Latin Jazz
Der musikalische Dialog zwischen Kuba und den USA lebt

Der kubanischstämmige Amerikaner Arturo O’Farrill hat in Kuba mit dem Zwei-Länder-Projekt ein Werk von grossem Symbolgehalt aufgenommen. Er nahm auch an der Wiedereröffnung der amerikanischen Botschaft teil.

Stefan Künzli
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Arturo O’Farrill versucht, Kuba und die USA mit seinem Musikprojekt kulturell anzunähern.Laura Marie Diliberto

Arturo O’Farrill versucht, Kuba und die USA mit seinem Musikprojekt kulturell anzunähern.Laura Marie Diliberto

Laura Marie Diliberto

Das Hotel Palacio O’Farrill in Havanna ist ein prachtvoller neoklassizistischer Palast in der Nähe des Hafens, der von der wohlhabenden irischstämmigen Adelsfamilie O’Farrill gebaut wurde. Hier ist 1921 auch der Musiker Chico O’Farrill geboren, der in den Vierziger- und Fünfzigerjahren in der Zusammenarbeit mit Dizzy Gillespie, Machito und Stan Kenton massgeblich zur Entwicklung des Latin Jazz beitrug.

Der kulturelle Kontakt zwischen den USA und Kuba war damals intensiv und Chico O’Farrill pendelte hin und her. Die Revolution stoppte diesen kulturellen Dialog abrupt und O’Farrill liess sich in New York nieder. In Havanna, in der Bar des Hotels O’Farrill, erinnern nur noch Fotos des Musikers an jene fruchtbare Zeit. Chico O’Farrill gründete im Exil die Afro Cuban Jazz Big Band, sah seine Heimat aber nie mehr.

Der Sohn leitet nun die Band

Diese Band gibt es heute noch. Sie wird seit dem Tod von Chico (2001) von Arturo O’Farrill geleitet, seinem heute 55-jährigen Sohn. Mit zwei Grammys dekoriert, hat sich dieser selbst zu einem der wichtigsten Vertreter des aktuellen Latin Jazz entwickelt. Arturo O’Farrill hat es sich zur Aufgabe gemacht, den musikalischen Dialog zwischen den beiden Ländern, der vor mehr als 50 Jahren unterbrochen wurde, wieder aufzunehmen.

Aus diesem Grund hielten sich im Dezember 2014 vierundzwanzig amerikanische und zehn kubanische Musiker seines Afro-Latin Jazz Orchestra im Dezember 2014 in Havanna auf und bereiteten unter der Leitung von O’Farrill ein ehrgeiziges Zwei-Länder-Projekt vor. Zur selben Zeit erklärte Präsident Barack Obama den Kalten Krieg zwischen Kuba und den USA als beendet. So ist ein Werk mit einem grossen Symbolgehalt entstanden. «Das ist ein historischer Moment», sagt O’Farrill im Clip zu den Aufnahmen. «Der Dialog ist lebendig.»

«The Conversation Continues» heisst denn auch das Werk, das in diesen Tagen erschienen ist. Herzstück ist die vierteilige Afro-Latin Jazz Suite mit dem fantastischen, indischstämmigen Altsaxofonisten Rudresh Mahantappa als Hauptsolisten. «The Conversation Continues» besticht durch hochkomplexe Arrangements und ist ein rhythmisch und harmonisch unglaublich reichhaltiges Werk, das weit darüber hinausgeht, was wir gemeinhin unter Latin Jazz verstehen. Der Bandleiter spricht von einer «universellen Musik», wie sie schon Dizzy Gillespie vorgeschwebt war. Beteiligt sind zum Beispiel auch der amerikanische Turntable-Spieler DJ Logic, die kubanischen Musiker Michel Herrera und Alexis Bosch (Piano), die amerikanische Pianistin Michelle Rosewoman sowie die Brüder Adam (Trompete) und Zack O’Farrill (Schlagzeug) – die nächste Generation der kubanisch-amerikanischen Familie.

Kultur verbindet die Völker

Es ist mehr als Musik, es ist ein politisches Statement. «Wir haben alle darauf gewartet, dass sich unsere Länder vereinigen und über die Kultur zu einer Nation werden», sagt der beteiligte kubanische Tres-Spieler Coto. Und Produzent Kabir Sehgal meint: «Auf diesem Album kann man das Echo der Zukunft hören». Am 14. August wurde in der wiedereröffneten amerikanischen Botschaft in Havanna zum ersten Mal seit 54 Jahren die amerikanische Flagge wieder gehisst. Arturo O’Farrill war als Gast dabei.

Arturo O’Farrill’s Afro-Latin Jazz Orchestra: The Conversation Continues, Motema. Online erhältlich.

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