Musiklegenden
Die Rolling Stones besinnen sich auf längst verstorbene Blueslegenden – und wir sagen warum

Die Rolling Stones besinnen sich auf ihrem neuen Studioalbum «Blue & Lonesome» auf ihren Ursprung.

Stefan Künzli
Merken
Drucken
Teilen
The Rolling Stones
7 Bilder
Die Rolling Stones
Schlagzeuger Charlie Watts
Mick Jagger - Sänger und Mundharmonikaspieler
Mick Jagger
Gitarist und Orginal Keith Richards
Gitarist Ron Wood

The Rolling Stones

Getty Images

Wir wollten den Sound des Chicago Blues so echt wie nur möglich», schreibt Stones-Gitarrist Keith Richards in seiner Autobiografie «Life» über die Jahre Anfang der 60er. Es war die Zeit, als er Mick Jagger kennen lernte. Die Erweckungsjahre zweier Gleichgesinnter. Rhythm and Blues, vor allem jener aus Chicago, galt als der «heisseste Shit» jener Zeit.

Eigentlich seltsam, denn die Helden des Chicago Blues, Muddy Waters, Howlin Wolf & Co., hatten ihre beste Zeit schon hinter sich. Damals, als sie nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1955 eine elektrische, riffgeladene Gitarrenmusik entwickelten. Die Urform der späteren Rockmusik. Doch Chicago Blues war damals noch eine Musik, die schwarzen Amerikanern vorbehalten blieb. Erst der Rock ’n’ Roll erreichte eine weisse Hörerschaft. Anfang der 60er-Jahre waren Elvis & Co. aber nicht mehr angesagt. Stattdessen drang erstmals der rohe Chicago Blues, der Vorläufer des Rock ’n’ Roll, ins Bewusstsein einer jungen, weissen Hörerschaft. Vor allem in England. «Der Rock ’n’ Roll der 50er-Jahre war ja inzwischen gestorben, zu Pop geworden – ausgelutscht. Rhythm and Blues war ein Begriff, auf den wir uns stürzten, denn er stand für die wirklich mitreissenden Bands aus Chicago», schrieb Richards.

So klingt die neue Scheibe:

In England waren die Wunden des Krieges noch spürbar. Die Jugend suchte nach etwas anderem. Einer Kultur, die nicht den Konventionen entsprach, und sie fanden sie im ungehobelten, rüden, mit sexuellen Anspielungen gespickten Chicago Blues. Es bildete sich eine fanatische Gemeinde, und Mick und Keith waren dabei. «Wir hatten den absolut gleichen Musikgeschmack. Es gab keine Fragen, keine Erklärungen. Noch bevor sich die Stones zusammenfanden, haben Mick und ich ein Jahr lang damit verbracht, Platten aufzutreiben», schreibt Richards. Mick und Keith waren Bluesfans, die Rolling Stones haben sich als Bluesband verstanden und ihr Name geht auf eine Textzeile von Muddy Waters in «Mannish Boy» zurück: «I’m A Rollin’ Stone – I’m A Man».

Kulturelle Aneignung

Die Stones beschränkten sich am Anfang (1962–64) darauf, Songs des Chicago Blues, aber auch von Chuck Berry zu covern. Erst danach begannen Jagger und Richards, eigene Songs zu komponieren, und begründeten 1965 mit der Rockhymne «Satisfaction» ihren Ruf als Rockband Nr. 1. Der grosse Durchbruch gelang ihnen aber schon im November 1964 mit «Little Red Rooster», einem Song von Willie Dixon in der Version von Howlin Wolf. Es war der erste und einzige Bluessong, der in Grossbritannien je Platz 1 der Charts erreichte.

Die grossen Chicago-Blues-Idole der Rolling Stones:

