Unvergesslich: Wild und unrhythmisch gestikulierend, spastisch zuckend und mit den zu kurz geratenen Armen rudernd, mit gespreizten Fingern stand Joe Cocker auf den Bühnen der Welt und sang das Beatles-Cover «With A Little Help From My Friends». Nach drei Minuten und 50 Sekunden kam er, dieser markerschütternde, gurgelnde, animalische Schrei. Gequält und triumphierend zugleich. Unnachahmlich! Der berühmteste Schrei der Rockgeschichte.
Joe Cocker -With A Little Help From My Friends

Joe Cocker -With A Little Help From My Friends

Dieser Schrei hat den gelernten Gasinstallateur aus Sheffield populär gemacht, damals im Jahre 1969 in den wilden Tagen von Woodstock. Die meisten hätten bei diesem Schrei ihre Stimme verloren. Nicht so Joe Cocker. 45 Jahre lang war dieser Schrei das Markenzeichen, der absolute Höhepunkt jedes Konzertes des Briten. Cocker musste Stimmbänder aus Stahl gehabt haben. Sheffield-Stahl!

Alkohol- und Drogenexzesse

Aber nicht nur seine Stimmbänder mussten einiges aushalten. Vor seinem Durchbruch tingelte er jahrelang durch die übelsten Arbeiter-Spelunken, sang für eine miese Gage und fünf Liter Bier. «Wenn ich nicht zu singen begonnen hätte, wäre ich sicher kriminell geworden», sagte er einmal, und Alexis Korner, der damals wichtigste Förderer der britischen Bluesszene, nannte ihn «den Sänger der Unterprivilegierten».

Nach Woodstock wurde es nicht viel besser. Er war zwar berühmt und verdiente viel Geld, als Kind der Hippiejahre prägten aber Alkoholexzesse und Unmengen von Drogen sein Leben in den 70er-Jahren. Nach seinem Durchbruch folgte er dem Selbstzerstörungswahn der Hippies und Rock-Rebellen und stand eine Zeit lang ganz zuoberst auf den Todeslisten.

Mit dem skrupellosen Musikbusiness fand sich der begnadete Sänger nicht zurecht. Er war nie so extrovertiert wie ein Mick Jagger, kein Selbstdarsteller, eher kontaktarm, zurückhaltend und wirkte geistig eher unbeweglich.

Kein Wunder wurde er von skrupellosen Managern und Dealern schamlos ausgenutzt. Er liess Verträge platzen, wurde wegen Drogendelikten und Körperverletzungen verhaftet, musste horrende Ablösesummen begleichen und verschleuderte sein Geld in rauen Mengen. Dabei musste er permanent touren, um seine Rechnungen bezahlen zu können.

Psychische Probleme und Nervenzusammenbrüche kamen dazu und machten seine Konzerte zu Hochrisikoveranstaltungen. Niemand hätte damals darauf gewettet, dass dieser personifizierte Rock-Exzess 70 Jahre alt würde. Jetzt ist er im US-Staat Colorado, wo er auf einer Ranch lebte, an Lungenkrebs gestorben.

«Drogen gab es überall, und ich stürzte mich darauf. Und wenn du erst mal in dieser Abwärtsspirale bist, dann ist es schwierig, da wieder rauszukommen. Ich brauchte Jahre, das zu schaffen», sagte er Jahre danach. Die Wende kam mit seiner Frau Pam, die ihm weg von der schiefen Bahn half.

Joe Cocker - Unchain My Heart (Official Video)

Joe Cocker - Unchain My Heart (Official Video)

«Sie machte mir klar, dass die Leute mich immer noch singen hören wollten», sagte er. Das Comeback in den frühen 80ern war fulminant und er reihte mit Songs wie «You Can Leave Your Hat On», «When the Night Comes», «N’Oubliez jamais», «Unchain My Heart» und dem Duett «Up Where We Belong» mit Jennifer Warnes Hit an Hit.

In seichten Pop-Gefilden

Joe Cocker hatte wieder Tritt gefasst und versöhnte sich mit der Musikindustrie. Einige Kritiker warfen ihm aber vor, dass er sich in allzu seichten Pop-Gefilden bewegen würde. Nicht ganz zu Unrecht, denn seine Musik war längst nicht mehr so ekstatisch wie damals. Er verstand es aber mit seiner unnachahmlichen, röhrenden Reibeisenstimme, selbst die triefendste, schmalzigste Schnulzen-Ballade in eine wahre Pop-Perle zu verwandeln. Und auf der Bühne, auch an unzähligen Konzerten in der Schweiz, schaffte er es immer wieder, diesen Geist von damals heraufzubeschwören.

Joe Cocker - N'oubliez jamais

Joe Cocker - N'oubliez jamais

Er blieb bis zuletzt erfolgreich. Sein letztes Studioalbum «Fire It Up» von 2012 erreichte Platz 5 in den Schweizer Charts und für das kommende Jahr hatte er ein neues Album angekündigt, das ihn zurück zu seinen Wurzeln bringen sollte. Sein Vermächtnis. Sein letzter Schrei.

Joe Cocker war einer der grössten Interpreten der Pop- und Rockgeschichte. Er machte die Songs zu seinen eigenen und setzte ihnen mit seiner bluesgetränkten Stimme, die tief aus dem Innern kam, seinen unvergleichlichen Stempel auf.

Die «New York Times» hatte ihn zum besten männlichen Rocksänger erkoren und das «Rolling Stone» schrieb: «Er war der lebende Beweis, dass man aus Sheffield kommen und trotzdem wie ein Schwarzer aus Mississippi singen kann.»

Das schönste Kompliment kam aber von Udo Jürgens, der wie Cocker in diesen Tagen verstorben ist: «Er konnte einmal Baby schreien und ich konnte einpacken.»