Weihnachtsmusik
Die etwas andere Weihnachtsmusik

Noch immer auf der Suche nach ernsthafter, aktueller Weihnachtsmusik? Noch nicht fündig geworden? Dreht auch Ihnen sich der Magen bei dem professionell-scheinheiligen Getue arrivierter Stars? Dann sind diese sechs Tipps genau das Richtige für Sie.

Daniel Meyer
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Michael Bublé, Justin Bieber und eine ganze Reihe anderer Stars geben dieses Jahr ein Weihnachtsalbum heraus - die Absichten dahinter sind meist so durchschaubar wie die Musik, die darauf zu finden ist. Weihnachten als Kassenknüller. Die Regeln der Pop-Industrie geben ihnen recht: Jahr für Jahr kaufen unzählige Leute die 236. Version von «Silent Night» oder «Santa Clause Is Coming To Town».

Doch abseits dieser ausgetretenen Pfade gibt es noch andere, weit inspirierendere - vielleicht weniger zugängliche - Musik, die dem Weihnachts-Lärm eine individuelle Note beifügt. Es ist dies auch jene Weihnachtsmusik, die man auch noch nach dem 26. hören kann - und vor allem will. Anschliessend 6 Vorschläge:

1) Indie: Genau jene Klänge, zu denen man - in der Badewanne liegend, mit einer Tasse Tee in der Hand - den Schneeflocken beim Fallen zuzusehen kann. Dafür war Indie schon immer gut. Auch das Duo Smith & Burrows und ihre neue Platte «Funny Looking Angels» sind dafür besonders geeignet. Der Eine - Tom Smith - ist bereits bekannt als Sänger der Editors, der Andere - Andy Burrows - war früher bei Razorlight und spielt jetzt in der Band We Are Scientist. Gemeinsam haben sie ein wuchtiges, ja stellenweise monumentales Album aufgenommen. Mit scheinbarer Leichtigkeit covern sie Pop-Evergreens wie Blacks «Wonderful Life» oder Yazoos «Only You». Besonders letzteres, durch die Flying Pickets weltberühmt gewordene Stück wird auf diese Weise zu neuen Leben erweckt.

2) Folk / Americana: She & Him ist DIE Folk-Sensation. Sie, in dem Falle Schauspielerin Zooey Deschanel, und er, der schrullige Gitarrero M. Ward haben auch ein Weihnachtsalbum gemacht. Freilich klingt es nicht danach, und das ist auch gut so, verleugnen sie doch ihren eigenen verschrobenen Stil keineswegs. Mehr als eine akustische Gitarre, Klavier, Banjo und Ukulele brauchen die beiden nicht, um ihr eigenes Süppchen aus Country, Folk und Americana zu kochen. Trotzdem überrascht das Album «A Very She & He Christmas» immer wieder. So kommt es, dass «I'll Be Home For Christmas» plötzlich verführerisch, ja anmutig und lasziv daherkommt, sodass es einem auf eine ganz andere Weise warm den Rücken hinunter läuft. Ein Thor, wer da an Weihnachten denkt...

3) Jazz Einer der ganz grossen Jazz- und Klassik-Komponisten, Michel LeGrand, hat sich einen Traum erfüllt und mit «Noel Noel Noel» ein Weihnachtsalbum aufgenommen. Dabei hat er Klassiker des Genres umkomponiert und mit einem Symphonieorchester eingespielt. Und dann wären da noch die Stimmen: So illustre Gäste wie Jamie Cullum, Rufus Wainwright oder Carla Bruni standen Schlange, wenn der Meister um den Gesang bat. Besonders hervor sticht beispielsweise Mika, der Französisch singt und dabei eine erstaunlich gute Figur abgibt. Auch Iggy Pop - Berserker und Sex-Ikone vom Dienst - liess nicht lange bitten. Gerade er, nach Ausflügen in Bossa-Nova und Akustik-Rock, könnte ironischer kaum über die besinnliche Jahreszeit röcheln.

4) Instrumental Jazz: Wenn schon besinnlich, dann richtig. Das mochte sich der norwegische Meister-Pianist Bugge Wesseltoft gedacht haben. Der Virtuose setzt sich ans Klavier und spielt - Stille Nacht. Genau, dieses abgenudelte, ausgeleierte Stille Nacht. Schon viel zu oft gehört. Doch einmal mehr weiss der Meister mit einfachem, stringenten Spiel und unnachahmlich emotionaler Interpretation auf seinem Album «It's Snowing On My Piano» zu überzeugen. Für die Einen langweilig, für die anderen so besinnlich, wie Weihnachten nie klang.

5) Swing Jaja, Paul Anka, der ehemalige Kinderstar der Fünfziger singt die Lieder seiner mittlerweile von uns gegangenen Zeitgenossen. Klingt altbacken, ist es aber keinesfalls. Das alte Bühnentier hat noch einiges zu bieten. Auch deshalb gilt: Anka vorzugsweise Live geniessen. Auf «Songs Of December» zeigt der Oldtimer Charme, dass es einem den Atem verschlägt. Mit Zeitgenossen wie Sinatra will er gar nicht erst konkurrieren, dafür ist seine Stimme zu dünn, die Klangfarbe zu hell. Doch wo er stimmlich hinterherhinkt, macht er mit Stil vieles wieder wett.

6) Jazz / Pop: Das wohl konventionellste Album dieser Auflistung: «The Christmas Album» von Till Brönner. Der hoch dekorierte Jazz-Trompeter versucht dabei, Weihnachtsklassikern ein neues Gesicht zu verpassen. Glaubt man der Meinung vieler Kritiker und Fans, ist es beim Versuch geblieben. Während der bekannteste Jazz-Trompeter Deutschlands von einem künftigen Standart-Werk spricht, sehen die Fans in dem Album nur den Verkauf der Jazz-Seele an die klingenden Kassen der Pop-Kultur. So fragte beispielsweise die Frankfurter Allgemeine: «Sind Sie ein Kitschtrompeter, Herr Brönner?». Von «gefällig» oder «beliebig» war da die Rede. Auf dass die Musik den mit Liebe geschwängerten Raum fluten möge. Vielleicht liegt es aber auch an der Liederauswahl; keine neuen Lieder - keine neuen Ideen. Nichtsdestotrotz ist alles sauber, ja akkurat gespielt und für all jene, die einmal Jazz hören wollen, mehr als nur geeignet.

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