Pippo Pollina erinnert sich in seiner Autobiografie: «Es ist das Jahr, das das Ende der 1960er-Jahre in Palermo markiert: Die Stadt durchlebt gerade eine der schwierigsten Phasen, bekannt als ‹Sacco di Palermo› – die Plünderung Palermos. In einer wilden, von der Synergie zwischen Staat und Mafia gelenkten Bauspekulation wurden die Geschichte, die Vororte, das architektonische und künstlerische Erbe, die Gärten, die Zitrushaine und die ganze herrschaftliche Vergangenheit der Stadt schamlos geopfert und eingetauscht gegen ein paar Kisten Zement, Wohnblocks und Schlafquartiere.»

In dieser für jeden Sizilianer aufwühlenden Zeit ist Pippo Pollina gross geworden. Eine halbe Ewigkeit ist das her, heute ist der mittlerweile 47-jährige Liedermacher, der seit 20 Jahren in Zürich lebt, ein Veteran seiner Zunft. Mit über 3000 Konzerten und 18 Alben hat er sein Leben der Musik gewidmet. «Darum ist 2011 ein ganz spezielles Jahr für mich», sagt Pippo Pollina. «Ich feiere 30 Jahre Bühnentätigkeit und habe erstmals meine Lebensgeschichte aufgeschrieben.»

Mit Liedern gegen Ungerechtigkeit

Die Autobiografie des italienischen Liedermachers heisst «Über die Grenzen trägt uns ein Lied» und ist im Gegensatz zu manch anderer Lebenserinnerung wirklich ein Mehrwert, um das ganze künstlerische Schaffen Pollinas zu begreifen. Denn neben all der Poesie und Schönheit seiner Lieder bleibt Pollina ein Zorniger. Ein Mann, der das Unrecht bereits als Kind beim Namen nennen konnte und zu bekämpfen versuchte. Aber wie bekämpft man die Mafia? Eine Organisation, deren Krallen bis in die hintersten Winkel der Gesellschaft reichten?

Pollina entdeckte früh, dass man die Menschen am besten über die Herzen erreicht. Die Beatles, die Rolling Stones, die Animals oder auch die Yardbirds waren die Ersten, die eine neue Wunderwaffe einsetzten – in den Augen des jungen Sizilianers waren sie «mit Gitarren und Keyboard bewaffnete Revolutionäre», wie er in seinen Erinnerungen schreibt. Pippo Pollina entdeckte sein persönliches Ventil für seinen Gerechtigkeitssinn und begann Lieder zu komponieren.

Auch der Revoluzzer kann mal ruhen

«Und eines Morgens im September kam der Tag des Falken, sie rissen den Tag auf und vierteilten ihm den Bauch und er flog ins Tal, bis vor die Tore Santiagos, mit Feuerkrallen und Drachenaugen», singt sich Pollina beispielsweise in «Il giorno del falco» seinen Zorn über das bestialische Regime von Pinochet in Chile von der Seele. Doch trotz dem ganzen Bösen, dass er in sich aufsaugt und in Versform wieder ausspuckt, behält er den italienischen Frohsinn im Herzen, gründet in Zürich eine Familie und kooperiert im Laufe der Jahre musikalisch mit Konstantin Wecker, Linard Bardill und Patent Ochsner.

Als er kurz vor Weihnachten Schweizer Journalisten einlädt, um über seine grossen Pläne zu sprechen, die er in seinem Jubiläumsjahr 2011 verwirklichen möchte, tut er das auf seine ganz eigene Art und Weise: Er lädt alle zu sich nach Hause im Zürcher Seefeld ein und kocht Risotto. «Ich habe gerne Menschen um mich herum und Gäste bei mir zu Hause», sagt er zur Begrüssung und öffnet eine Flasche Rotwein. Auch der Revoluzzer kann mal ruhen, wenn es darum geht, auf 30 Jahre musikalische Verwirklichung zurückzuschauen.