Eurovision

Die Liebe zum Fado ist neu entfacht

Fado-Sängerin Teresinha Landeiro in der Mesa de Frades, einem der angesagtesten Fado-Lokale Lissabons. Manuel Meyer

Fado-Sängerin Teresinha Landeiro in der Mesa de Frades, einem der angesagtesten Fado-Lokale Lissabons. Manuel Meyer

Im Schatten des Eurovision Song Contest feiert Portugals sehnsuchtsvolle Volksmusik eine Renaissance.

Schon seit Monaten fiebert Teresinha Landeiro dem Eurovisions Song Contest entgegen, der morgen Dienstag in der portugiesischen Hauptstadt Lissabon beginnt. «Ich war schon immer ein bekennender Fan», lacht die 22-jährige Portugiesin. Einen richtigen Favoriten hat sie noch nicht.

Den Schweizer Beitrag «Stones» vom Geschwister-Duo ZiBBZ findet sie allerdings sehr gut. Auch das Lied «Nobody but you» des Österreichers César Sampson gefällt ihr. «Ich mag halt Pop-Rock, Blues und Soul», sagt Teresinha. Doch eigentlich steht sie auf einen Musikstil, der nur selten bei einem Eurovision zu hören ist und selbst in Portugal bis vor einigen Jahren sogar als antiquiert galt: Fado.

Seit einigen Jahren feiert die melancholische portugiesische Volksmusik allerdings eine regelrechte Renaissance, versichert Teresinha. «Früher lästerten meine Freunde immer über mich, wenn ich Fado hörte. Heute kommen sie am Wochenende mit mir zu den Konzerten.»

Junge Sänger, moderne Texte

Unter den Jugendlichen galt Fado lange als altmodisch. Doch das hat sich in den vergangenen Jahren gewandelt. Und daran ist Teresinha Landeiro nicht ganz unschuldig. Immerhin zählt die sympathische Wirtschaftsstudentin zu den grossen Fado-Newcomer-Sängerinnen Portugals. «Wir begeistern unsere Generation mit modernen Texten, die von Dingen handeln, die uns heute beschäftigen», meint Landeiro.

Dabei zählt sie sich selber noch zu den eher klassischen Vertretern ihrer Generation. Neben neuen Sängern wie Gisela João oder Carminho vergöttert sie natürlich alte Legenden wie Fernanda María und Amália Rodrigues, die «Königin des Fado», dessen Wohnhaus in Lissabon heute in ein sehenswertes Museum umgewandelt wurde. Im April kam Teresinhas erste Single «Namorados» (Verliebte) auf den Markt.

Das Licht in der Mesa de Frades wird gedämpft. Es wird still in der ehemaligen Kapelle aus dem 18. Jahrhundert mit kunstvoll bemalten Wandfliesen und rustikalen Holzmöbeln, die heute zu Lissabons angesagtesten Fado-Lokalen gehört. Der landesweit gefeierte Gitarrist und Lokal-Besitzer Pedro de Castro stimmt mit seiner portugiesischen Gitarre die ersten tiefen Moll-Töne an. Teresinha lehnt sich an die alte Holztür. Sie schliesst die Augen, holt Luft. Dann durchbricht ihre Stimme mit einer so gewaltigen Stärke und Leidenschaft die Stille, dass selbst die zahlreichen ausländischen Touristen, die kein Portugiesisch sprechen, sofort verstehen, worum es im Fado geht – Sehnsucht, Wehmut, Liebe, Schmerz.

Als Teresinha ihre Stimme wieder senkt und die Augen schliesst, applaudieren die Gäste nahezu andächtig. Ein Fado-Konzert ist ein Erlebnis und eine Chance, tief in die portugiesische Seele zu schauen. «Es sind vor allem die sehr intimen, tiefgehenden Texte, die mich für den Fado begeistern. Fado ist gesungene Poesie. Da wurde mir der internationale Pop-Rock-Mainstream irgendwann einfach zu langweilig», sagt Teresa.

Das war nicht immer so. Früher gingen vor allem ausländische Touristen in die Fado-Konzerte. Doch heute begeistern sich auch immer mehr Portugiesen wieder für ihre melancholisch-nostalgische Traditionsmusik. Jedes Wochenende strömen sie in die knapp 30 Fado-Lokale im berühmten Fado-Viertel Alfama. «Geboren wurde der Fado allerdings Anfang des 19. Jahrhunderts im ehemaligen Mauerviertel Mouraria. Fado bedeutet Schicksal und wurde vor allem in anrüchigen Kneipen von den Prostituierten gesungen», erklärt Sara Pereira, Direktorin des Fado-Museums in Alfama.

Fado kann auch sexy sein

«So populär wie heute war der Fado lange nicht mehr. Dank einer neuen Generation von Künstlern erlebt er derzeit ein regelrechtes Revival», versichert Mário Pacheco, einer der bekanntesten Fado-Gitarristen des Landes und Besitzer des berühmten Clube de Fado. Er spricht von Künstlern wie Carminho, Mariza, Ana Moura, Ana Sofia Varela oder Cuca Roseta.

«Wir haben dem Fado wirklich ein neues Gesicht gegeben. Wir singen heute unsere eigenen Lieder mit modernen Texten, kleiden uns nicht mehr traditionell in schwarzen Kleidern, wie es einst unter Fado-Sängerinnen üblich war», bestätigt auch Cuca Roseta. Dann beginnt sie im Club de Fado ihr Konzert – in weisser Jeans und einem sexy, halb-transparenten Top.

Wie im Clube de Fado treffen sich auch in den zahlreichen Fado-Bars im Bairro Alto spätnachts junge Portugiesen zu Konzerten. Mal wird klassisch-traditioneller Fado gespielt, mal ganz moderner. Es gibt sogar Fusions-Varianten mit Jazz oder Elektro-Musik. Das bekannteste Beispiel für Fado-Fusions-Versionen ist vielleicht der portugiesische Musiker Salvador Sobral, der im vergangenen Jahr mit seinem «Amar pelos dois» den Eurovision Song Contest in Kiew gewann. So verwandelt sich seine Heimatstadt Lissabon, die «Stadt des Fado», nun bis 12. Mai auch in Europas Musik-Hauptstadt. Die ganze Stadt ist Dank Sobrals Fado-Version nun im Eurovisions-Fieber. Doch Teresinha Landeiro warnt: «Wer keinen Fado gehört hat, hat Lissabon nicht kennen gelernt».

Eurovision Song Contest 8. bis 12. Mai, Lissabon.

Melody Festival Aarau Fado Sinfonie mit Carminho und dem Argovia Philharmonic. 20. Mai, Alte Reithalle.

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