Todesfall

Dirigent Harnoncourt: Ein Graf war der König der Klassikwelt – jetzt ist er 86-jahrig gestorben

Nikolaus Harnoncourt dirigierte am 6. September 2006 im Luzerner KKL die Wiener Philharmoniker. Am 5. März 2016 ist der österreichische Dirigent im Alter von 86 Jahren gestorben (Archiv)

Nikolaus Harnoncourt dirigierte am 6. September 2006 im Luzerner KKL die Wiener Philharmoniker. Am 5. März 2016 ist der österreichische Dirigent im Alter von 86 Jahren gestorben (Archiv)

Der Dirigent Nikolaus Harnoncourt hat in den letzten 45 Jahren die Klassikwelt verändert und seine Kunst immer neu hinterfragt. Am Samstag ist er in Wien gestorben.

«Sie können mich mit Ihren Fragen jederzeit zum Schweigen bringen.» Wer mit Nikolaus Harnoncourt zu tun hatte, erhielt klare Signale – ob Musiker oder Journalist. Keine Augen dieser Welt erzählten so ehrlich von Himmel und Hölle.

Meine Angst damals im Frühling 2008 vor einem Interview war unbegründet. Seine Frau Alice sass im Nebenzimmer, hatte – so zeigte zum Schluss ihre Bemerkung «Das war sehr interessant» – alles mitgehört, um nicht zu sagen: liebevoll überwacht.

Leben und Musik des Nikolaus Harnoncourt: «Die Musik meines Lebens»

Leben und Musik des Nikolaus Harnoncourt: «Die Musik meines Lebens»

1948 hatte Harnoncourt sie als 19-Jähriger in Wien kennen gelernt. «Sie gehörte damals bereits zur Aristokratie der Musikhochschule, ich hingegen war ein dahergelaufener Cellist.»
Immerhin war der Dahergelaufene, dieser Johannes Nikolaus de la Fontaine und d’Harnoncourt-Unverzagt, ein habsburgisch-lothringisch-luxemburgischer Graf. Die beiden heirateten, und das noble Paar lebte seit 1952 von Harnoncourts Orchesterjob bei den Wiener Symphonikern. Ein gewisser Herbert von Karajan hatte den Cellisten eingestellt.

Schwarze Messen

Neben dieser Arbeit hielt Harnoncourt aber «schwarze Messen»: Er studierte nächtelang die Quellen sogenannt «Alter Musik» und gründete mit Freunden 1953 das Spezialistenensemble Concentus Musicus Wien. Dort wurden auf nachgebauten Originalinstrumenten die Werke von Claudio Monteverdi und Johann Sebastian Bach völlig neu interpretiert. Ein riesiger Idealismus steckte hinter dieser Arbeit. «Bei unseren Konzerten haben wir jahrelang die Plakate selbst bezahlt, die Sessel, die in den Saal gestellt wurden, selbst gemietet. Keiner der Mitwirkenden fragte, was er verdient. Interessanterweise hatten wir sehr schnell Erfolg.»

Harnoncourt arbeitete lange in zwei Welten. «Am Morgen bei den Symphonikern spielten wir genau das Gegenteil von dem, was wir am Abend beim Concentus machten. Das war eine totale Persönlichkeitsspaltung.»

Es konnte nicht ewig gut gehen. 1968 setzte er sich hin und schrieb eine Kurzgeschichte über die Matthäuspassion. «Warum stürzt der Saal nicht ein, ob des Schrecklichen, was da passiert?», notierte er und sagte mir. «Ich schrieb mir alles von der Seele.»

Harnoncourt war das Spiel auf modernen Instrumenten und die Vernachlässigung der historischen Quellen unerträglich geworden. Mozarts g-Moll-Sinfonie, ziemlich sicher mit Dirigent Karl Böhm, sorgte für den Rest: «Ich sitze als Cellist mit dem Gesicht zum Publikum. Wir beginnen, und das ganze Publikum lächelt, wiegt sich sogar etwas im Takt. Ich fragte mich, ob die nicht wissen, was sie da hören! G-moll! Da wird von Tod und Schrecken erzählt. Die Leute aber glaubten, da werde etwas Nettes und Liebes gesagt.»

