Bastian Baker ist soeben von einem Konzert in Belgien in die Schweiz geflogen. Jetzt sitzt er entspannt im Garten des Zürcher Quartierkaffees «Dihei» und bestellt einen Burger zum Mittagessen. Nicht ohne schlechtes Gewissen – schliesslich macht der ehemalige Eishockeyprofi heute überhaupt keinen Sport mehr. Was man ihm allerdings nicht ansieht.

Bastian Baker, Sie sind einer der wenigen Schweizer Pop-Stars, die international Erfolg haben. Wie haben Sie das geschafft?

Bastian Baker: Ich trat am Anfang einfach überall auf, wo ich die Chance dazu bekam. Dann ergab das eine das andere. Die Mentalität von Schweizer Bands hat sich verändert: Heute versuchen sich viele im Ausland. Wir hatten in Frankreich und Belgien viel Erfolg. Wir arbeiten sieben Tage die Woche – und haben viel Spass dabei.

Was folgt als Nächstes?

Wir werden in Deutschland als Support Act für Everlast spielen. Das ist eine Riesengeschichte.

Die «NZZ am Sonntag» bezeichnete Sie als «Schweizer Antwort auf Justin Bieber». Ist das ein Kompliment oder eine Beleidigung?

Ach, das ist lange her. Solche Vergleiche sind ein Ding der Medien.

Es ärgert Sie.

Nein, es ehrt mich. Justin Bieber ist ein weltweit bekannter Star, er kann überall vor Tausenden von Leuten spielen. Das ist doch ein schöner Vergleich.

Und wo sind Ihre Skandale?

In diesem Punkt bin ich kein Justin Bieber, im Gegenteil: Ich bin ein diskreter Typ. Skandale sind nicht meine Art. Meine Wurzeln sind meine Familie und meine Freunde, ich geniesse das Reisen, ich bin ein friedlicher Mensch.

In Ihrem Alter schlägt man doch mal über die Stränge und macht unvernünftige Dinge. Müssen Sie darauf verzichten, weil Sie in der Öffentlichkeit stehen?

Nein, nein, keine Sorge (lacht)! In der Schweiz lauern zum Glück keine Paparazzi, man kann sich auch als bekannte Person frei bewegen. Das ist mir enorm wichtig: Ich möchte auf nichts verzichten, nur weil ich bekannt bin. Ich gehe immer noch in Parks in Lausanne und mache verrückte Dinge mit meinen Kollegen … Ich hebe nicht ab.

Wer würde es Ihnen sagen, wenn es trotzdem so wäre?

Meine Freunde! Ich lebe aber so, dass es mir nicht passieren kann. In der Schweiz trete ich an Festivals vor Tausenden Leuten auf. Wenn ich hingegen in New York spiele, muss ich die Menschen bitten, dass sie mich doch bitte auf die Bühne vorlassen, ich müsse da auftreten – denn da kennt mich keiner. Ich spiele nicht nur in der Komfortzone.

Gönnen Sie sich Ferien?

Ich habe einen alten VW-Bus und war mit Freunden eine Woche lang in Spanien am Strand. Wir gingen früh ins Bett, schliefen viel und surften am frühen Morgen. Das war Erholung pur! Und meine ersten Ferien seit einer Ewigkeit. In der Musikindustrie kannst du keine Ferien nehmen. Ich habe zwischendurch mal einen freien Tag, an dem ich nichts mache. Das muss reichen.

Können Sie dieses Tempo auf Dauer durchziehen?

Da musst du aufpassen. Letztes Jahr spielten wir in Frankreich 16 Konzerte am Stück. Wir waren mit dem Tourbus unterwegs. Das bedeutet, dass man mit 16 Männern in einem Bus schläft, jeden Abend zwei Stunden lang Konzert. Das war sehr intensiv, ich bin nicht Superman. Der Körper hat seine Limiten.

Warum haben Sie Ihr Äusseres verändert?

Habe ich das? Keine Ahnung, das ist mir nicht so wichtig. Ich trage in meinem Gesicht etwas mehr Bart – und drei Jahre Konzerte.

Sie werden in jedem Interview gefragt, ob Sie noch Single sind …

Das stimmt. Und es ist immer die letzte Frage.

Bei uns nicht … Aber wenn Sie nicht mehr Single wären: Könnten Sie das überhaupt zugeben? Viele Fans wären doch sicher enttäuscht – und das wäre schlecht für die Karriere.

Das glaube ich nicht. Es gibt viele erfolgreiche Künstler mit Freundinnen … Und ich habe ein breites Publikum, ich bin nicht mehr einfach nur Teenieschwarm.

Aber wie ist das jetzt mit Marine Lorphelin?

Wer?

Die Ex-Miss-France. Sie waren mit ihr in Cannes.

Ich erinnere mich nicht (lacht). Ich bin immer noch Single und würde es Ihnen sagen, wenn es nicht so wäre. Themawechsel!

Was möchten Sie unbedingt mal noch gemacht haben in Ihrem Leben?

Ich habe eine lange Liste mit Dingen. Motorfahrrad-Ausweis machen, Fallschirm-Absprung, viel reisen ... Alles abenteuerliche Dinge. Aber am meisten möchte ich einfach weiter Musik machen. Es ist mir voll bewusst, dass das nicht 60 Jahre lang mit dieser Intensität geht. Umso mehr geniesse ich es jetzt.