Howlin Wolf (1910–1976) Howlin Wolf (Chester Arthur Burnett) war einer der bedeutendsten Sänger des Chicago Blues. Mit seiner Reibeisenstimme beeinflusste er Legionen von Rocksängern, namentlich auch Mick Jagger. Bands wie Led Zeppelin, Cream und The Doors coverten seine Songs und natürlich auch die Rolling Stones. Auf «Blue & Lonesome» wird er gleich zweimal gewürdigt: Mit seinen Versionen von «Commit A Crime» und «Just Like I Treat You».
4 Bilder
Muddy Waters (1913–1983) Muddy Waters ist der König des Chicago Blues und Urvater des Rock. In Chicago entwickelte er eine elektrische Variante des akustischen Delta Blues. Der Siegeszug der elektrischen Gitarre begann. Die Rolling Stones beziehen sich in ihrem Namen auf Muddy Waters, den Song «Mannish Boy» und die Wortzeile «I’m A Rollin’ Stone». Dokumentiert ist ein Gig von Waters 1981 in Chicago, an dem die Stones spontan auf die Bühne kamen und mitjammten.
Willie Dixon (1915–1992) Willie Dixon (Bass) hat den Chicago Blues vor allem als Songschreiber entscheidend geprägt. Er war die Songfabrik des Labels Chess und schrieb viele der bekanntesten Blues-Songs wie Hoochie Coochie Man, oder Back Door Man, die in Versionen von Muddy Waters, Howlin’ Wolf und vielen anderen bekannt wurden. Auf «Blue & Lonesome» interpretieren die Stones «I Can Quit You Baby», das auch schon von Led Zeppelin (1968) gecovert wurde.
Little Walter (1930–1968) Little Walter gilt als Erneuerer der Mundharmonika (Blues Harp). Als Erster hat er sein Instrument elektrisch verzerrt. Bevor er ab Ende der 50er-Jahre seine eigene Band leitete, war er mit Muddy Waters unterwegs. Little Walter war das Idol von Mick Jagger, dem Harmonika-Spieler, weshalb er auf «Blues & Lonesome» gleich dreifach gewürdigt wird: Im stampfenden Opener «Just Your Fool», in «I Gotta Go» und «Hate To See You Go». (sk)

Howlin Wolf (1910–1976) Howlin Wolf (Chester Arthur Burnett) war einer der bedeutendsten Sänger des Chicago Blues. Mit seiner Reibeisenstimme beeinflusste er Legionen von Rocksängern, namentlich auch Mick Jagger. Bands wie Led Zeppelin, Cream und The Doors coverten seine Songs und natürlich auch die Rolling Stones. Auf «Blue & Lonesome» wird er gleich zweimal gewürdigt: Mit seinen Versionen von «Commit A Crime» und «Just Like I Treat You».

HO

Es ist ein bekanntes Muster in der Popgeschichte. Junge, weisse Musiker eignen sich den Sound der amerikanischen Schwarzen an und erben damit jenen Erfolg, der den afroamerikanischen Vorbildern versagt blieb. Was Benny Goodman, Glenn Miller, Elvis Presley und viele andere vormachten, gelang auch den Rolling Stones. Was war neu, was war anders? «Sie haben den Blues studiert und internalisiert, um ihn dann mit Jugend, Aufsässigkeit und Sex aufzuladen», sagte dazu der erste Manager, Andrew Loog Oldham, im Magazin «Rolling Stone». Dazu kam ein Schuss juveniler Unverfrorenheit und Dilettantismus. Eine explosive Mischung, die man in Europa so nicht kannte.

Keith: «Wir hatten Glück, dass unsere Idole alt waren, überdies schwarz und hässlich», sagte Richards später einmal. Ein klarer Fall von kultureller Ausbeutung und Aneignung. Gleichzeitig beteuerte er immer wieder, dass er als Jüngling gar nicht wusste, welche Hautfarbe seine Helden hatten. «Wichtig war nur der Sound», sagte er und fragt: «Hat es der Musik geschadet?» Muddy Waters formulierte es 1966 so: «The Rolling Stones stole my music but they gave me my name». Das heisst: Die Stones haben ihre Idole, ihre Wurzeln, Einflüsse und Inspiration nie verborgen. Im Gegenteil: Die Stones waren Botschafter des Blues in der Alten Welt und halfen mit, die wahren Helden des Blues bekannt zu machen. Nicht nur in Europa, sondern paradoxerweise auch in den USA.

Blues: Die wichtigsten Stile

- Country Blues Die Urform des Blues, entstanden um die Jahrhundertwende 19./20. Jahrhundert in den Südstaaten der USA. Diese singenden Blues-Musiker hatten keine Band, sondern begleiteten sich selbst, meist auf der akustischen Gitarre.

- Delta Blues Die bedeutendste regionale Version des Country-Blues kommt aus dem Mississippi-Delta.

