Das Stückli beginnt im Irgendwo und endet im Nirgendwo. Es hat keinen richtigen Anfang und kein rechtes Ende. So ist es oft, wenn Rees Gwerder seine eigenen Kompositionen spielt. Über hundert gibt es davon.

Manchmal ist es auch anders. Gwerder baut ein liebliches Thema auf, schmückt es aus und überwältigt die Führstimme, die eben noch so zerbrechlich und freundlich geklungen hatte, ganz plötzlich und gnadenlos brachial mit einem vierfachen: daaam, daaam, daaam, daaam. Solche Dramatik, solche kompositorische Urkraft, solche Rasanz ist bis heute einmalig und unerreicht im Schweizer Ländler. Das ist ganz grosse Komposition. Gwerders Melodien spiegeln das Leben als eine Aneinanderreihung von Unwägbarem und Unausgewogenem, durchmischt mit Phasen von Schönheit und Harmonie. Geht zu weit, wer in diesen Dreiminutenwerken den Reichtum ganzer Opern und grosser Symphonien angelegt sieht?

Ja, der Gwerder Rees, Bergbauernbub aus dem Muotatal, mit 34 Jahren ausgewandert nach Arth am Zugersee, ist ein Weltmusiker made in Switzerland. Endgültig gesalbt wurde er im Jahre 1991. Peter Rüedi, der Papst unter den Jazz-Kritikern, nannte den Musiker in der «Weltwoche», die damals noch das Intelligenzblatt der Schweiz war, «eine der letzten Relaisfiguren des Authentischen». Er sei «ein originaler Fels im Sumpf eines reaktionären, traditionsvergessenen Swiss-Folklore-Business».

«Originaler Fels»: Mit dieser Umschreibung kann auch Res Schmid etwas anfangen. Er ist selber ein Meister am Schwyzerörgeli, spielt allerdings nicht im Muotataler, sondern im Berner Stil. Er hat Gwerder oft live erlebt, und dessen «Echo vom Geisshimmel» gehört zum erweiterten Repertoire der Kapelle Res Schmid/Gebrüder Marti. Schmid sagt: «Rees Gwerder hat für die Schweizer Örgeli-Szene eine riesige Bedeutung. Er hatte eine erkennbar eigene Handschrift, war ein Meilenstein, ein echtes Original. Also weder Recycler noch Kopist, wie es heute so viele sind.»

Spätestens seit der Musikproduzent Cyrill Schläpfer den Örgeler neu aufgelegt und ihm 1993 mit «UR-Musig» filmisch ein Denkmal errichtet hat, merken bei seinen Stückli auch Städter auf, die sonst mit dem Ländler nichts anzufangen wissen.

Sicher ist, dass Gwerder nie in seinem 87-jährigen Leben auf billigen Hudigäggeler-Effekt oder Kommerz-Schnickschnack geschielt hat. Er gehörte nie zu den zehn «Ländlerkönigen», eine Erfindung des Schweizer Fernsehens zur Ankurbelung des Genres. Für Marketing-Gags war dieser knorrige und doch so empathische Mensch nicht geschaffen. Dieser «ungebildete», musikalische Philosoph, dieser Innerschweizer Weltbürger, der so anrührende Musik schuf, die überall verstanden und geliebt wird, wo Musik auch eine Herzensangelegenheit ist.

Gwerders Musik ist jene Musik, die man hört, wenn man zufrieden und froh ist. Weil sie diese Stimmung noch zu steigern versteht. Sie zu hören, wenn die Gemütslage schlecht ist, ist noch ergiebiger. Weil sie in ihrer so unnachahmlichen Herzlichkeit jene Art von Trost spendet, der nicht billig, nicht aufgesetzt, nicht oberflächlich ist.

Gwerder hat nie Örgelistunden gehabt, konnte zeit seines Lebens mit geschriebenen Noten nichts anfangen. Seine hohe Fertigkeit erwarb er sich, indem er seinem Vater zuhörte und ihm auf die Finger schaute. Als Lehrer gab er seine Kunst auf die gleiche Weise weiter.

Gwerders Wiederentdecker Cyrill Schläpfer beschrieb den «Pädagogen» aus dem Kanton Schwyz in seinem Nachruf im «Tages-Anzeiger» vom 5. Januar 1998 so: «Obwohl Rees Gwerder mir als einem ‹Schüler› nie etwas gezeigt oder erklärt hätte, konnte ich – gleich seinem Beispiel – durch genaues Hinhören unendlich viel von ihm lernen.»

29. Juli, 20 Uhr, DRS Musikwelle: 100 Jahre Rees Gwerder.

30. Juli, 19.30 Uhr, Rathausplatz und Gaststätten in Arth SZ: 100 Jahre Rees-Gwerder-Musig.

CSR Records hat das umfangreiche Schaffen von Rees Gwerder auf mehreren CDs dokumentiert.