Es ist dies die Geschichte eines jungen Mannes, der es in seiner Heimat nicht mehr aushielt und auszog, sein Glück zu suchen. Raus aus Sizilien, rein in die Schweiz. Ein Gastarbeiter war er, dieser Pippo Pollina, zu Gast auf den Strassen der Stadtzentren, wo er sich auf seiner akustischen Gitarre begleitete und Lieder sang, die auf Gehör stiessen. Einer der Passanten in Luzern war 1986 der Bündner Liedermacher Linard Bardill. Dieser war so angetan vom 23-jährigen Sizilianer und dessen Canzoni, dass er ihn anschob, ein Album aufzunehmen.

Beflügelt sang der Strassenmusiker einige Monate lang weiter, um mit Unterstützung seines «ersten Meisters», wie er Bardill selber nennt, in einem Studio zu landen und seine erste Platte aufzunehmen: «Aspettando che sia mattino».

Rund 30 Jahre später hat Pollina festgehalten, was ihn sein Musikerleben lang umtrieben hat. «Verse für die Freiheit» heisst das dicke, schwere Buch, in dem der Cantautore zum Streifzug durch seine musikalische Biografie lädt.

Die alte Heimat lässt ihn nicht los

Die Idee ist schön: Pollina hat seine Poesie in einem Liedtextbuch vereint, wofür er seine Verse vom Italienischen ins Deutsche übersetzen liess. Damit schafft er einen ersten Bezug zu seinen Fans, die mehrheitlich im deutschsprachigen Raum zu Hause sind und nicht etwa in Italien. Die Liedtexte bilden jeweils den Abschluss eines Kapitels. In diesen schildert Pollina sowohl die historischen Umstände als auch die Entstehung der Alben. Das, so viel vorweg, ist informativ, aber nicht immer leserfreundlich. Warum? Pollina räumt den europapolitischen Umständen viel Platz ein, sei es dem Mauerfall oder der Mafia. Vielleicht ist das der Tatsache geschuldet, dass er vor seiner Musikerlaufbahn als Journalist arbeitete und beim Schreiben wieder in diese Rolle verfiel. Ausführlich widmet er sich dem Kampf gegen die Mafia. Was aber die Attentate auf Falcone und Borsellino ganz konkret mit ihm, dem Mann in der Diaspora, gemacht hatten, wie er sich in diesen Augenblicken fühlte, diese Antwort bleibt er mitunter schuldig.

Dem kann man entgegnen, dass der Cantautore solche Erlebnisse auf poetische Weise verarbeitet. Doch sie noch stärker persönlich einzuordnen und auf sein Werk zu beziehen, das hätte man sich in manchen Kapiteln gewünscht.

Denn das Buch erlebt seine dringlichsten Augenblicke, wenn Pollina Klartext spricht und Politik mit persönlichen Erlebnissen kombiniert. Wenn er etwa beschreibt, wie er 2005 in Sizilien auftrat und die blutigen Taten der Mafia kritisierte. Das Publikum schenkte ihm Beifall, die Politiker hingegen waren erzürnt. Der Veranstalter zitierte ihn ins Büro und sagte ihm wütend, dass er nicht für eine Kundgebung eingeladen worden sei, sondern um zu singen.

Anekdoten wie diese machen klar, wie schwierig es für Pollina ist, mit seiner kritischen Haltung in seiner alten Heimat Erfolg zu haben, einer Heimat, in der das Schweigen jahrzehntelang entscheidend war für Karrieren in allen Bereichen.

Und doch lässt ihn Italien nicht los, was sich in seinen leidenschaftlichen Liedern manifestiert. Sein Lebensmittelpunkt aber wurde die Schweiz, wo er seit über 30 Jahren lebt. Ein Land, das ihn aufgenommen hat, und wo er, das offenbart er selber, mit seiner Italianità profitieren konnte. Edoardo Bennato, Adriano Celentano oder Gianna Nannini traten hier in den 80ern im Hallenstadion auf. Und die intellektuellen Schweizer erfreuten sich an der Poesie von Lucio Dalla oder Francesco De Gregori.

All das kam Pollina zugute, der den Aufstieg Berlusconis mit Befremden zur Kenntnis nahm. Und der die Folgen der zwei Jahrzehnte andauernden Berlusconi-Herrschaft als «verheerend» betrachtet: «Sie hat eine ganze Generation von Italienerinnen und Italienern verdummt und als Waisen der letzten Intellektuellen zurückgelassen.»

Gefilterte Informationen

In der Schweiz spielte sich der Strassenmusiker in die Herzen der Leute, erhielt Engagements auf den zahlreichen Kleinkunstbühnen, eine Bühnenform, die man im südlichen Europa nicht kenne. Dass diese auch anständige Gagen bezahlen, sagt er nicht, aber man kann sich denken, dass auch wirtschaftliche Gründe dafür sprachen, dass er Zürich und nicht Mailand zu seinem Lebenszentrum machte.

Womit man bei einem zweiten Schönheitsfehler dieses Buches wäre: Die offenen Fragen. Warum blieb er eigentlich in der Schweiz? Wem widmete er seine Liebeslieder? Ein Journalist oder Ghostwriter hätte nachgehakt, ihn mit Fragen herausgefordert und damit Lücken geschlossen, die in dieser biografischen Annäherung klaffen. Pollina filtert die Informationen. Das ist sein gutes Recht. Aber für den Leser nicht immer zufriedenstellend, da sich nur begrenzt eine Nähe zu ihm als Privatperson einstellt.

Entschädigt wird man dafür mit Anekdoten aus vielen künstlerischen Begegnungen, von Konstantin Wecker bis Georges Moustaki. Musikern, mit denen der rastlose Pollina in den vergangenen Jahrzehnten die Bühne geteilt hat.

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Pippo Pollina: "Verse für die Freiheit", Rotpunktverlag, Zürich.
Live: Palazzo, Liestal. Do, 18. Januar, 20 Uhr, mit musikalischen Gästen.