Zorn, Wut, Raserei, ebenso Liebesschmerz und Liebessehnsucht können von bewegender, ja aufwühlender Schönheit sein. Das lehrt die Barockoper, die Affekte direkt in Musik setzt. In Antonio Vivaldis «Catone in Utica» leuchten und schillern all diese Affekte in einem unglaublichen Farbenreichtum. In seiner letzten Oper, in seinem ganz eigenen Zugriff auf das bestehende Libretto Pietro Metastasios, lief der venezianische Meister 1737 nochmals zur Hochform auf. Dies ist jedoch nur in einer packenden, musikalisch erstklassigen Aufführung mitzuerleben, wie sie Andrea Marcon mit dem äusserst spielfreudigen La Cetra Barockorchester Basel und einem exzellenten Solistenensemble im Musiksaal des Stadtcasinos Basel geboten hat.

Kampf gegen Cäsar

Umso schmerzlicher vermissen wir den ersten Akt, der verloren gegangen ist. Andreas Müller-Crépon erzählt den ersten Akt, leitet ein in die Geschichte der Intrigen und der Liebesverwirrungen, dieser antiken Geschichte um Cäsar und seinen Widerpart, den Senator Cato, den Urenkel des berühmten alten Cato, der in jeder Rede die Zerstörung Karthagos verlangt hatte. Der junge Cato bekämpft als Republikaner den machthungrigen Cäsar. Catos Tochter Marzia aber liebt Cäsar und nicht den numidischen Prinzen Arbace, dem sie versprochen ist. Da ist noch Emilia, die Witwe des Pompeius, die Rache an dessen Mörder Cäsar nehmen will.

Das Spiel von La Cetra, der Gesang und die packend gestalteten Rezitative der sechs Solisten sind von so unmittelbarer Lebendigkeit, dass die fehlenden szenischen Bilder in der konzertanten Aufführung in den Köpfen der Zuhörer entstehen und ablaufen. Anstelle der verlorenen Ouvertüre setzt Marcon die Sinfonia aus Vivaldis drei Jahre früher geschaffenen «L’ Olimpiade». Mit dem Allegro entfaltet La Cetra eine vorwärtstreibende Kraft und erzeugt eine Spannung, die während der zwei Stunden Musik nie einbricht. Emilio Gonzalez Toro gibt den Catone als Mann, der leidenschaftlich und stur für die Republik streitet und ob Marizas Liebesgeständnis in rasenden Zorn gerät. Markant und virtuos zugleich gestaltet er mit schlankem, wendigem Bass die Wutarie «Doveva sventarti allora».

Anett Fritsch ist ein herrischer Cesare, der – beleidigt von Catone – zum blutigen Kampf ruft. Die Sopranistin tut dies mit halsbrecherischen Koloraturen, mit Vehemenz und Siegessicherheit. Jede Silbe ist affektvoll gestaltet, getragen vom kriegerischen Sound der Streicher und der Trompeten sowie den wirbelnden Trommeln. In der Begegnung mit Marzia schmilzt dieser Cesare aber vor Liebe. Die Rächerin Emilia wird von Ann Hallenberg grandios als Furie gestaltet. Countertenor Carlos Mena gibt den Botschafter Roms und Freund Cesares mit kraftvollem, höhensicherem Alt. Und Primadonna Roberta Invernizzi erhält zum Schluss eine Bravourarie aus «Grismelda». Betörend, wie sie die schnellen Koloraturen virtuos setzt. Mit starkem emotionalem Ausdruck gestaltet sie den Helden Arbace, der den Liebesverrat heroisch als Schicksal akzeptiert. Das passt perfekt zum Happy-End, das Vivaldi der Geschichte aufsetzt.

«Catone» erleben wir in Basel so lebendig, als wäre die Oper erst geschrieben worden. Da wird packend musiziert mit sattem, klar akzentuiertem Streicherklang, der sich auf dem kräftigen Groove des Basso continuo wunderbar entfaltet. Königlich klingen Trompeten und Hörner. Nach Vivaldis «Fida della ninfa» im November brillieren Marcon und La Cetra mit einem weiteren unbekannten Barock-Juwel.