Rock
Der ewige Jungspund Mick Jagger feiert heute seinen 70.

Einst war er unbestrittener Bürgerschreck Nummer eins. Doch dann mauserte sich Mick Jagger, der Kopf der Rolling Stones, zum Vorbild aller lebenslustigen Pensionäre. Heute wird der Rocker 70 und ist bereits eine Legende.

Hanspeter Künzler
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Mick Jagger feiert seinen 70. Geburtstag.
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Mick Jagger bei einem Konzert 2006 auf dem Flughafen in Dübendort
Das Geburtstagskind wird feiert am 26.07.2013 seinen 70 Geburtstag.
Die Rolling Stones geben 2005 ein Konzert im Fenway Park in Bosten.
1982 Gaben die Stones ein Konzert in München.
Mick Jagger tanz auf einem Konzert in Tempe 1997
1998: Mick Jagger bei seiner Show im Molson Center in Montreal
Mick Jagger Rockt die Bühne in Veterans Stadium in Philadelphia. (1997)

Mick Jagger feiert seinen 70. Geburtstag.

Keystone

Gerade wieder haben sich die Rolling Stones gehörig feiern lassen. Dass sie für ihre USA-Tournee anlässlich des fünfzigsten Dienstjubiläums begeisterte Kritiken einheimsten, erstaunte wenig: Das nordamerikanische Publikum lässt sich von klingenden Namen eher beeindrucken als von frischer Musik.

Bemerkenswert waren hingegen die euphorischen Kritiken, welche die Band mit ihrem kürzlichen Debüt-Auftritt am Glastonbury-Festival und zwei Shows im Hyde Park auslösten. Es braucht viel, die abgebrühten britischen Medien aus ihrer zynischen Reserve zu locken.

Die Rolling Stones schafften es, indem sie statt grotesker Bühnenbilder und pneumatischer Penisse die Musik sprechen liessen. Anstelle einer millimetergenau vorgeplanten, aber eiskalten Show, stellten sie das Zusammenspiel der Musiker in den Vordergrund, riskierten Patzer und Pannen – und wirkten auf diese Weise vitaler als manche Band, deren Urgrossväter sie sein könnten.

Allen voran Mick Jagger. Die Medien hatten sich königlich amüsiert, als die «Diva» verriet, sie beschränke das Reden im Vorfeld der Konzerte auf täglich zwei Stunden, er müsse seine Stimme schonen.

Wer zuletzt röhrt, röhrt am lautesten: Der gertenschlanke Rentner sprintete über die Bühne wie ein Teenager und liess sogar seine charmante Seite durchschimmern.

Mick Jagger
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Mick Jagger (Archiv)
Mick Jagger von den Rolling Stones (Archiv)
Tiefgründiger Rocker: Rolling-Stones-Sänger Mick Jagger (Archiv)
Mick Jagger (v.), Ronnie Wood (l.), Keith Richards und Charlie Watts (r.) von den Rolling Stones an einem Konzert in London (Archiv)
Mick Jagger winkt den Fans bei seiner Ankunft im "Le Trabendo" zu
St. Tropez, 12 Mai, 1971: Mick Jagger heiratet Bianca Perez Moreno de Macias in der Kirche St. Annes. Prominenz ist auch da: Filmemacher Roger Vadim, Schauspielerin Nathalie Delon, Fotograf Patrick Earl of Lichfield und natürlich Keith Richards.
Mick Jagger bei einem Konzert in den Niederlanden (Archiv)
Die Rolling-Stones-Ikonen Mick Jagger (l.) und Keith Richards (Archiv)
Böser Bube: Mick Jagger wird am 28. Juni 1967 in Handschellen abgeführt. Er wurde bei Keith Richards zujhue mit Drogen erwischt.
Live rocken Mick Jagger und Keith Richards wie eh und je
Seit 50 Jahren verbindet sie der Name Rolling Stones: Mick Jagger (l) und Keith Richards (Archiv)

Mick Jagger

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Dann zum Beispiel, als er flirtend ein Versprechen für die Zukunft ablegte: «An all die, die uns heute zum ersten Mal erleben – hoffentlich kommt ihr wieder!»

Selbsterhaltungstrieb mit Köpfchen

Arroganz, Narzissmus und eine fanatische Freude am Blues – das waren die Hauptzutaten im Erfolgsrezept der frühen Rolling Stones. Dabei war ihr Begründer Brian Jones sogar noch arroganter, narzisstischer und Blues-verrückter als Mick Jagger.

Aber im Vergleich zu Jones verfügte Jagger über einen grossen Vorteil: Der Sohn eines angenehm situierten Turnlehrers ist mit einer vorteilhaften Kombination von Selbsterhaltungstrieb und Köpfchen ausgestattet.

Es kann kaum genug betont werden, wie konservativ, verunsichert und grau sich England am 17. Oktober 1961 der Welt präsentierte, als Mick Jagger schicksalshaft mit Alben von Chuck Berry und Muddy Waters unter dem Arm in Dartford auf den Zug wartete und mit Keith Richards ins Gespräch kam.