- Rhythm and Blues Sammelbezeichnung für die nach dem Zweiten Weltkrieg in den USA aus der afroamerikanischen Blues-Tradition entstandene professionelle Unterhaltungsmusik für die schwarzen Amerikaner. Eine urbane Musik, die von Bands gespielt wurde. Nicht zu verwechseln mit dem heutigen R ’n’ B.

- Chicago Blues Die elektrifizierte, urbane Version des Delta-Blues und eine regionale Variante des Rhythm and Blues. Eine Folge der Wanderungsbewegungen der schwarzen Amerikaner vom Süden in den Norden. Der Chicago Blues entstand nach dem Zweiten Weltkrieg in der Besetzung mit Gitarre, Bass und Schlagzeug . Eine rohe, archaische Musik mit Riffs, die auf wenigen Akkorden aufbauten. Gilt als der Vorläufer der Rockmusik. Mit dem Chicago Blues begann der Siegeszug der Gitarre in der Popmusik. (SK)

Re-Import des Blues

Als die bluesinfizierten Jünglinge erstmals auf US-Tour gingen, waren sie erschüttert von der Ignoranz gegenüber dem Blues und seinen schwarzen Vätern. «Niemand schien diese Künstler zu kennen», sagte Jagger nach der sogenannten «British Invasion» 1965. Der Re-Import des Blues in die USA verlaufe nur positiv, weil er mit dem Prädikat «Made in England» versehen war. Die Stones haben den Blues zurück nach Amerika gebracht und haben ihn dort wieder bekannt gemacht. Und während ihrer langen Karriere machten sie es zu ihrer Mission, den Vätern des Blues Tribut zu zollen und ihnen zu grösserer Bekanntheit zu verhelfen. Es war ein Nehmen und Geben, beide profitierten.

Vor diesem Hintergrund ist das neue Album «Blue & Lonesome» zu sehen. Das erste Album seit «A Bigger Bang» (2005), das erste Album, das nur Coversongs enthält und ausnahmslos Songs des Chicago Blues und seiner Helden wie Howlin Wolf, Willie Dixon und Little Walter. Der bedeutende Mundharmonika-Spieler (Blues Harp) Little Walter wird gleich mehrmals gewürdigt. Das hat damit zu tun, dass Mick Jagger selbst ein formidabler Blues Harper ist und hier ausgiebig die Gelegenheit erhält, seine Fähigkeiten zu präsentieren. Keith Richards hat seinen alten Kumpel stets in den höchsten Tönen gelobt: «Ich kenne keinen besseren Harmonika-Spieler.» Der Gitarrist selber hält sich dagegen solistisch zurück. Dafür ist Eric Clapton in zwei Stücken an Bord. Ein schöner Zufall. Der Bluesbrother war zur gleichen Zeit im Studio nebenan.

Diese spontane Spielfreude ist auf «Blue & Lonesome» hör- und spürbar. In nur drei Tagen haben die vier Ur-Steine mit ihnen Verbündeten wie Darryl Jones und Jim Keltner die zwölf Songs eingespielt. Zum Glück haben sie es gar nicht erst versucht, zu aktualisieren, und bleiben meist nah am Original. Überraschend ist aber, dass die scheppernden Versionen der Stones noch rauer und roher klingen als die eh schon rauen Chicago-Blues-Originale. Ja, «Blue & Lonesome» klingt wie aus einer anderen Zeit. Es ist ein Manifest für die Ehrlichkeit und Authentizität handgemachter Musik. Und ein Statement gegen das Reinheitsgebot des überproduzierten Hitparaden-Schrotts.

Die Rolling Stones traten im März in Kuba auf.
7 Bilder

Die Rolling Stones traten im März in Kuba auf.

Keystone

Der Kreis hat sich geschlossen

Und was bedeutet «Blue & Lonesome» für die Stones? Eigentlich wollten sie ja neue Songs aufnehmen. Es klappte nicht. Irgendwie wollte der Funke nicht springen. Erst im Blues fanden Jagger und Richards wieder jene gemeinsame Basis, die sie in den letzten Jahren zusehends verloren hatten. Keine Fragen, einfach nur Musik. Die Stones sind wieder bei ihren Ursprüngen angekommen. Bei ihren Idolen des Blues. «Blue & Lonesome» ist eine letzte Verneigung. Eine Zugabe der Stones erübrigt sich. Der Kreis hat sich geschlossen. Es ist alles gesagt.