Wer schon einmal bei den legendären Salsa- oder Brasil-Bootsfahrten an den Wochenenden in Montreux dabei war, der weiss, wozu gut gelaunte Musikfans fähig sind: Nach dreistündigem Tanzcruise kaum im Hafen gelandet, stürzt sich das heisse Partyvolk von Bord ins kühlende Nass - meist mitsamt Kleidern. Um dann wie am Freitagabend zu den drei Brasil-Sängerinnen Tulipa Ruis, Gal Costa und Claudia Leitte die Nacht durchzutanzen. Wenn doch wieder, wie jedes Jahr, die ganze brasilianische Diaspora aus Europa am Genfersee zusammenläuft, gilt es zu feiern.

Wyclef Jean heizt an

Prächtiger Laune war Anfang Woche auch Wyclef Jean. Er ist zwar nur ein mittelprächtiger Sänger - aber ein hervorragender Entertainer. Seine Devise ist die des Montreux Jazz Festivals: Im grössten musikalischen Schaulaufen Europas gilt es aufzufallen - er will es um jeden Preis. Wyclef Jean hatte Ende achtziger Jahre mit den Fugees eine tolle Zeit, grosse Hits und mit Lauryn Hill eine berückende Sängerin an der Seite.

Die Zeiten sind vorbei: Hill landete aufgrund von Steuerhinterziehung unlängst im Knast, die Megaband wurde zum Refugee Camp geschrumpft, und der Mann aus Haiti tingelt mit buntem Potpourri durch die Lande. Sein Rezept des cleveren Mixens von Samples und Covers geht indes immer noch auf. Jean ist hochmusikalisch, ein unermüdlicher Anheizer - und er ist sich vor allem für nichts zu schade: auch nicht sein T-Shirt auszuziehen und über dem Kopf zu schwenken oder mit Kindern auf der Bühne rumzutollen.

Jean brachte seine Fans aus dem Häuschen: Er stieg auf die Balustrade des Balkons und turnte zwischen den VIPs herum, die er zuvor noch aufs Übelste beschimpft hatte; so landete schon manch einer im Rollstuhl. Für ein kurzes Duett zog er die Soullegende Bobby Womack auf die Bühne: Der 69-Jährige sang die Refugee-Camp-Corona husch an die Wand.

Dabei ist der einst grosse Soulcrooner durch Darmkrebs und Alzheimer gebeutelt - doch in Montreux erwischte Bobby Womack in der Eröffnungsshow einen guten Abend. Er liess sich nicht auf die Äste hinaus, die Texte seiner berauschenden neuen Songs (Album «The Bravest Man in the Universe», 2012) vom Teleprompter abzulesen, sondern entschied sich für eine Nostalgieshow. Well done, wenn er so auch nicht live zeigen konnte, was er jüngst ersann.

ZZ Top dreht auf

Nur ein bisschen nostalgisch zeigte sich eine andere Altherrenband. ZZ Top sind trotz Rauschebärten grandios gealtert: Die drei 64-jährigen Texaner sorgen seit 1969 für harten und lauten Texmex-Bluesrock. Mit ihrem letzten Album «La Futura» sind die Senioren in der Zukunft gelandet. Dank der Blutauffrischung durch Produzent Rick Rubin, der auch Johnny Cash durch Reduktion auf die musikalische Essenz in die Neuzeit gebeamt hatte, hüpfen sie wie aufgedrehte Duracell-Häschen über die Bühne (AC/DC lassen grüssen).

Die Waldschrat-Show war gut wie nie, und Saitenartist Billy Gibbons bewies wieder, wieso er Vorbild ganzer Generationen von Gitarristen ist: Pointierter und knackiger lässt sich Rock kaum gniedeln. Und sein Alleinstellungsmerkmal sind die trockensten Songfinales, die es gibt.

Da kann ein derzeit gehypter Junggitarrist noch viel von Gibbons lernen: Jake Bugg, 19-jähriger Brite, hat zwar eingängige Songs im Stile des Britpop geschrieben. Er durfte deshalb auch gleich mit Ex-Oasis-Kopf Noel Gallagher touren. Doch letztlich sind nasaler Gesang, Spiel ohne Posen, Unaufgeregtheit und Beatles-Frisur allzu brav. Und seine Interpretation von Neil Youngs «Hey Hey, My My» war alles andere als ein Verzweiflungsschrei des Spätberufenen.

Prinz wills cracy angehen

Brav kam auch der französische Neomusiker, Videoregisseur und Grafiker Woodkid daher, allerdings war sein Schachzug mächtig Eindruck schindend: Mit den Streichern und Bläsern der Sinfonietta de Lausanne sowie drei Drummern mit Hang zur grossen Geste verpasste er seinem melancholischen und repetitiven Soundwänden eine Aura, die auf das junge Publikum in Montreux wie eine Droge wirkte: So pathetisch, bombastisch und sakral, dass anschliessend nur noch ein kleiner Teil des Publikums die Hauptattraktion des Abends, die eher stoisch rockenden Editors, anschauen wollte.

Wie man Musik macht, die unter die Haut geht, das bewies erneut die alte Garde. Die souveräne Bonnie Raitt und Ben Harper, der sich für ein souliges Stax-Album mit Charlie Musselwhite zusammen tat, lebten den Blues: tief empfunden und mit viel Leidenschaft gespielt. Es ist so, wie Neil Young in «Hey Hey, My My» dichtete: «Rock'n'Roll is here to stay...» Was Besseres kommt ganz selten nach.

Und da freut man sich besonders, dass ab heute seine «Funkness» Prince drei Abende lang Montreux wieder zum Kochen bringen will. Exaltiert, traumtänzerisch und erwartungsgemäss unglaublich sexy. Er soll neuerdings am Stock gehen? Naja, wie pflegt Prince doch zu singen: «Let's go Crazy!» Weil Party, Entertainment und Schaulaufen eben dazugehören.