Das in Amerika mit Bill Haley und Elvis Presley explodierte Phänomen «Teenager» hatte in England erst ein paar isolierte Ausbrüche erlebt. Eine überwältigende Angst vor Veränderung beutelte sogar die Musikszene: Die linke Polit-Szene bestand auf traditionellen, akustischen Folk-Songs, der Blues-Pionier Alexis Korner verlor sein Engagement in einem Blues-Klub, weil er eine elektrische Gitarre kaufte.

Im Umfeld von Korner fanden auch die Rolling Stones zusammen. Die Liebe zum Blues hatte die Stones vereint, die Arroganz, sich ohne Rücksicht auf Verluste über die Gepflogenheiten ihrer Umgebung hinwegzusetzen, ermöglichte es ihnen, innovative Musik zu machen.

Brian Jones gab den Ton an: Er war der erste Brite mit einer elektrischen Slide-Gitarre und verfügte über genug Charisma, bereits drei Teenager geschwängert zu haben und dennoch einen Charlie Watts und einen Bill Wyman – beides Männer, die auf einen wohlgeordneten Lebenswandel setzten – bewegen zu können, bei seiner Chaos-Truppe mitzumachen.

Unterbruch des Studiums

Es war typisch für Mick Jagger, dass er sein Studium an der London School of Economics and Political Science (LSE) nicht gleich aufgab, als die Band anfing, Geld zu verdienen. Vielmehr schrieb er einen höflichen Brief, in welchem er bat, das Studium eine Zeit lang unterbrechen zu dürfen, um eine «aufregende Chance in der Unterhaltungsbranche» wahrnehmen zu können. Das Verdienst, die Stones von den letzten Fesseln alter Werte befreit zu haben, kommt dem Manager Andrew Loog Oldham zu.

Dieser erkannte messerscharf das Potenzial darin, seine Schützlinge als Anti-Beatles und Bürgerschrecke zu positionieren. Gerade erst hatte sich England vom Schock der Beatles erholt, da kamen die Stones mit ihren finsteren, übernächtigten Drogenmienen und zeigten, dass die schlimmsten Befürchtungen zutrafen. «Würden Sie ihre Tochter einen Rolling Stone heiraten lassen?» – die Schlagzeile wurde von Oldham gekonnt in den Medien gestreut. Fortan sah die junge Band ihre Aufgabe darin, aufregende Musik mit Provokation zu vereinen. Der Erfolg gab ihnen recht. Aber während Brian Jones am resultierenden Freiheitsgefühl zerschellte (er starb am 3. Juli 1969, kurz, nachdem er aus der Band geworfen worden war), verlieh es Jagger erst recht Mut.

Insbesondere sein androgynes Auftreten und seine frühe Verwendung von Make-up war verwegen: Erst 1967 wurde die Homosexualität in Grossbritannien entkriminalisiert. Sein Flirt mit androgyner Ästhetik war auch ein Flirt mit einem Tabu. Mit einem Bein stand Tabubrecher Jagger indes tief in den Traditionen des englischen Klassendenkens. Derweil sich der Mittelstand schnell echauffiert, wenn die «Manieren» nicht stimmen, ist die «Upperclass» über langweilige Konventionen erhaben. Die Stones im Allgemeinen und besonders der wortgewandte, clevere Jagger wurden von der Oberschicht, ja, von gewissen Royals, als Maskottchen adoptiert.

Jagger gesteht auch Fehler ein

Jagger konnte der Versuchung nicht widerstehen, was schliesslich zu einem beinahe fatalen Bruch mit seinem Songschreibe- und Groove-Partner Keith Richards führte. Während die restliche Band im Steuerexil an der französischen Riviera in einer Wolke von Drogendämpfen mit «Exile on Mainstream» ein epochales Album einspielte, das den zeitweise festgefahrenen Karren erst wieder ins Rollen brachte, kehrte Jagger dieser Welt den Rücken, erschien nur noch, um kurz seinen Gesang aufzunehmen.

Er heiratete Bianca und tummelte sich fortan in der High Society von Paris. Das Steuerexil war notabene nötig geworden, weil Jagger erkannt hatte, dass sich die Finanzen der Band in einem grauenvollen Zustand befanden und er deshalb ein Rettungsmanöver einleitete. Die Ehe mit Bianca ging wegen Jaggers galoppierenden Casanova-Komplexes bald in die Brüche. Die narzisstische Überzeugung, weil er der Kopf der Stones sei, wäre er auch ihr musikalisches Genie, begann erst in den 1980er-Jahren zu wüten. Eine Zeit lang schien er tatsächlich zu glauben, dass er solo mehr Erfolg haben könnte als in Begleitung von Richards & Co. Wiederum rettete ihn der Selbsterhaltungstrieb: Dieser erlaubte es ihm, seinen Fehler einzugestehen und zur Band zurückzukehren, mit der er einst so viele Pferde gestohlen hatte.

Und bestimmt war es auch dieser Selbsterhaltungstrieb, der ihn dazu trieb, das brachiale Fitness-Regime auf sich zu nehmen, das nötig war, auf die Bühne von Glastonbury zu traben und 100 000 Musikfans – notabene 45 Jahre jüngeren Fans – zu zeigen, dass der Geist des Rock ’n’ Roll nicht ein Privileg der Jugend ist, sondern im Gegenteil ein Elixier fürs Jungbleiben.