Satisfaction
Der erste Rock-Song der Geschichte wird heute 50

Vor 50 Jahren nahmen die Rolling Stones «(I Can’t Get No) Satisfaction» auf. Ein Meilenstein der Rockmusik, wie wir sie heute kennen.

Stefan Künzli
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«(I Can’t Get No) Satisfaction» wurde am 12. Mai 1965 aufgenommen.

«(I Can’t Get No) Satisfaction» wurde am 12. Mai 1965 aufgenommen.

«Ich habe ihn im Schlaf geschrieben. Ohne es mitzubekommen. Gott sei Dank stand da mein kleiner Kassettenrekorder, sonst hätte es den Song nie gegeben», schreibt Keith Richards in seiner Autobiografie «Life» über die Entstehung des epochalen Songs «Satisfaction». Rockmusik als göttliche Eingebung.

Soweit die Legende. Fakt ist, dass das berühmte Riff und die Grundidee von Keith Richards stammt, Mick Jagger die Lyrics schrieb und der Song am 12. Mai 1965 fertig aufgenommen wurde, also genau heute vor 50 Jahren. «Fünf Noten, die die Welt erschütterten» («Newsweek») und «Die Geburtsstunde des Rock», wie das Magazin «Rolling Stone» Jahre später schrieb.

Das ist musikhistorisch natürlich völliger Quatsch, aber auch nicht ganz falsch. Musikgeschichte ist immer ein Prozess und auch Rockmusik, so wie wir sie heute verstehen, entstand nach und nach. Eine Folge von Eingebungen, Ideen, Wechselwirkungen, technischen Neuerungen und vielen Zufällen. Die Stones waren zu jener Zeit auf US-Tour und ihr Repertoire bestand vor allem aus Coverversionen von amerikanischen Musikern wie Chuck Berry, Willie Dixon, Buddy Holly, Jimmy Reed und Bo Diddley. Also Blues-, Rhythm and Blues- und Rock’n’Roll-Klassiker, die sie auf mehr oder weniger eigene Art interpretierten. Das galt auch für die anderen zu jener Zeit prägenden britischen Bands wie The Kinks, The Who und sogar für die Beatles. Sie waren Beat-Bands und von Rock war damals noch keine Rede. Was ihnen fehlte, waren eigene Songs. Die Kinks und die Stones begannen nach aggressiveren musikalischen Mitteln zu suchen und fanden sie im riff-betonten Chicago Blues von Muddy Waters & Co.

Mit Sex gegen das Establishment

«Satisfaction» war der erste Song, der musikalisch alles beinhaltet, was wir unter Rock verstehen und ausmacht: Ein markantes Riff wie beim Chicago Blues, eine verzerrte Gitarre, ein einfacher binärer Rhythmus (Rock’n’Roll der 50er Jahre ist ternär), ein Gesang, dessen aggressive und emotionale Wirkung wichtiger ist als der melodische Gehalt sowie ein rebellischer Gestus. Rock hat sich (zu jener Zeit) auch soziologisch definiert, indem er eine neue Lebensweise und Kultur von Jugendlichen repräsentierte. Gespickt mit sexuellen Anspielungen richtete sich «Satisfaction» denn auch explizit gegen das verknöcherte Establishment und die ältere Spiesser-Generation. «Ich möchte lieber sterben, als noch mit 45 Jahren ‹Satisfaction› zu singen», sagte Jagger damals.

Und natürlich spielte der Zufall in dieser Geburtsstunde eine wichtige Rolle. «Für ‹Satisfaction› schwebte mir ein Bläsersatz vor», schreibt Richards. Wie er später zugab, inspirierte ihn das Bläserriff des Soul-Klassikers «Dancing in the Street» von Martha & the Vandellas. Weil aber noch keine Bläser im Studio waren, imitierte er das Riff probehalber mit seiner Gitarre. Dazu benutzte er eine kleine Fuzz-Box (Maestro Fuzz-Tone FZ-1 von Gibson), die wenige Tage zuvor auf dem Markt erschien. Ein Pedal, welches den Klang der elektrischen Gitarre nebelhornähnlich verzerrte. Richards selbst mochte es nicht sonderlich. «Doch dann schossen sich plötzlich alle auf diesen noch nie dagewesenen Effekt ein», schreibt Richards, «zehn Tage später stand ‹Satisfaction› auf Platz 1 der US-Charts. Die Platte des Sommers 1965. Wir hatten gar nicht mitgekriegt, dass das Scheissteil veröffentlicht wurde. Da beschwerte ich mich nicht mehr.»

Beatles oder Stones, Pop oder Rock?

Hätte sich Keith Richards durchgesetzt und wäre das Riff, so wie es ihm vorschwebte, mit einem souligen Bläsertouch umgesetzt worden, die Geschichte der Rockmusik hätte, zumindest was die Geburtsstunde betrifft, anders geschrieben werden müssen. Interessant ist immerhin, dass die Stones heute «Satisfaction» originalgetreu mit Gitarre beginnen, im Finale aber die Bläser das Riff übernehmen. Auch nicht schlecht.

Überhaupt: Die Bedeutung des Songs wurde zunächst gar nicht erkannt. Trotz seiner Popularität. Wie sollte er auch. Den Begriff «Rock» oder «Rockmusik» gab es gar noch nicht. Als Kurzform für «Rock’n’Roll» wurde er im selben Jahr erstmals verwendet, aber nicht in direktem Zusammenhang mit «Satisfaction». Mit dem Song zeichnete sich aber eine Aufsplitterung des Genres ab, die in der Frage «Beatles oder Stones?» gipfelte. Hier die aufmüpfigen, rebellischen Rolling Stones, dort die angepassteren, braveren Beatles. Hier die wilden, rotzigen Stones, die entscheidend zur Geburt der heutigen Rockmusik beitrugen, dort die Beatles, die mit ihren Melodien und Harmoniegesängen die Popmusik massgeblich prägten.