1969 gab Harnoncourt die sichere Orchesterstelle auf, brach aus seinem bürgerlichen Leben aus. «Ich hatte das Gefühl, dass ich mein Leben für etwas verschwende.» Seine Frau unterstützte ihn und wollte ihrem Mann die neue Freiheit ermöglichen: «Sie hätte sich notfalls für eine Orchesterstelle beworben.» So weit kam es nicht. Die historische Aufführungspraxis wurde populär, der Concentus Musicus bewundert. Alice spielte, etwa im Zürcher Opernorchester, so oft wie möglich mit, wenn ihr Mann am Pult stand. Harnoncourt dirigierte nämlich alsbald als Gast traditionelle Formationen, denen er sein historisches Wissen nahebrachte. Im Opernhaus Zürich wurde Ende der 1970er-Jahre sein Claudio-Monteverdi-Zyklus zur Legende, eine Wiedergeburt der Barockoper.

Doch Harnoncourt machte seine Erkenntnisse nicht zum Dogma, sondern ging zum Ärger der Fundamentalisten kühne Kompromisse ein. Die Salzburger Festspiele, wo er bis zu Karajans Tod 1989 «Persona non grata» war, rollten ihm 1992 den roten Teppich aus. Der Faszination seiner so scharf artikulierten Musiksprache konnte sich kaum einer entziehen. Ein Zerwürfnis mit Intendant Gérard Mortier unterbrach seine Salzburger Abenteuer.

Auch Dirigieren ist Mode

Immerhin: Harnoncourt läutete 2002 am 27. Juli die Ära des neuen Salzburger Festspielchefs Peter Ruzicka ein und dirigierte Mozarts «Don Giovanni». Eine gewisse Anna Netrebko sang damals die Donna Anna – Harnoncourt hatte sie ausgewählt. Er suchte, wie schon in den 1980er-Jahren am Opernhaus Zürich, nicht das Mozart-Glück, sondern die Mozart-Wahrheit.
Harnoncourt hütete sich allerdings, im Grossen von «richtig» oder «falsch» zu sprechen. Er wusste zu gut, dass es bei allem für ihn richtigen Quellenstudium auch eine Mode des Musikmachens gab. Und so sagte er nonchalant, dass die Leute einst vielleicht über seine Bach-Interpretation lachen würden.

Harnoncourt, oh wie lacht

Harnoncourt wurde zu einem Star der Klassikszene, tat aber so, als ob er sich nicht von ihr vereinnahmen liesse. Vor dem Wiener Neujahrskonzert 2001 hatte er gesagt, dass er nicht in die Kameras lächeln werde. Doch dieser «Fauxpas» passierte ihm dann doch. Nicht nur lächelte er, nein, auch zum obligaten Dirigieren des Publikums beim «Radetzkymarsch» liess er sich hinreissen – notabene in einer Johann-Strauss-Tracht … Die österreichischen Kritiker jubelten: Jetzt habe sich Harnoncourt endgültig vom Spezialisten zum grossen österreichischen Dirigenten gemausert. Dabei hatte der damals einflussreiche Musikkritiker Franz Endler noch ein Jahr zuvor befürchtet, er müsse, um Ohrenschmerzen zu verhindern, dem Konzert fernbleiben. Solche Leute prusteten auch damals noch los, wenn einer den Witz erzählte: «Harnoncourt ist gestorben. Er wurde mit alten Instrumenten operiert.»

Über seine Interpretationen konnte man streiten, zu reden gaben sie immer: Nach Monteverdi, Bach und Mozart, Beethoven und Schubert, Brahms, Dvorak und Bruckner kam schliesslich das 20. Jahrhundert dran, Alban Berg etwa, sogar Gershwins «Porgy and Bess».

