Das hätte kaum jemand für möglich gehalten. Vier von fünf Mitgliedern von Fleetwood Mac (nur Christine Mc Vie hatte keine Lust) haben sich noch einmal für eine Tournee zusammengerauft und arbeiten sogar an neuen Songs. Grund für das Comeback ist das 35-Jahr-Jubiläum von «Rumours», das Album, das den Sound jener Zeit definierte.

1977 erreicht der Linksterrorismus mit der Entführung und Ermordung von Arbeitgeberpräsident Hans Martin Schleyer durch die RAF seinen Höhepunkt. In den USA wurde Jimmy Carter zum Präsidenten gewählt, John Travolta tanzte durch «Saturday Night Fever» und «Star Wars» feierte Premiere. Die Einnahmen der Musikindustrie wuchsen explosionsartig und wie von selbst. Pop wurde die dominierende und alles überstrahlende Musik. Pop war das Schlaraffenland mit Glamour, Glanz und Luxus.

In dieser Atmosphäre des Hochgefühls entstand «Rumours» von Fleetwood Mac, mit über 40 Millionen Tonträgern eines der erfolgreichsten Alben der Popgeschichte. Die 1967 in England als Bluesband gegründete Band (damals noch mit Peter Green) formierte sich neu und zog 1974 nach Los Angeles. Zum Ehepaar John (Bass) und Christine McVie (Key) sowie dem namensgebenden Gründungsmitglied und Schlagzeuger Mick Fleetwood stiess das amerikanische Paar Lindsey Buckingham (Gitarre) und Stevie Nicks (Gesang). Die beiden Neuen prägten in der Folge die Band und steuerte sie in eine neue Richtung.

Euphorie, Drogen und Dekadenz

«Es waren andere Zeiten. Damals schien alles möglich», sagt Buckingham im «Rolling Stone», «wir lebten wie in einer Blase, es gab keinen Alltag. Überzogene Budgets spielten keine Rolle, Drogen und Alkohol waren selbstverständlich». In dieser euphorisierten Zeit des «Take-it-easy» war der unbeschwerte, kalifornische Folk-Rock von Fleetwood Mac und Eagles der Soundtrack der Stunde.

Doch, wo es Glanz gibt, hat es auch Schattenseiten. Die Hippielosungen von Love, Peace and Happiness mündeten nicht nur in Wohlgefühl, sondern auch in Sorglosigkeit, Selbstgenügsamkeit, Selbstüberschätzung und Dekadenz. Die Auswüchse machten sich auch bei Fleetwood Mac bemerkbar. Als «Rumours» entstand, hatte sich Christine gerade von John getrennt und trieb es mit dem Lichttechniker der letzten Tour. Auch Stevie Nicks trennte sich mit Getöse von Lindsey Buckingham und hatte eine heimliche Affäre mit Mick Fleetwood. Zuvor trennte sich dieser selbst von seiner Frau, als er erfuhr, dass sie ihn mit seinem besten Freund betrog.

Das Private wird Kunst

Dementsprechend langsam und angespannt verliefen die Aufnahmen. Aussprachen gab es keine. Stattdessen trösteten sich die Bandmitglieder mit Kokain. Die Songs waren das Ventil. Hier thematisierten sie die Affären, Geschichten und privaten Tragödien oder schrieben Songs über die Bandmitglieder. Buckinghams «Go Your Own Way» war eine düstere Vorahnung auf die kommende Trennung von Nick und «Dreams» der gemeinsame Versuch, sich zusammenzuraufen, bei «Second Hand News» wurde die Trennung zur Gewissheit und «Never Going Back Again» schrieb der Gitarrist, als er sich bei einer neuen Geliebten tröstete.

«You Make Lovin Fun» war der Song von Christine McVie über die Affäre mit dem Lichttechniker und «Don’t Stop» der optimistische Song nach der vollzogenen Scheidung. «Songbird» widmete sie der ganzen Band und «Oh Daddy» Mick Fleetwood, dem es gelang, die Band trotz der Vorkommnisse zusammenzuhalten. «Gold Dust Woman» schliesslich war eine Anspielung auf die Unmengen von Kokain, die während der Aufnahmen konsumiert wurden.

«Die grösste Seifenoper der Rockgeschichte», nannte ein US-Kritiker das Album. Fleetwood Mac machten das Private zur öffentlichen Kunst. Es war aber noch mehr als das. Kein anderes Album widerspiegelt diese glorreiche Zeit zwischen Glamour und Dekadenz besser als «Rumours». «Es war die schlimmste Zeit», sagt Stevie Nicks heute rückblickend, «aber wir schrieben die besten Songs unseres Lebens.» Diese Ambivalenz macht denn auch heute den grossen Reiz von Fleetwood Mac aus.

Denn hinter der harmlosen und glatt polierten Fassade der Softrock- und Wohlfühl-Songs taten sich Abgründe auf. Der Hippie-Traum war ausgeträumt. Doch Fleetwood Mac wollten noch daran festhalten, dabei hatte die bittere Realität, der düstere Alltag längst Oberhand gewonnen. Resultat ist «Rumours», das bittersüsseste Meisterwerk der Rockgeschichte.

Nach den Aufnahmen waren die Liebesbeziehungen zerstört und keiner wollte die anderen wieder sehen. Mehr als 35 Jahre später betreiben Fleetwood Mac auf der Bühne öffentliche Vergangenheitsbewältigung.