällt, ist eine Sache. Aber Bartoli hat diese Musiksprache seit vielen Jahren studiert, hat ihre ureigene Art, diese Musik zu singen. Somit ist diese Zürcher Produktion für mich viel interessanter. Obwohl die Arbeit mit dem Scala-Orchester schön war, traf ich in Zürich auf ein Orchester, das gewohnt ist, Barockopern zu spielen. Hier spielt das Orchester auf Darmsaiten, mit Barock-Bögen und barocken Blasinstrumenten. Wir beginnen auf einem anderen Level! Wie bei den Sängerinnen: Es geht nicht um gut oder schlecht, sondern darum, die Sprache dieser Musik zu verstehen.

Wer ist diese Sängerin, diese Diva?

Cecilia Bartoli verkörpert die seltene Kombination verschiedener Fähigkeiten. Zwei Töne Bartoli – und Sie wissen, wer singt. Es ist der Mix aus Technik, Originalität, der Einzigartigkeit ihrer Stimme – und sie hat einen musikalischen Instinkt: Wenn etwas nicht funktioniert, dann merkt sie es. Bartoli ist eine typische Italienerin, sie kann Situationen förmlich riechen. Sie schafft es, so zu singen, dass jeder im Publikum meint, sie mache es für ihn allein. Sie hat viele Bewunderer, entfacht aber gleichzeitig auch Diskussionen um ihre Person. Das ist ganz normal.

Nach einigen Abenden mit Bartoli singt Agneta Eichenholz. Ändert sich dann Ihr Dirigat?

Durchaus. Der Dirigent und sein Orchester müssen mit den Sängern atmen. Und bei einer Einspringerin oder Zweitbesetzung muss ich deren Atmen verstehen. Aber das sind nun mal Situationen, die es im Theater gibt. Man übt eine Oper über viele Wochen ein und am Premierenabend muss man sich auf die Situation neu einstellen. Plötzlich passiert irgendetwas: Ein Tempowechsel, ein vergessenes Wort, etwas fällt herunter! Da muss der Dirigent parat sein. Es gibt Sängerinnen, die sind vom Orchester völlig losgelöst: «Folgt mir, ich bin die Diva.» Die Bartoli ist das Gegenteil: Sie ist eine Diva, die übt, probiert und viel mit dem Dirigenten diskutiert.

Sie arbeiten relativ oft mit Sängern. Lieben Sie sie?

Ich liebe Sänger, die zusammenarbeiten wollen, sich weiterentwickeln und eine Vision von ihrer Rolle haben. Ich mag es nicht, einen Sänger einfach zu begleiten. Aber ich achte jeden Sänger, denn Singen ist etwas ganz anderes als ein Instrument wie eine Geige zu beherrschen. Ein Sänger ist auf der Bühne nackt. Wie böse wir doch bisweilen über die Stimmen urteilen und den Menschen treffen! Beim Gespräch über Stimmen muss man aufpassen, nicht den Menschen zu zerstören.

Sie haben nicht nur Händel mit Cecilia Bartoli dirigiert, sondern auch Vincenzo Bellinis «Norma», ein Hauptwerk des 19. Jahrhunderts. Und nun beschliessen Sie einen Beethoven-Zyklus mit dem Kammerorchester Basel. Ein normaler Schritt für den Barockspezialisten Antonini?

Beides war ein Abenteuer. Es gibt Standards, wie man Bellinis Musik dirigiert. Aber diese Tradition kenne ich nicht, also sagten wir uns: Schauen wir mal, was in dieser Partitur wirklich steht, lösen wir uns mal von dem, was uns Maria Callas gezeigt hatte! Meine musikalischen Wurzeln sind im 18. Jahrhundert, ich rückte diesen Bellini näher an Mozart als an Verdi heran. So ging ich auch bei den Beethoven-Sinfonien vor.

Händel, Beethoven, Bellini – folgen jetzt Verdi und Puccini?

Ich bin nicht sicher, ob die Opernwelt mein Zentrum werden soll. Meinem Naturell entsprechen mehr das Sinfonische und mein Flötenspiel mit Kammerorchester. Es gibt Ideen, Projekte, aber besser, man macht keine grösseren Schritte, als es das Bein erlaubt, wie wir Italiener sagen. Das 18. Jahrhundert bleibt meine Welt. Ich habe die Berliner Philharmoniker und andere weltberühmte Orchester geleitet, aber wenn ich das Il Giardino Armonico, das Kammerorchester Basel, das Mozarteum Orchester Salzburg oder vergleichbare Orchester dirigiere, treffe ich auf eine familiäre Gemeinschaft, die mir vertraut und sympathisch ist. Auch hier in Zürich scheint es mir, dass es auf der musikalischen wie der menschlichen Ebene stimmt.

Sie, der Mailänder, dirigierten seit 2009 keine Opern mehr in Mailand oder sonst wo im «Musikland» Italien, dafür sorgten Sie in Salzburg für Schlagzeilen. Ist das nicht eigenartig?

Italien ist nun mal ein eigenartiges Land (zögert). Ich sagte Ihnen, wie ich arbeiten möchte – die Betonung liegt auf «arbeiten». Das geht in Italien heute nicht mehr.

Es gibt so viele grossartige italienische Musiker! Kann man denn zusammen nichts bewegen in Italien? Warum gibt es in Florenz kein Barockfestival in den historischen Sälen – dort, wo die Oper ihren Ursprung hatte?

Die Politik hat noch nicht verstanden, dass das kulturelle Angebot einen grossen Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung eines Landes leisten kann. Salzburg ist zum Beispiel eine kleine Stadt, aber der internationale Erfolg der Festspiele ist ein Gewinn für ganz Österreich, kulturell und wirtschaftlich. In Italien gibt es viele talentierte, kreative Menschen mit tollen Ideen, die Festivals ins Leben rufen. Aber sie werden nicht unterstützt, was es ihnen unmöglich macht, langfristig zu planen. Zusammensitzen ist keine italienische Stärke. Den Sinn des Staates oder den Sinn der Gemeinde erkennt man trotz Einigung im 19. Jahrhundert immer weniger. Wir lassen Pompeji zerfallen, es ist uns egal. Man hat ja so viele andere Kunstwerke ... Bald hat man einige weniger (seufzt) ... Dennoch liebe ich dieses Land.

An der Mailänder Scala herrscht nun der Ex-«Zürcher», der Österreicher Alexander Pereira. Kommt das gut?

Ich glaube schon, er kennt die Italiener. Pereira wird das System verstehen. Man erwartet in Mailand viel von ihm, hat aber auch viel Vertrauen in ihn.

Giovanni Antonini wurde 1965 in Milano geboren. Noch im Studium gründete der Flötist das Spezialistenensemble Il Giardino Armonico, mit dem er in der ganzen Welt auftrat und das er seit 1989 alleine leitet. Aus der Begegnung mit Cecilia Bartoli ging 2000 das berühmte Vivaldi-Album hervor. Er dirigierte u.a. die Berliner Philharmoniker, das Concertgebouw Orchester und das Tonhalle Orchester Zürich. Seine Gesamteinspielung der Beethoven-Sinfonien mit dem Kammerorchester Basel steht kurz vor dem Abschluss. Giovanni Antonini dirigiert am Opernhaus Zürich am 26. Januar Georg Friedrich Händels «Alcina».

CD:

Beethoven, Sinfonie 7&8, Sony 2014

Bellini, Norma, Decca 2013

Händel, Concerti grossi op.6 Nr.1-12, Decca 2008

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