Klassik

Die Schneekönigin auf der Couch

Das Auge hört mit: «Die Schneekönigin» mit dem Tonhalle Orchester. Tom Kawara

Das Auge hört mit: «Die Schneekönigin» mit dem Tonhalle Orchester. Tom Kawara

Die Uraufführung von David Philip Heftis musikalischer Erzählung «Die Schneekönigin» lässt Kinder kalt.

Der Klang ist kalt. Das muss er auch sein, denn auf der Bühne der Tonhalle Maag hört man an diesem Sonntag die Uraufführung der «Schneekönigin» nach Hans Christian Andersen, komponiert vom Schweizer David Philip Hefti (*1975). Wie Neuschnee erstrecken sich da die kühlen Klänge, werden sacht zum Schwelen gebracht, als bliese ein Lufthauch die pulverigen Flocken sacht um, die oberen nach unten, die mittleren bis an die Oberfläche. Darin eingestreut sind kurze Notenwerte. Sind es Eiszapfen, Flocken oder jene kleinen Schneekristalle, die eiskalt im Gesicht brennen, wenn die Bise sie in die Luft wirbelt?

Klingendes Jubiläumsgeschenk

Was so sinnlich klingt, ist ein Jubiläumsgeschenk. Aus Anlass seines 150. Geburtstags hat das Zürcher Tonhalle Orchester einen Kompositionsauftrag vergeben. Entstanden ist eine musikalische Erzählung für Sopran, zwei Erzähler und Orchester. Eine Erzählung, bei der auch das Auge mithören darf, denn die Tonhalle Maag taucht für einmal in bläuliches Licht, während zarte Reflexe als Schneeflocken über Decke und Wände tanzen. Die Schneeflocken werden gefolgt von anderen Formen: Eiszapfen, Spiegelsplittern, bis schliesslich die Bühne in Nebel versinkt (Regie: Eva Buchmann). Und als sprichwörtliche Krönung prangt in deren Mitte eine gigantische Eisskulptur in Form einer Krone. Kristallglitzer und weisser Pelz sind es auch, die gemäss Schulbuch – oder eher: gemäss Bilderbuch das Kostüm der Schneekönigin bilden. Hier wird so manches Märchenregister gezogen. Die Frage ist nur: Für wen?

Schliesslich können Märchen vieles gleichzeitig sein. Spannende Geschichten für Kinder; kurzweilige Abenteuer für lange Winterabende; moralische Belehrungen oder tiefenpsychologische Muster der Menschheit, eingefasst in eine Erzählung. In der Tonhalle ist sicher eine Kategorie nicht dabei: Jene für Kinder. Denn, obwohl als Familienkonzert angekündigt, ist die Sprache stilisiert (Schneekönigin: «Da steigt mir das Eismeer in die Augen»). Und während man sich als Erwachsene entführen lässt in diesen poetischen Klang der Vergangenheit, bleiben Kinder aussen vor. Ähnliches geschieht auch auf der Figuren-Ebene. Jüngere Zuschauer bringt es aus dem Konzept, wenn die ausdrucksstarke Mojca Erdmann (Schneekönigin) gleichzeitig als alte Hexe oder Räuberweib auftritt. Und dass ihre Gefühlskälte mit einer traumatischen Vergangenheit legitimiert wird, entrückt durch ein Plus an Psychologisierung den Plot vollends dem Bereich des Kindlichen.

Die Schneekönigin auf der Couch ist kein Märchen von Andersen – sondern eines für Erwachsene. Schade. Denn die Musik scheint ihre Hörer nicht aus-, sondern einzuschliessen, indem sie sinnlich, aber nie aufdringlich zwischen Handlung und Gehörtem vermittelt. Etwa wenn Gerda erzählt: «Die Schneeflocken wirbelten in immer neuen Mustern durch die Luft, während der Ofen von hinten wärmte», und der dirigierende Komponist Hefti dazu die Streicher immer neue Muster spielen lässt sowie die Bläser einen mollig-langen Akkord. Das ist Schnee, das ist Wärme zum Hören, da beginnt Andersens Märchen für die 75 Minuten Dauer der Aufführung auch musikalisch zu leuchten.

Getragen wird die Erzählung jedoch mindestens ebenso sehr von den Schauspielern Delia Mayer (Gerda) und Max Simonischek (Kay/Krähe). Beide lassen dem Publikum mit ihrem Spiel die Geschichte unter die Haut gehen und meistern dabei die Gratwanderung zwischen selbstverständlicher Darstellung und sekundengenauem Einsatz zur Musik mit einer Natürlichkeit, die – Schnee hin oder her – keinen kalt lässt.

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