«Ich verstehe nicht, weshalb ‹the old farts and jackasses›, also die alten Fürze und Deppen, heute in Nashville noch die klassische, traditionelle Countrymusik suchen.» Dieser Satz vom damals amtierenden Entertainer und Sänger des Jahres, Blake Shelton (Ehemann von Miranda Lambert), löste vor ein paar Jahren einen Sturm der Empörung in der Szene aus. Er beleidigte damit nicht nur die Fans, sondern auch die Legenden, welche den Markt jahrzehntelang aufgebaut hatten.

Es sind eben 20 dieser Legenden, welche sich einen Tag vor dem offiziellen Start des CMA-Fests, dem grössten Countrymusik-Festival der Welt, zur Night of the Legends treffen. 130 Nummer-1-Hits gehen auf das Konto der auftretenden Künstler. Der Wildhorse Saloon ist ausverkauft. «Wir haben in jedem einzelnen Honky Tonk gespielt, bevor unsere Karriere startete», erinnert sich David Bellamy (64) vom Erfolgsduo The Bellamy Brothers kurz vor Konzertbeginn. Zwischen den Shows habe er gejobbt, hier den Rasen gemäht, dort in einem Laden ausgeholfen. Die Bellamys haben seit Karrierebeginn 50 Alben aufgenommen, 20 Nummer-1-Hits produziert, 7000 Shows gespielt. «Ja, wir haben auch 7000-mal «Let Your Love Flow» gespielt», sagt Howard Bellamy (69) lachend, um dann wieder ernst zu werden.

Zielpublikum heute jünger

In Zeiten, wo dank Youtube, TV-Shows und sozialen Medien täglich neue Sternchen geboren werden, erstaunt die Tatsache kaum, dass die Branche das Zielpublikum von einst «weiblich, 25–45 Jahre» runter auf «weiblich, ab 18 Jahre» definiert hat. Dies ist wohl mit ein Grund dafür, dass die männlichen Countrysänger in Nashville derzeit alle gleich tönen und ähnlich aussehen: 20 bis 30 jung, TV-taugliches Gesicht, mindestens einen Dreitagebart und weiss gebleichte Zähne. Die männlichen Pendants zu Taylor Swift heissen derzeit Luke Bryan sowie Brian Kelley und Tyler Hubbard vom Duo Florida Georgia Line. Sie räumen im Moment jeden Preis ab und lächeln in Downtown Nashville von Hunderten von Plakaten. Sie zieren Kartonfächer, Pins, T-Shirts und bringen mit wummernden Bässen, klirrenden E-Gitarren und lauen Partysongs 60 000 kreischende Fans in Ekstase.

Larry Gatlin (67) möchte nicht über die heutige Generation schimpfen. «Ich mag Luke Bryan und Taylor Swift ihre Erfolge gönnen. Taylor ist eine wunderbare, talentierte, junge Frau.» Gatlin und seine Brüder haben schon bei den Einweihungsfeiern von drei Präsidenten gespielt und 16 Alben aufgenommen. Larry Gatlin hat darauf jeden einzelnen Song selbst geschrieben und acht Nummer-1-Hits produziert. Seine Songs wurden unter anderem auch von Johnny Cash und Elvis Presley aufgenommen. Und dann gerät er doch etwas ins Schwärmen von den guten alten Zeiten. «Cash war für mich wie ein älterer Bruder, den ich nie hatte.» Der Tatsache, dass er damals nicht als Backgroundsänger bei Elvis aufgenommen wurde, trauert Gatlin heute nicht mehr nach. Dieses Jahr feiert er mit seinen Brüdern das 60-Jahr-Bühnenjubiläum und mutmasst: «Ich werde wohl nie in die Hall of Fame aufgenommen.» Da brauche es die Unterstützung von «wichtigen Leuten», und im Moment würden da zu viele mitmischen, die die Countrymusik in erster Linie als Geschäft verstünden.

In die gleiche Richtung zielt Josh Turner, der als letzter Akt am Freitagabend die «heilige Bühne» der Grand Ole Opry verlässt. Turner ist einer der wenigen, der es trotz mehrheitlich traditionellem Sound zum Status eines Superstars gebracht hat. «Heute habe ich das Gefühl, dass die Lichteffekte, die sozialen Medien, das Getue rund um die Musik der echten Musik die Seele raubt», sagt er.

Keine Show ohne Facebook

Klar gibt es sie noch, die Juwelen, die Nachwuchshoffnungen, wie zum Beispiel Mo Pitney oder Aaron Watson, die sich wohltuend vom Einheitsbrei abheben. Doch sie sind in der Minderheit und müssen in der grossen Flut neuer Sternchen wie die Nadel im Heuhaufen gefunden werden. Die Informationsflut und die Schnelllebigkeit vereinfachen dies nicht. Soziale Medien sind während der Festivalwoche allgegenwärtig. Keine Show ohne Facebook, Twitter, Instagram … Eben noch beantwortet Jamie Lynn, die kleine Schwester von Britney Spears, die Fragen einer Lokalreporterin, Sekunden später sind die Fotos der mit den Handys knipsenden Fans schon für alle weltweit zu sehen.

Die Bellamys sehen auch das Gute in den neuen Medien. «Sie sind gute Marketingwerkzeuge und haben uns definitiv auch jüngere Fans zu den Shows gebracht», sinniert David Bellamy. Haben sie das Gefühl, für ihre Leistungen genügend Respekt zu erhalten? «Wir haben gerade unser Jubiläumsalbum ‹40 Years› herausgebracht und sind für nächstes Jahr bereits heute schon für 150 Shows gebucht», meint Howard Bellamy ausweichend. Da fällt seinem Bruder David ein: «Kürzlich habe ich Leute getroffen, die wussten nicht einmal, wer Paul McCartney ist. Die heutigen Stars sind auswechselbar geworden, das ist der Zeitgeist, aber wir sind immer noch da.»

The Bellamy Brothers 27.6. Trucker Festival, Interlaken, 31.7. Schlager Open Air, Flumserberg, 26.9. Schupfart Festival

Larry Gatlin & the Gatlin Brothers 11./12.9. Country Night Gstaad