«Cut Up» ist ein künstlerisches Verfahren der 50er-Jahre, das von den Beatniks-Autoren wie William S. Burroughs, Jack Kerouac und Allen Ginsberg bevorzugt wurde. «Cut Up» heisst auch das neue, das zehnte Album von Patent Ochsner. Diese Technik hat Büne Huber im Frühling 2014 angewandt, als er Richtung Süden aufbrach. Einfach losfuhr, um der Vergangenheit, dem Bruch einer langjährigen Beziehung, zu entfliehen und vielleicht einen Neuanfang zu finden.

Es war eine Reise der Inspiration. Huber schrieb alles nieder, notierte, kritzelte und dichtete. Als er in Spanien ankam, hatte sich viel Text angesammelt. Wie die Beatniks hat er die Zettel, Schnipsel und Blätter zerschnitten, in den Nachthimmel geworfen, wieder eingesammelt und in einer wilden Struktur neu zusammengesetzt. Das ergab ein 40-seitiges Poem. Es war der Ausgangspunkt für «Cut Up» und diente Huber als eine Art Bundeslade, aus der er die Substanz für die neuen Songtexte herausfilterte.

Der Zufall spielt dabei eine zentrale Rolle. Das war die Idee. Der Kontrollverlust am Anfang des kreativen Prozesses sollte die Wahrnehmung verändern, vielleicht irritieren, um etwas Neues entstehen zu lassen. Neue Sprachbilder, neue Einsichten. Die neuen Patent Ochsner?

Es entstanden Lieder wie die euphorischen Hit-Single «Für immer uf di», «Villajoyosa», in der er das Alleinsein feiert («I bi no nie so schön alleini gsi»), ein Duett mit der englisch singenden Sängerin Shirley Grimes. Die Aufbruchsparabel «Dr Zug (fahrt us der Stadt)», ein gemächlich fahrender Song, nah an der Kitschgrenze, mit dem Engelschor von Grimes, Daniela Sarda und erstmals Hubers älterer Tochter Hanna. Oder «La Rose», ein Chanson mit Harmonien, die inspiriert sind von Songs aus dem Great American Songbook. Dazu kommen «Ohni di», nach «Wysses Papier» von 1997, ein weiteres Mundart-Cover von Element of Crime, sowie die berührende Hommage an Polo Hofer, «Kreis», eine Ochsner-Adaption des Rumpelstilz-Lieds «Gfallene Ängel».

Eingeführt und moderiert wird «Cut Up» von Razzo Rochino, einem Alter Ego von Büne Huber. Es ist seine Reise. Er haut ab, nachdem Fundamentalisten versehentlich sein Haus gesprengt haben. Er ist die Klammer und der rote Faden, der durch das Album führt. Sinn macht er aber höchstens für jene schwindende Hörerschaft, die am Gesamtkunstwerk «Album» festhalten will.

Razzo Rochino ist ein Spass, reine Spielerei. Denn die einzelnen Lieder und Geschichten stehen im Prinzip für sich und brauchen weder Über- noch Unterbau. Der Hörer von «Cut Up» kann überall einsteigen und findet doch sofort Anschluss. Ganz nach der Idee der Beatniks.

Erfolgsformel bestätigt

Insgesamt sind 13 Lieder entstanden, meist im melancholischen Ton gehalten. Unterbrochen nur vom lüpfigfröhlichen «Hüenerhof», dem rockigen «Das Viech» und dem Reggae «Pfingerabderöschti». Aber alle atmen die DNA von Patent Ochsner. Wer nach Abschluss der Trilogie «The Rimini Flashdown» eine Neuausrichtung erwartet hat, muss enttäuscht werden. Auch das Zufallsprinzip des «Cut Up» hat Patent Ochsner wieder zu Patent Ochsner geführt. Und Büne bleibt Huber. Sowieso.

Wie keine Band in der Schweiz hat Patent Ochsner eine einzigartige Bandidentität geschaffen: melodisch, sprachlich, inhaltlich und bezüglich Bandsound. Die Berner Band ist auf dem Höhepunkt ihrer Schaffenskraft und dem Höhepunkt ihrer Popularität. Es gibt keinen Grund, an dieser Erfolgsformel zu schrauben.