Mit 69 Jahren wagen Sie ein Debütalbum als Sänger. Mit einer Stimme irgendwo zwischen Leonard Cohen, Bob Dylan und Tom Waits.

Dieter Meier: Wunderbar. Das ist ein grosses Kompliment für einen unsicheren Herrn, der im hohen Alter probiert, Lieder zu singen.

Woran orientieren Sie sich als Sänger?

Überhaupt nicht. Bei Yello funktioniere ich ja eher als Gesangsmaschine. Ich liefere Boris Blank Klangbilder, die er dann nach seinem Gusto verändert: poliert, verschönert, verdoppelt. Gesangsmelodien und Texte sind von mir, aber der Perfektionist Blank passt mich in seinen Klangkosmos ein. Ich singe ja keine eigentlichen Songs, sondern male einzelne Puzzlesteine. 

Wie kam es zu diesem Projekt?

Als Auflockerung zum Filmspektakel «Touch Yello» habe ich mit dem Jazzgeiger Tobias Preisig und dem Gitarristen Nicolas Rüttimann zwei, drei Lieder gesungen. Ich war in solch euphorisierter Stimmung, dass ich einem deutschen Promoter eine Tour mit einem abendfüllenden Programm versprach. Das war vor zwei Jahren. Kurz darauf rief er mich in Argentinien an, er habe zwei Konzerte in der Berliner Volksbühne und im Kaufleuten Zürich. Ich erschrak, denn damals hatte ich nichts, weder Songs noch eine Band.

Druck kann auch inspirieren.

Genau. Ich hatte gar keine Zeit mehr zu zweifeln. Ich schnappte mir in den argentinischen Pampas eine alte Gaucho-Gitarre und versuchte zu komponieren. Drei Wochen passierte gar nichts. Nicht einmal der Ansatz eines Songs. Doch dann flogen mir plötzlich sieben oder acht Songs zu. Ich wusste nicht, wie mir geschah, aber auf einmal waren sie da.

Das Chaos ist bei Ihnen eine Konstante.

Ja, weniger im Geschäftlichen als in meinen artistischen Aktivitäten. Ich bin überzeugt, dass alles aus dem Chaos entsteht. Es ist ein anarchisches Prinzip, bei dem man eine gefundene Form auch hin und wieder zerstören muss, um etwas Neues entstehen zu lassen. Chaos ist für mich nichts Negatives, vielmehr ist es das Ungeordnete, Wilde. The Mother of Invention. Die Mutter aller Erfindungen und Innovationen.

(Quelle: Youtube/staatsakt label)

Dieter Meier - Loveblind

Ihre Songs sind also auch aus diesem Chaos entstanden?

Absolut. Da war ein unstrukturiertes, in einem Kauderwelsch-Englisch gesungenes Singsang-Theater. Daraus haben sich dann ganze Zeilen und schliesslich ganze Songs entwickelt. Aber dieses Chaos habe ich gebraucht. Ich kann mich nicht hinsetzen und einfach einen Song schreiben. Da geht gar nichts. «Out of Chaos» ist in diesem Prozess entstanden und ist deshalb eine Ehrerweisung an das Chaos.

Aber am Schluss steht etwas Definitives, eine feste Form. Das Gegenteil von Chaos. Ist es das Ziel?

Ja und nein. Ich bin insofern mit dem Ergebnis zufrieden, als ich weiss, dass es auch nur etwas Vorläufiges ist. Dass ich die Struktur spätestens bei den Liveauftritten wieder verändern oder sogar zerschlagen kann. Ich singe ja nicht nach Noten, sondern orientiere mich nach den Harmonien und improvisiere innerhalb dieses Rahmens. Auch die Textzeilen können spontan verändert werden. Ich kann in einem Kauderwelsch plötzlich zwei Strophen mehr singen. Beim Liveauftritt löst sich diese Struktur wieder auf und tendiert zum Unerhörten und Chaotischen. Natürlich erfindet man sich nicht jedes Mal neu, aber jede Performance ist geprägt vom Moment. Nach 35 Jahren Studio-Dasein schätze ich dieses Unmittelbare und Einmalige sehr.

Boris Blank macht das gerade nicht.

Nein, er sieht sich als Klangmaler, der seine Klangbilder in einem jahrelangen Prozess entwickelt. Am Schluss steht etwas Definitives, in Stein gemeisselt. Er ist der Meinung, dass seine Musik nicht auf die Bühne gehört. Das war so und wird so bleiben.

Es ist das Gegenteil ihrer Arbeitsweise.

Das ist so. Sein Werk ist in Stein gemeisselt. Ich bin dagegen ein zenbuddhistischer Pinsler, der als Ausdruck aus dem Hier und Jetzt etwas malt. Ein Prinzip im Sinn der Auslotung der Befindlichkeit zur Zeit.

Sie haben ja auch im Politischen eine Affinität zur Anarchie.

Ja, aber die Anarchie hat etwas Positives. Hat nichts mit Bombenlegen und Zerstörung und Destabilisierung zu tun. Sondern im hinduistischen Sinn, wo die Göttin der Zerstörung zerstört, um Neues entstehen zu lassen. Es ist ein permanentes Hinterfragen und Auflösen der Systeme, auch der selbst geschaffenen und von sich selbst. Ich hoffe, dass ich ein Anarchist bin, der nicht als Epigone seiner selbst in den eigenen Fussstapfen wandelt und damit gar nichts von sich lernt. Die Aufforderung des jüdischen Wanderpredigers, zu werden wie ein Kind, ist nicht nur ein Lebensprinzip, sondern auch eine Aufforderung zur Anarchie.

Yello hat einen Echo für sein Lebenswerk erhalten. Eine grosse Ehre, aber für ein Lebenswerk wird man in der Regel zum Karriereschluss gewürdigt. Wenn man nicht mehr viel zu sagen hat.

Das muss ja nicht unbedingt so sein. Wir wurden jetzt für die ersten 35 Jahre geehrt. Und gerade für Boris ist die Musik nicht Mittel zum Zweck, sondern Lebensinhalt. Musik ist für ihn wie ein Sauerstoffzelt, das er zum Leben braucht. Und mich interessiert das Gestern sowieso nicht. Deshalb höre ich auch nie eine Yello-Platte. Das ist Schnee von gestern. Das ist ein Credo von mir, das ich auch in ein Gedicht verpackt habe (beginnt zu rezitieren): «Nur für Sekunden heiss ich Dieter, und freue mich als Untermieter, hier auf unserem Kleinplaneten, fröhlich eine Spur zu treten, auf die ich weiter gar nichts gebe, weil ich sonst nur an ihr klebe.»

Wunderbar. Trotzdem bleibt die Frage nach der Zukunft von Yello. Gibt es Yello noch, nachdem Sie und Boris Blank unabhängig voneinander und fast gleichzeitig die ersten Debütalben veröffentlicht haben.

Sie werden uns nicht so schnell los. Boris Blank hat schon etwa sechzig Stücke für mich bereit. Im Oktober soll die nächste Platte erscheinen.