Die Wiener Philharmoniker haben einmal mehr ein Problem mit ihrer Vergangenheit, obwohl sie sich seit einem Jahr intensiv mit der Zeit im Nationalsozialismus beschäftigen. Wie erst kurz vor Weihnachten bekannt geworden, haben sie sich Ende Oktober heimlich dazu entschlossen, sechs Auszeichnungen, die während der NS-Zeit an Nationalsozialisten verliehen wurden, abzuerkennen. Es geht um Auszeichnungen mit Ehrenring oder Nicolai-Medaille für Baldur von Schirach oder Arthur Seyss-Inquart sowie für weitere NS-Funktionäre. Der 39-jährige Schweizer Historiker Fritz Trümpi hat den Entscheid indirekt beeinflusst. Mit seiner Dissertation «Politisierte Orchester» löste er in Wien eine Debatte aus. Der «Nordwestschweiz» erklärt Trümpi die heikle Sachlage.

Die Wiener Philharmoniker haben sich klammheimlich dazu entschlossen, sechs Auszeichnungen, die während der NS-Zeit an Nationalsozialisten verliehen wurden, abzuerkennen. War ihnen nicht wohl dabei, dass sie es so heimlich taten?

Fritz Trümpi: Ich habe auch erst vor ein paar Tagen davon erfahren und war sehr erstaunt darüber, dass dies nicht gleich nach der Beschlussfassung, die schon im Oktober stattfand, öffentlich kommuniziert wurde. Es wurde in den vergangenen Monaten viel diskutiert über die NS-Vergangenheit des Orchesters, vielleicht wollte man diesem nachhaltigen Interesse am Thema nicht noch bewusst Vorschub leisten. Andererseits handelt es sich ja um einen anerkennungswürdigen symbolischen Akt, dessen Kommunikation dem Orchester sicher nicht schadet. Vielleicht wissen wir ja nach der heutigen Pressekonferenz zum Neujahrskonzert mehr.

Ihr Buch «Politisierte Orchester» löste in Wien vor zwei Jahren heftige Debatten aus. Erst blockierten die Philharmoniker Ihre Arbeit, nach Veröffentlichung Ihres Buches reichte man Ihnen und anderen Fachexperten gar Hand zu einer noch intensiveren Aufarbeitung der Jahre von 1933 bis 1945. Ein Schweizer kann das nicht verstehen. Erklären Sie uns dieses wienerische Sein!

Vielleicht bin ich schon zu lange in Wien, als ich darin das «Wienerische» erkennen würde … (lacht). Aber wie auch immer, der von Ihnen angesprochene Verlauf der Dinge bedarf einiger Präzisierungen. Die Verhinderung meiner Recherchen und auch jener meiner Kollegin Bernadette Mayrhofer liegt weiter zurück. 2006 erhielt ich dann nach hartnäckigen Verhandlungen mit der Orchesterleitung offiziell Zugang zu den Quellen des Historischen Archivs der Wiener Philharmoniker. Nach Erscheinen meines Buches 2011 gab es in der Tat anhaltende Debatten darüber, wie das Orchester mit seiner eigenen Geschichte in Zukunft umgehen soll. Dies ging so weit, dass letztes Jahr ums Neujahrskonzert herum ein österreichischer Parlamentarier die Einsetzung einer Historikerkommission forderte – auf solchen Druck hin, der medial akribisch verfolgt und kommentiert wurde, entschied sich das Orchester im Januar 2013 kurzerhand, von sich aus aktiv zu werden. Ich selbst war davon mehr als überrascht.

Diese nun aberkannten Auszeichnungen waren in Ihrem Buch ein Thema. Waren Sie, der Schweizer Historiker, der Auslöser dieser Aktion?

Es gibt für diese Aktion keinen Einzelauslöser. Vielmehr ist der Beschluss das Ergebnis eines Prozesses, den meine Forschungen massgeblich beeinflusst und beschleunigt haben. Aber auch die Studien von Oliver Rathkolb und Bernadette Mayrhofer trugen wesentlich dazu bei, dass sich das Orchester nun zu dieser Entscheidung durchringen konnte.

Wirbel bei den Wiener Philharmonikern gibts immer rund um ihr Neujahrskonzert. Warum?

Das dürfte zunächst am enormen Popularitätsgrad dieses Events liegen. Die mediale Aufmerksamkeit ist hoch, die philharmonische Nervosität ebenfalls. Philharmonikerkritiker – und davon gibt es in Wien mehr als genug – wittern dann stets eine Chance, mit ihrem Anliegen ebenfalls eine erhöhte Aufmerksamkeit zu erlangen. Was auf den Nationalsozialismus bezogene Debatten angeht, liefert das Neujahrskonzert aber auch gleich selber Stoff dazu. 1939, im ersten Kriegswinter, gaben die Philharmoniker zu Silvester erstmals ein Konzert mit einem reinen Strauss-Programm, aus dem das Neujahrskonzert hervorging. Kurz: Das Konzert hat seine Wurzeln im Nationalsozialismus.

Dieses Neujahrskonzert ist in Ihrem Buch ein wichtiger Punkt. Warum?

In meinem Buch geht es nicht nur um die Wiener, sondern ebenso um die Berliner Philharmoniker. In der vergleichenden Betrachtung der beiden Orchester kristallisierte sich bei den Wienern umso deutlicher heraus, dass sie noch stärker als vor dem «Anschluss» mit wienerischen Topoi kontextualisiert wurden – im Unterschied zu den Berliner Philharmonikern, die nicht an regionalen, sondern gesamtdeutschen Kontexten orientiert waren. Im traditionellerweise antipreussisch gesinnten Wien kam dem Forcieren wienerischer Attribute nach 1938 eine die NS-Herrschaft konsolidierende Wirkung zu. Was die Wiener Philharmoniker betrifft, lag ein solches Attribut in der «Wiener Musik», und von da ist es zur Strauss-Dynastie natürlich nicht mehr weit. Dass diese Musik festliche wie unterhaltende Momente in sich vereint, lieferte dem Nationalsozialismus ausserdem ein kulturpolitisch umso leichter instrumentalisierbares Instrument. Ich behaupte damit natürlich nicht, dass ein Walzer von Johann Strauss totalitärer Musikpolitik Vorschub leisten würde. Aber die Krux nationalsozialistischer Kulturpolitik war ja gerade, dass sie sich überaus häufig bei Dingen bediente, die politisch keineswegs eindeutig zuweisbar waren. Es sind solche Zuschreibungs- und Instrumentalisierungsprozesse, die mich in meinem Buch interessierten. Und darum spielte auch das Neujahrskonzert eine wichtige Rolle.

Besuchen Sie das Konzert am nächsten Mittwoch?

Ich war dort tatsächlich schon Stehplatzbesucher. Das ist lange her. Inzwischen schaue ich mir das Konzert gelegentlich am Fernseher an, aber wie soll ich sagen … Es gibt abwechslungsreichere Veranstaltungen als das Neujahrskonzert (lacht).

Fritz Trümpi Politisierte Orchester. Die Wiener Philharmoniker und das Berliner Philharmonische Orchester im Nationalsozialismus. Böhlau 2011. 357 S., s/w Abb., Fr. 55.80.

Neujahrskonzert: 1.1. 2014, 11.15 Uhr, SRF 1. Daniel Barenboim dirigiert.