James Gruntz

Dieser Mann hat eine Stimme für die Welt

Der in Zürich wohnhafte Basler Musiker James Gruntz vor einer Wetterstation im Elsass. Die Familie Gruntz stammt ursprünglich aus dieser Region.

Der in Zürich wohnhafte Basler Musiker James Gruntz vor einer Wetterstation im Elsass. Die Familie Gruntz stammt ursprünglich aus dieser Region.

Der Basler James Gruntz hat mit seinem neuen Album «Belvedere» einen grossen Schritt nach vorn gemacht.

Der 27-jährige James Gruntz zählt seit einigen Jahren zu den vielversprechendsten Popmusikern der Schweiz. Seine geschmeidige, warme und elastische Stimme lässt niemanden kalt. Und doch ist der schmächtige Basler Sänger mit dem hohen Hühnerhautfaktor beim breiten Publikum auch nach drei Alben noch nicht angekommen. Schuld sind seine für einen Popsänger introvertierte, zurückhaltende, ja schüchterne Art sowie seine Kompromisslosigkeit in künstlerischen Belangen. Den Anfragen der grossen Labels widersetzte er sich bisher standhaft. Denn wenn es um seine Songs geht, lässt er sich kaum etwas sagen. Auf einen Produzenten, wie im Pop-Genre üblich, hat er deshalb bisher verzichtet. «Ich kann mir schon vorstellen, mit einem Produzenten zusammenzuarbeiten. Aber kalkulierte Musik mache ich nicht. Dann höre ich lieber auf», sagt er trotzig.

Bereit für den ersten Hit

Für den grossen Erfolg im Pop war sein letztes Studioalbum «Until We Get There» von 2011 einfach zu roh, karg und sparsam instrumentiert. So hat er aus Konzeptgründen das Piano gestrichen. Herausgekommen ist kein Stoff für die stromlinienförmig gedrillten Schweizer Radios. Auf Platz 28 in der Hitparade war für Gruntz Endstation.

Diese konzeptuellen Einschränkungen gibt es auf dem neuen Album «Belvedere» nicht mehr. Jeder Song steht für sich selbst und hat jenes Soundgewand erhalten, das den Song am besten zur Geltung bringt. Das Klavier oder Keyboard, von Gruntz selbst gespielt, ist wieder da und macht den Sound zugänglicher, fülliger und poppiger. Vor allem die Single «Heart Keep Dancing» hat Hitpotenzial und ist schon jetzt in viele Radio-Playlists aufgenommen worden. Ein optimistischer Dance-Song, gespickt mit Referenzen an aktuelle Hits wie «Aaron» von Paul Kalkbrenner, «Get Lucky» von Daft Punk und «Sonnentanz» von Klangkarussell.

Interessant ist, dass die Saxofon-Hookline von «Heart Keeps Dancing» nicht synthetisch produziert, sondern mit der verfremdeten Stimme von Gruntz eingespielt wurde. Eine Spezialität von Gruntz aus seiner Studienzeit, die er jetzt wieder reaktiviert hat. Verfremdet wird die Stimme durch einen sogenannten Vocoder. Das Effektgerät wurde in den 1970er-Jahren vor allem durch Kraftwerk berühmt. Anders als die deutschen Elektro-Pioniere kombiniert Gruntz die verfremdete Stimme aber mit seiner klaren Singstimme und bleibt dadurch sinnlich. Besonders eindrücklich verwendet Gruntz diese technische Spielerei auf dem Opener «Countless Roads»: nur Stimme und Vocoder.

Pop kann experimentell sein

Der Vocoder wird noch in «Always Never» und «Trying To Break Your Heart» eingesetzt. Letzterer ist ein augenzwinkernder, souliger Song, der nicht nur Herzen bricht, sondern im zweiten Teil auch den Beat. Die Metren verschieben sich, die betonte Eins verschwimmt und aus dem leichtfüssigen Popsong wird ein experimentell anmutendes Holper-Stolper-Stück.

Eindeutig auf der experimentellen Seite ist auch «20 Tons of Steel». «Meine Mutter findet ihn schrecklich», verrät Gruntz. Zu schwermütig, deprimierend, aber umso ausdrucksstärker. Gruntz’ glasklare Stimme fällt in sich zusammen. «Es ist eigentlich mehr eine Stimmung als ein Song», sagt dazu Gruntz. Ein Song auch, in dem der neue, zweite Gitarrist Roland Wäspe, ein ausgesprochener Klangtüftler, seine Stärke ausspielen kann.

Speziell ist auch das Finale mit «One For The Trouble». Ein eigenartiges Glanzstück von einem Song, der nur aus einer Textzeile und einem Refrain besteht und in raumgreifendem Groove ausklingt.

Sonst dominieren klassische Popsongs. «Lieder, die mir einfach zugeflogen sind und wie von selbst in sich stimmen», sagt Gruntz. Das schleppende, mystische «Dark Side Of The Moon» und «Freight Train» mit einem Klavierthema, das an Züri West erinnert. Dazu «City Lights», wohl der erste Schweizer Popsong mit einem Bass-Solo, sowie das Titelstück «Belvedere». «Es ist der fertigste Song, den ich je geschrieben habe», sagt Gruntz. So schön und poetisch, dass er in seiner Essenz, dem Rohzustand von Klavier und Gesang, belassen wurde.

Im nächsten Jahr ins Ausland

Gruntz ist nur ein Popmusiker. Und doch viel mehr. Er gibt sich nicht damit zufrieden, gut zu singen und gute Popsongs zu schreiben. Er sucht seinen eigenen Sound, seine eigene Stimme und in seinen Songs das gewisse Etwas-mehr. Aus dem talentierten und gefeierten Wundersänger ist ein Komplett-Musiker geworden, wie es sie in der Schweiz nicht viele gibt. «Ich war mit meiner Musik noch nie so zufrieden wie jetzt», sagt der bescheidene Gruntz, «ich bin einen Schritt weiter gekommen.» Der Schritt ist immerhin so gross ausgefallen, dass im nächsten Jahr der Schritt ins Ausland gewagt wird. Ja, gewagt werden muss. Diese Stimme, dieser Musiker muss in die Welt.

CD: James Gruntz: «Belvedere». Bakara Music/Phonag.

Live: Heute, 20 Uhr im Einstein Aarau; 26.9. Plattentaufe im Moods Zürich; 17. 10. KiFF Aarau; 26.10. Baloise Session Basel; 31. 10. Kultur Kreuz Nidau.

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