Immer wieder dirigierte Harnoncourt nämlich Werke, die man nicht von ihm erwartet hätte. Und wenn er so etwas aufführte, etwa Jacques Offenbachs «Belle Helene» oder Franz Schmidts eigenartiges Oratorium «Das Buch mit sieben Siegeln», tat er dies mit Haut und Haar.
Harnoncourts Rezept? Jedes Projekt erschien im Moment als sein wichtigstes. So verteidigte der Musikversteher und Musikdenker damals wortreich den deutschtümelnden Komponisten Franz Schmidt. Und als er in Zürich Giuseppe Verdis «Aïda» dirigierte, war für ihn jeder Takt, sogar die selbst Verdi-Fans langweilenden Ballette, «grosse Musik». Dirigierte er Offenbach, Bizet oder Gershwin, erklärte er sein Konzept so heftig, dass es fast schon nach Absolutismus tönte. Und er akzeptierte auch nicht, dass evidente Fehler anderer Dirigenten als Interpretationsweisen angesehen werden. «Wenn ich erkenne, dass etwas falsch ist, muss ich es ausmerzen.» Aber als Kampf gegen den «Apparat» wollte er seine Arbeit nicht verstanden wissen. «Wir haben nie gegen etwas gekämpft, sondern wir waren für etwas.» Der Erfolg war enorm. Nicht einmal Karajan hat so viele Platten eingespielt wie Harnoncourt. Ein Graf wurde zum König der Klassikwelt.

Ihm wurden alle Wünsche erfüllt. Weil er Mozarts Oper «Idomeneo» endlich so sehen wollte, wie er sich das immer vorgestellt hatte, inszenierte er sie zusammen mit seinem Sohn 2008 in Graz gleich selbst.

Verwandt mit Sankt Nikolaus?

Mit seinem Namensvetter, dem Sankt Nikolaus, schien er wahrlich verwandt zu sein: Beide ziehen aus ihrem riesigen Sack immer neue Überraschungen heraus. Harnoncourt verteilte sie der staunenden Klassikwelt. Harnoncourt blieb nie stehen, änderte seine Herangehensweise dauernd. Als wir seiner Salzburger Zerlina-Darstellerin, der Mezzosopranistin Magdalena Kozena, im Sommer 2002 während eines Interviews sagten, dass Harnoncourt 1987 Mozarts «Don Giovanni» in Zürich ganz anders dirigiert hätte, konnte sie das kaum glauben. Sie meinte, dass seine Worte und Interpretation für ewig in Stein gemeisselt seien.
Harnoncourt sagte uns sechs Jahre später über diese Episode: «Ich würde mich schämen, wenn ich in zehn Jahren nochmals genau dasselbe machen würde und mich nicht entwickelt, nichts Neues erkannt hätte. Dann wäre ich als Musikversteher und Musikdenker nicht mehr existent.»

Am Ziel?

Fast tröstlich, dass Harnoncourt dennoch an einen Endpunkt gelangen konnte. Bei Beethovens 5. Sinfonie war es ihm 2008 passiert. «Plötzlich war ich sicher, dass ich verstanden hatte, was mir vorher nicht klar gewesen war. Die Musiker waren darob glücklich und sprangen begeistert in mein Schiff.» Er sollte nicht recht behalten. Ebendiese 5. Sinfonie dirigierte er in Wien 2015 wieder: Alles klang nochmals anders. Neu. Die Aufnahme wurde zu seiner letzten CD.
Damals, 2008, frage ich ihn: Was bleibt von einem Dirigenten? Und er antwortete: «Was heisst schon bleiben? Weil die Medien Musik aufzeichnen, bleibt etwas. Aber was war die bedeutendste Beethoven-Interpretation im 19. Jahrhundert? Ist die geblieben? Was bleibt ist der Komponist, der schaffende Künstler. Man sollte den Interpreten nicht überschätzen.»

Autor

Christian Berzins

Christian Berzins

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