«Für mich ist das Klavier nichts als eine Trommel», sagte Cecil Taylor über seine perkussive Spielweise, «wir haben den Rhythmus melodisiert und die Melodieinstrumente rhythmisiert. Mit Fäusten und Handkanten traktierte der Pianist seinen Bösendorfer, fegte im irrwitzigen Tempo über die Tastaturen und ging dabei bis an die Schmerzgrenze. Berühmt waren seine rollenden Cluster-Techniken, mit denen er ganze Tontrauben oder Tonhaufen erzeugte. Cecil Taylor war der Kamikaze des Jazz, ein Naturereignis. Er forderte sich und das Publikum, denn seine Konzerte glichen einem Parforceritt, der oft mehrere Stunden ohne Pausen dauerte. «Niemand in der Geschichte des Klaviers hatte diese Kraft und Ausdauer», sagte der Jazzmusiker Gil Evans über ihn.

Achtung hochexplosiv!

Knox Troxler, der ehemalige Leiter des Jazzfestivals Willisau, kannte ihn gut und holte ihn dreimal ins Luzerner Hinterland. «Unmittelbar vor dem Konzert war er hypernervös, angespannt, geladen und hochexplosiv. Wehe, man störte ihn in seiner Vorbereitung», erinnerte er sich, «umso relaxter war er danach. «Er trank dann gern ein Glas Champagner, rauchte eine Zigarette und suchte Gesellschaft.» Konzerte wirkten wie ein Ventil, um Dampf abzulassen.

Cecil Taylor kann aber nicht auf das Sportive reduziert werden. Er war ein Rebell, ein Innovator, ein Pionier der freien Musik, der schon in den 50er- Jahren an den Konventionen des traditionellen Jazz rüttelte und sich von den Akkordprogressionen löste. Kontraste bestimmten den Charakter seiner Spielweise. Dem Swing stellte Taylor ein Wechsel von Spannung und Stocken gegenüber. Der Musikologe Ekkehard Jost verglich dieses eruptive Spiel mit «den alternierenden Schritten und Sprüngen eines Hürdenläufers, dem man die Hürden unregelmässig verstellt hat».

Cecil Taylor wuchs in New York in behüteten Verhältnissen auf. Seine Familie gehörte zur schwarzen Bourgoisie, bei der ein Klavier zum selbstverständlichen Statussymbol gehörte. Schon mit 5 erhielt er Klavierunterricht. Die europäischen Impressionisten sowie die Klassiker der Moderne hatten einen grösseren Einfluss auf die musikalische Bildung als Louis Armstrong oder Duke Ellington. Taylor integrierte Elemente der Neuen Musik in den Jazzkontext. «Die Energien und Techniken der europäischen Komponisten» wolle er «mit der Musik des amerikanischen Negers verschmelzen und neue Energien schaffen», sagte er.

Verstorbene Prominente im 2018:

Heftige Kontroversen

Cecil Taylor war eine schillernde Figur und musste lange unten durch. Um überleben zu können, nahm er in den Anfängen Aushilfsarbeiten an, musste sein Brot als Tellerwäscher oder Sandwichlieferant verdienen oder lebte von der Sozialhilfe.

Selbst unter Musikern war er umstritten und löste heftige Kontroversen aus. «Who’s that motherfucker? He can’t play shit!», sagte Miles Davis einst in seiner unnachahmlichen Art. Aber auch das Zusammenspiel 1961 mit John Coltrane, einer anderen zentralen Figur der Jazz-Avantgarde jener Zeit, funktionierte nicht. Die beiden waren nicht kompatibel. Er wurde als brutaler Klavierzertrümmerer geschmäht und für die Traditionalisten um Wynton Marsalis zählt Taylors Musik nicht zur Familie des Jazz, weil sie nicht im herkömmlichen Sinn swingt.

Für andere war er ein Magier, ein Genie. «Cecil Taylor ist für mich der im Hintergrund wirkende Leader des Jazz. Der King of Jazz», sagte sein langjähriger Weggefährte Steve Lacy. Der Pianist Joe Zawinul bezeichnete ihn als «den einzigen wirklichen Erfinder eines Jazz-Klavierstils seit Art Tatum». Und der Trompeter Ted Curson war überzeugt: «Hätte er von Anfang an die Publicity gehabt, die er verdient hätte, dann wäre er und nicht Ornette Coleman zur Schlüsselfigur der Jazz-Avantgarde geworden.»

Späte Anerkennung

Erst relativ spät erhielt Cecil Taylor die ihm gebührende Anerkennung und wurde mit dem renommierten Preis der MacArthur Fellowship (Genie-Preis) sowie wie dem Kyoto-Preis (eine der höchsten Auszeichnungen für Verdienste um Wissenschaft und Kultur) geehrt.

Cecil Taylor war ein ewiger Aussenseiter. Einer, der nie die Beliebtheit der anderen Erneuerer Ornette Coleman, John Coltrane und Miles Davis erreichte. Seine Musik war viel zu radikal, zu sperrig, zu unbequem und zu anstrengend. Doch er überlebte sie alle. Am vergangenen Donnerstag ist Cecil Taylor im Alter von 89 Jahren in seinem Haus in Brooklyn gestorben.