Sie haben grossen Erfolg in Belgien. Wieso gerade in Belgien?

Belgien ist crazy! Mein Song «I’d sing for you» lief am Radio, ohne dass wir diesen promotet hätten. Die Konzerte in Belgien sind verrückt! Es kommen 2000 Leute! Das ist so viel Publikum wie in Zürich. Und dann folgte die Anfrage als Juror bei «The Voice of Belgium». Das war wundergeil! Ich hatte Gänsehaut, als mein erstes Talent auf der Bühne stand.

Haben Sie bereits eine Anfrage vom Schweizer Fernsehen als Juror für «The Voice of Switzerland»?

Nein, bis jetzt nicht.

Sie hatten in Frankreich Erfolg, traten in einer Tanz-Casting-Show auf. Nun harzt es.

Wir spielten letztes Jahr über 35 Konzerte in Frankreich – in diesem Jahr haben wir nur einen Auftritt in Paris. In der Schweiz spielten wir letztes Jahr an zwei Festivals – dieses Jahr an dreissig. Du kannst nicht immer überall alles machen. Nächstes Jahr ist es dann wieder umgekehrt.

Welche Rolle spielen Social Media für Sie?

Privat überhaupt keine. Ich habe weder einen Facebook-Account noch bin ich auf Twitter. Ich nutze Social Media rein beruflich. Da ist es natürlich sehr hilfreich. Man hat einen direkten Zugang zu den Fans. Ich schaue nicht alle zwei Minuten auf meine Accounts. Bei der Arbeit an meinem zweiten Album liess ich die Fans mit Bildern via Twitter am Entstehungsprozess teilhaben. Das ist cool.

Sie haben eine eigene App. Wie kommt sie an?

Wir waren weltweit die ersten, die eine App veröffentlichten, auf der man direkt Musik kaufen kann. Bis jetzt haben wir rund 8000 Songs über die App verkauft. So können wir Länder erschliessen, in denen wir keine Vertriebsverträge haben. Die Songs werden auf der ganzen Welt heruntergeladen.

Das geht auch über Apples iTunes-Store.

Eben nicht. Meine Songs können nur in der Schweiz, in Frankreich, Belgien und Japan gekauft werden. Die ganze Musikszene steckt in einem grossen Wandel. Bis jetzt gab es zwar verschiedene Tonträger, das Business war aber immer gleich: Songs produzieren – und diese auf Platte, CD, Kassette oder Mini-Disc verkaufen. Heute funktioniert das nicht mehr. Heute wird Musik auf dem Handy mit Kopfhörern gehört. Deshalb bringen wir unsere Musik dorthin – auf die Handys.

Hat Ihre Musik Sie reich gemacht?

Die Leute meinen, dass man reich ist, wenn man in den Medien erscheint. Mir geht es gut, aber reich bin ich deswegen nicht. Ich lebe sehr bescheiden. Weil ich immer unterwegs bin, habe ich keine eigene Wohnung, kein Zuhause und muss deshalb keine Miete zahlen. Mit dem Geld, das ich in der Schweiz, Belgien und Frankreich verdiene, ermögliche ich Konzerte in Deutschland, Japan, Südkorea und den USA. Also an Orten, wo ich noch nicht etabliert bin. Das Geld wird sofort wieder in meine Karriere investiert.

Wie entwickelt sich Ihre Karriere in Deutschland?

Deutschland hat zurzeit oberste Priorität. Der Startschuss erfolgte im letzten Oktober am Konzert am Brandenburger Tor. Ende Mai ist mein Debütalbum «Tomorrow May Not Be Better» in Deutschland erschienen und ist auf Platz 268 in den deutschen Albumcharts eingestiegen. Das ist nicht berauschend, aber immerhin ein Anfang.

Wie ist die Deutschland-Strategie?

Live, live, live! Ich will so viele Konzerte wie möglich geben. Also so wie am Anfang in der Schweiz. Jetzt war ich als Support Act mit der deutschen Band Kids Of Adelaide unterwegs. Im November folgt eine kleine Tour, die schon zur Hälfte ausverkauft ist. Dazu kommt eine Tour als Support des amerikanischen Musikers Everlast und in Österreich mit den Back Street Boys.

Wie unterscheidet sich das Publikum in den Ländern, in denen Sie auftreten?

Am liebsten habe ich schon das Schweizer Publikum, weil es meine Lieder am besten kennt. In Frankreich kreischen die Fans wie verrückt. Das ist mir fast zu viel ...

Könnte es damit zusammenhängen, dass Sie in Frankreich noch ein Teenieschwarm sind und erst in der Schweiz breit etabliert?

Ja, das vermute ich auch. Es ist wie am Anfang in der Schweiz, da war ich auch der Teenieschwarm. Das hat sich jetzt aber geändert. Eigenartig ist das Publikum in Südkorea: Die haben sehr grossen Respekt, zwischen den Songs ist es mucksmäuschenstill. Sie verfolgen die Ansage gespannt. Erst während der Songs machen sie Lärm und klatschen.