Etwas Schreckliches muss passiert sein. Eine Frau schreit , als stünde Troja in Flammen, und sie sei mittendrin. Nur das, was sie schreit, macht irgendwie keinen Sinn: «Abgeholt im Fiat Punto!» wiederholt sie ein ums andere Mal. Was soll das bloss?

Die junge Dame heisst Ronja Zschoche und ist unter dem Namen Haiyti drauf und dran, der nächste deutsche Hip-Hop-Star zu werden.

In den deutschen Metropolen hängen die Leute an ihren Lippen, rappen ihre Texte Zeile für Zeile nach und rempeln sich entzückt vor der Bühne zu ihren basslastigen Stücken an – wie man das bis vor zwei, drei Jahren nur von Heavy-Metal- oder Punkkonzerten kannte.

Haiyti – Angst

Haiyti – Angst

    

Ihre Musik besteht aus grellen, sich überlagernden Synthesizertönen, aus simplen Melodien, zischelnden Hi-Hats und Bässen, tief wie der San-Andreas-Graben. Dazu eine Stimme, die praktisch ständig Alarm schlägt. «Die Welt muss wissen, dass ich im Fiat Punto abgeholt werde. Das ist doch aussergewöhnlich», sagt die 30-jährige Kunststudentin aus Hamburg und schaffte es, dabei nicht zu grinsen. Ihre Musik ist das Resultat kurzer Eingebungen, von Wort- und Phrasenfetischismus, vom Spiel mit Klischees und Rollenbildern.

So singt sie davon, dass sie für die nächsten 120 Jahre im Club bleibt. Sie singt davon, dass sie festgenommen wurde, weil sie zu sexy ist.

Sie rappt von Mafiosi, von Italiani, von Lamborghinis, vom Cruisen, von Nightliner-Bussen, in denen sie heimlich unterwegs sei – und eben davon, dass sie im Fiat Punto abgeholt würde. Alles hysterisch, alles dramatisch, alles etwas rotzgörig, als ginge es um Leben und Tod. Und sie hat, was vielen Rappern abgeht: Humor. Und einen eigenen Stil.

Worum geht es eigentlich?

Im Video zu «Italiano» hockt sie im Badeanzug in einem aufblasbaren Schwimmbecken und schwenkt zwei San-Pellegrino-Flaschen, als wären es Insignien des Reichtums. Freies Assoziieren zum Thema Italien scheint hier angesagt. «Capito, capito, capito? Finito, finito, finito?» «Auf meinem Laptop warten derzeit sicher zwanzig angefangene Songs auf ihre Vollendung», erzählt die Künstlerin – ein zartes Persönchen in türkis Turnhose und bauchfreiem T-Shirt – vor ihrem Konzert am Openair Frauenfeld. «Der Ausgangspunkt ist meistens ein Wort, zum Beispiel Montenegro oder Fiat Punto. Daraus entwickeln sich meine Verse, Zweizeiler, Vierzeiler, manchmal Achtzeiler, und meine Refrains.» Einen Teil improvisiert sie im Studio dazu.

Aber worum geht es denn eigentlich? Für diese Frage ist die Künstlerin der falsche Adressat. Sie schaut ratlos, reibt sich die gezerrten Bänder ihres Fusses, ein Andenken vom letzten Auftritt. «Ich mach das einfach und denk nicht drüber nach.»

Rund vierzig Songs hat die Hamburgerin mit dieser Technik innerhalb des letzten Jahres veröffentlicht. Für ihr Debütalbum arbeitet sie nun mit dem Produzentenduo KitschKrieg zusammen, das derzeit dank Veröffentlichungen mit dem Chemnitzer Sänger Trettmann in aller Munde ist.

Irritation in der Schweiz

Haiytis Videos haben bis zu 60 Millionen Views. Die Konzerte von Haiyti in den Clubs von Hamburg, München oder Berlin sind jeweils ausverkauft, in Frauenfeld ist sie noch ein kleiner Fisch.

Hier steht sie etwas verloren, die Irritation darüber, dass ihre Songs in der Schweiz noch nicht zünden, ist ihr anzusehen. Ihre schrille, von Effekten verfremdete Stimme verhallt fast ohne Wirkung.

Es ist nicht ihr erster Besuch in der Schweiz, wie sie erzählt. Vor ein paar Monaten war sie in Zermatt, zum Ausspannen. «Ich kann nicht Ski fahren. Darum habe ich meinen Laptop mit aufs Kleine Matterhorn genommen und dort getextet. In der Gondel habe ich dann gleich noch ein Video gedreht.» Es heisst «Bitches könn’s ahnen». So schnell geht das. Sie lässt sich ihren lädierten Fuss bandagieren und unterdrückt das Grinsen wie ein grosser, unergründlicher Star.