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Dieses Album der Beach Boys war seiner Zeit vor 44 Jahren voraus

Die Beach Boys mit ihrem Lied Heroes And Villains aus dem neu erscheinenden Album Smile

Die Beach Boys mit ihrem Lied Heroes And Villains aus dem neu erscheinenden Album Smile

Das nicht erschienene Album «Smile» der Beach Boys hätte das Lehrbuch der nächsten Generationen werden können. Dennoch wurden die Songs bis jetzt unter Verschluss gehalten. «Die Musik war ihrer Zeit voraus war», sagt Songschreiber Brian Wilson.

Die Beach Boys nehmen einen eigenartigen Platz in der Rockgeschichte ein. Man erinnert sich ihrer als der Band, die den Rock’n’Roll von Chuck Berry mit den Gesangsharmonien der Four Freshmen zusammenbrachte und euphorisch stimmende Refrains über California Girls, Surfin’ USA und Barbara Ann kredenzte. Die Beach Boys schufen ein kalifornisches Pendant zum «Beat» der Beatles – nur waren sie zwei Jahre vor den englischen Pilzköpfen aus den Startlöchern geschossen.

Man erinnert sich ihrer auch wegen «Good Vibrations», einem Lied, das den optimistischen Zeitgeist derart erhebend in Musik verpackte, dass darob kaum jemand bemerkte, wie ungeheuer innovativ diese 3 Minuten 39 Sekunden Himmelsmusik waren.

Dem Publikum nicht zumuten

Vielleicht erinnert man sich der Beach Boys auch noch wegen «Pet Sounds», dem Album, das wenige Monate vor «Good Vibrations» erschienen war und mit seinen kammermusikalischen Streicherarrangements andeutete, wohin die Muse des federführenden Beach Boys, Brian Wilson, führen sollte.

Aber was kam dann – nach «Pet Sounds» und nach «Good Vibrations»? Es kamen im Juli 1967 die Beatles mit «Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band». Denn einige Beach Boys und ihre Plattenfirma waren der Meinung gewesen, dass Brian Wilsons neueste Lieder und Klangexperimente dem Publikum und vor allem den eigenen Bank-Konti nicht zugemutet werden könnten.

Erst nach 44 Jahren

Jetzt, vierundvierzig Jahre später, werden endlich die Originalaufnahmen veröffentlicht, die Brian Wilson an der Seite des Texters Van Dyke Parks damals in filigraner Kleinarbeit einspielte, weil er dem brillanten «Pet Sounds» ein noch brillanteres «Smile» nachschicken wollte. Ein bisschen kann man die damalige Skepsis gewisser Parteien wohl verstehen.

Beach Boys - I Get Around

Beach Boys mit I Get Around

Seit den frühesten Anfängen hatten weder die Plattenfirma noch Band-Manager Murry Wilson – Vater der Beach-Boys-Brüder Brian, Dennis und Carl – noch gewisse Bandmitglieder selber daran geglaubt, dass der Surf-Boom länger als ein paar Monate andauern würde. Entsprechend gnadenlos hatte man den «Trend» finanziell ausgequetscht. Von 1962 bis 1965 entstanden zwischen pausenlosen Tourneen zehn Alben, wobei die Hits meist aus der Feder von Brian stammten. 1964, als die Beatles gerade «A Hard Day’s Night» veröffentlicht hatten, zerbrach Brian am Stress. Es begann mit einem Nervenzusammenbruch, der ihm fortan immerhin die Tourneen ersparte, und mündete im dekadenlangen psychischen Dunkel.

Die Entstehung von «Pet Sounds» und «Smile» fällt in die frühe Periode der Erkrankung. Als «Smile» gekappt wurde, gab er sich ganz den Drogen hin, nicht aber den Therapeuten, die ihm vielleicht noch hätten helfen können. Die restlichen Beach Boys suchten nach einer Identität, die abseits der Sandstrände Bestand haben konnte, schufen dabei immer noch herrliche Alben wie «20/20», «Sunflower», «Holland» oder «Surf’s Up». Es ist eine traurige Ironie, dass ihre bestsellende Single je, «Kokomo», erst 1988 erschien, an eine Selbstparodie grenzte und ihnen endlich Arena-Status verlieh.

Wäre ein brillantes Album gewesen

«Smile» wäre ein brillantes Album geworden, hätte man es damals fertiggestellt. Wir wussten dies schon lang, denn weite Teile davon machten die Runde als Bootlegs, und ein Teil der Lieder – «Heroes & Villains», «Cabin Essence», «Surf’s Up» – tauchte auf späteren Beach-Boys-Alben auf.

Was wäre passiert, wenn Brian Wilson in seinem Schaffen mit «Smile» Bestätigung gefunden hätte? Er würde sich wohl an der Seite von Paul McCartney (der auf dem «Smile»-Track «Vega-Tables» laut Rüebli kaut) mit elektronischer Experimentalmusik vergnügen. Oder er würden zu den tonangebenden Komponisten der Gegenwartsmusik gezählt.

«Musik war ihrer Zeit voraus»

So aber sitzt er in einem Londoner Hotel und gibt Interviews anlässlich der Veröffentlichung der Originalaufnahmen von «Smile», 44 Jahre später. Unterdessen ist Wilson 69 Jahre alt, das Leben hat tiefe Spuren hinterlassen. Man fühlt sich schäbig, ihn zum Reden zu zwingen.

Er ist zwar freundlich und antwortet auf die meisten Fragen wie aus der Kanone geschossen mit einer knappen Wortsalve. Bald aber beschleicht einen das Gefühl, dass hier keine Antworten mehr kommen, nur noch Worte. Warum, so möchte man wissen, hält Wilson gerade jetzt den Zeitpunkt für gekommen, die Uraufnahmen von «Smile» zu veröffentlichen? «Weil die Musik ihrer Zeit voraus war. Die Leute hätten sie nicht verstanden. Sie mussten 44 Jahre lang wachsen.»

Die anderen legten sich quer

Wer sagte ihm, dass die Musik nicht verstanden worden wäre? «Van Dyke Parks sagte es. Er sagte: Es ist zu früh. Es ist zu drogenbezogen. Wir nahmen viele Drogen. Sehr viele Drogen. Acid. Pot. Amphetamin.» Eine Neuversion von «Smile», eingespielt mit jungen Musikern und vor sieben Jahren veröffentlicht, habe das Publikum darauf vorbereitet, die Originale schätzen zu können, meint Wilson. Die Hauptarbeit habe nun darin bestanden, aus 200 Stunden Liedern und Fetzen von Liedern die Musik auszusuchen, die wir nun in ihrer vollen Glorie hören dürfen. Warum wehrten sich (Lead-Sänger) Mike Love und einige andere Beach Boys so sehr gegen «Smile»? «Sie hielten die Musik für unangebracht.» Es ist traurig, sage ich: Die Hälfte der Beach Boys wussten nicht, wie gut sie waren. «Sie merkten es nicht», entgegnet Brian Wilson. «Sie merken es noch jetzt nicht, wie gut sie wirklich waren.»

Es ist begeisternd und frustrierend zugleich, die Archivaufnahmen von «Smile» zu hören. Auf der einen Seite sprüht die Musik vor Ideen. Auf der anderen klingt sie eben 44 Jahre alt. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn sie wirklich vor 44 Jahren erschienen wäre. Womöglich wären die Beatles gleich nochmals ins Studio gerannt und hätten «Sgt. Pepper» von A bis Z überarbeitet. Und die Gebrüder Gallagher würden ihre Lieder heute bei Brian Wilson klauen.

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