«Supermarkt Ladies»

Dieses Musical ist eine Liebeserklärung an die Schweiz

Die Supermarkt-Ladies (mit Sandra Studer, links) wollen sich nicht mehr ducken und übernehmen den Laden. Erwin Züger

Die Supermarkt-Ladies (mit Sandra Studer, links) wollen sich nicht mehr ducken und übernehmen den Laden. Erwin Züger

«Supermarkt Ladies» spiegelt den Schweizer Alltag. Sogar abstimmen darf das Publikum im neuen Musical von Dominik Flaschka und Roman Riklin. Wie Erfolg geht, bewies das Duo mit «Ewigi Liebi».

Es beginnt wie eine Geschichte aus einem beliebigen Betrieb, irgendwo auf der Welt: Es muss gespart werden, und als Erste spüren das die Mitarbeitenden. Doch einen Chef, der irrwitzige Regeln einführt und auf keine Idee seiner Kolleginnen und Kollegen eingeht, lässt sich diese Entourage nicht lange gefallen: Als der böse Eggenschwiler (Eric Hättenschwiler) Conny (Fabienne Louves) den Urlaub verweigert, Ilse (Gigi Moto) wieder einmal angebaggert und Paula (Sandra Studer) entlassen hat, platzt den drei Powerfrauen der Kragen.

Nachdem man sich des Filialchefs auf nicht ganz legale Weise entledigt hat und ihn im Tiefkühler seiner Halluzination von einer Grönlandreise überlässt, folgen die Aufräumarbeiten: Unter Paulas Aufsicht wird der namenlose Laden, in dem schon bald der neue Konzernchef empfangen werden soll, auf Vordermann gebracht, und sämtliche Wünsche der Mitarbeitenden werden endlich berücksichtigt. Es ist wie im Märchen: Kaum können Bäcker, Metzgerin und Kleintier-Pfleger selber anpacken, geht der Traum vom perfekten Laden in Erfüllung, was auch den Stammkundinnen auffällt. Und während der böse Chef mit Fischstäbchen und Glacen tanzt, zeigen die ewig Unterdrückten, was wirklich in ihnen steckt.

Arbeit fürs Publikum

Aber nicht nur die Angestellten im Musical «Supermarkt Ladies» können mitbestimmen. Bei dieser Produktion in Das Zelt hat auch das Publikum ein Mitspracherecht. Mehrmals pro Abend offerieren die Schauspielerinnen und Schauspieler die Wahl aus zwei verschiedenen Fortsetzungsszenarien. Die Zuschauerinnen und Zuschauer müssen daraufhin bei der Option ihrer Wahl so laut wie möglich applaudieren: Mikrofone im Zuschauerraum messen den Lärmpegel und bestimmen so für das Ensemble den weiteren Verlauf. Manipuliert wird dabei nichts: Man ist tatsächlich auf verschiedenste Szenarien vorbereitet. Es ist das erste Musical in der Schweiz, das so funktioniert: Ein gewaltiger Aufwand für Ensemble, Regie und Technik.

Zum logistischen Aufwand, den die Tournee des Musicals in Das Zelt an sich schon bedingt, kommen verschiedene Bühnenbilder (Simone Baumberger), Kostüme (Janina Ammon) und Projektionen (Julia Morf) hinzu, die an die jeweils gewählte Szene angepasst werden müssen. Auch die Schauspieler müssen sich innert kürzester Zeit auf die gewählte Option einstellen.

Genörgel und Happy End

Als Zuschauer merkt man davon aber nichts: Die Projektionen im Hintergrund passen immer perfekt, ob sie nun das eiskalte Grönland, die neu eingerichtete Kita oder die Spielzeugabteilung des Ladens darstellen sollen. Dank dieser Technik ist es dem Musical möglich, die verschiedensten Wendungen, Exkurse und Mini-Musicals in ein rasantes grosses Ganzes zu verpacken, das mit witzigen Details überzeugt und bis zur letzten Minute spannend bleibt. Premiere ist am Freitag in Uster.

Auf dem Weg zum Happy End, das im Musical natürlich nicht fehlen darf, erleben einige Figuren aber noch ihr blaues Wunder: Sport-Fanatiker kriegen ihr Fett ebenso weg wie die Zürcher Kantonspolizei und Welsche. Auf fast liebevolle Weise wird an allem und jedem herumgenörgelt, wie es sich für die Schweiz gehört, obwohl zum Schluss alle zugeben müssen, dass es am besten eben doch zusammen geht – Musical-mässig, halt. Auch Dinge wie die Leistungsgesellschaft, Umweltfragen und politisch brisante Themen werden mit einem Augenzwinkern angesprochen. «Das ist schon ein Anspruch, den wir haben: Bei allem Klamauk wollen wir Aktuelles ansprechen und auf Probleme hinweisen», sagt Regisseur Dominik Flaschka, der auch die Dialoge schrieb. So schreckt «Supermarkt Ladies» auch vor Themen wie Food Waste und Dschihadismus nicht zurück. Wenn auch nur am Rande gestreift, so haben doch auch ernsthafte Themen einen Platz auf der Bühne von Das Zelt.

Vor allem aber ist «Supermarkt Ladies» eine Liebeserklärung an die Schweiz. Die Schweiz mit ihrem Dichtestress, ihren Gewerkschaften und ihren verschiedenartigen Bewohnern; und mit Abstimmungen, die mal mehr, mal weniger sinnvoll scheinen, aber doch immer ungemein ernst genommen werden. Unbeschwert und doch wohlüberlegt bringt «Supermarkt Ladies» die altäglichen Erfahrungen und Sorgen von jedermann in einem Setting auf die Bühne, das jede und jeder kennt. Mit viel Selbstironie und ein bisschen Selbstlob feiert das Duo Flaschka/Riklin die Schweiz, die Schweizerinnen und Schweizer – und den Mut zur Rebellion.

Supermark Ladies in Das Zelt. Premiere Uster, 28.–30. 9, Aarau, 17.– 19. 10, Luzern, 6.–10. 11, Bern, 18.–23. 12.

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