Künstler

Der Oboist, Komponist und Dirigent Heinz Holliger wird 75

Heinz Holliger mit europäischem Kulturpreis ausgezeichnet.

Heinz Holliger feiert am 21. Mai seinen 75. Geburtstag. (Archivbild)

Heinz Holliger mit europäischem Kulturpreis ausgezeichnet.

Der Oboist, Komponist und Dirigent Heinz Holliger gehört zu den profiliertesten Künstlern der Schweiz und zu den wichtigsten Musikern seiner Generation. Er ist mit vielen internationalen Preisen und Auszeichnungen geehrt worden.

Am 21. Mai wird der Musiker 75 Jahre alt. Einem breiten Publikum ist Holliger als Oboist bekannt. Seine Interpretationen des traditionellen Repertoires verbinden Virtuosität und Eleganz mit einem spezifischen, schlanken, leuchtenden Klang.

Doch vor allem erweiterte er die Grenzen seines Instruments, erforschte ungewohnte Klangmöglichkeiten und entwickelte neue Spieltechniken. Deswegen haben viele zeitgenössische - sehr unterschiedliche - Komponisten für ihn geschrieben, Luciano Berio und Karlheinz Stockhausen etwa, Hans-Werner Henze und Elliott Carter.

Am Rand des Schweigens

Dabei ist ihm der körperliche Aspekt der Musik sehr wichtig. Im Oboen-Solo "Cardiophonie" beispielsweise, das er sich 1971 quasi auf den Leib komponierte, macht er mit Hilfe der Technik die immer rascher werdenden Herzschläge des zunehmend geforderten Interpreten hörbar.

Als Komponist war Holliger in Bern Schüler von Sandor Veress, dem Lehrer einer ganzen Generation von Schweizer Musikern. Später ging er zu Pierre Boulez, der damals in Basel unterrichtete. Seither ist ein eigenwilliges, umfangreiches Oeuvre entstanden, das nahezu alle Gattungen umfasst.

Darin geht Holliger immer wieder an die Grenzen von Musik und Sprache. Er vertonte Texte von Nelly Sachs und Paul Celan, die sprachlich um eigentlich Unsagbares kreisen; seine Musik führt häufig an den Rand des Hörbaren und verstummt schliesslich ganz.

Suche nach der verdrängten Schweiz

Eine weitere Konstante ist die musikalische Auseinandersetzung mit Menschen im Grenzbereich, Aussenseitern, denen man oft den Stempel "geisteskrank" aufgedrückt hat. "Sie sind", sagt er im Gespräch, "nicht von vorgefassten Meinungen eingeschränkt, sondern gehen mit offenen Augen und Ohren durch die Welt und haben so einen anderen Zugang zu ihr."

Dazu gehören Robert Schumann und Friedrich Hölderlin, dessen späte Gedichte die Grundlage bilden für den 1985 uraufgeführten zentralen "Scardanelli-Zyklus". Dazu gehören auch Louis Soutter, Adolf Woelfli und Robert Walser. Walsers Dramolett "Schneewittchen" war die Basis für die gleichnamige, 1998 in Zürich uraufgeführte Oper, die kürzlich am Theater Basel wieder zu sehen war.

Dass die letzten Drei Schweizer waren, ist kein Zufall. In der Schweiz habe es erstaunlich viele solcher Eigenbrötler im psychischen Grenzbereich gegeben, erzählt Holliger.

Diese andere, unangepasste und darum verdrängte Schweiz interessiert ihn ebenso wie das Archaische, Bedrohliche in der ursprünglichen Schweizer Folklore, dem er etwa in "Alb-Chehr" (1991), der Vertonung einer Walliser Sage, nachgespürt hat. Beides will er wieder ins Bewusstsein rufen: "Man muss der Postkarten-Schweiz der SVP etwas entgegenstellen."

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