In der Schweiz sind die Tonträgerverkäufe im Laufe des Jahres abermals eingebrochen und steuern auf einen neuen Tiefpunkt zu. Die letzten Hoffnungen der Branche ruhen deshalb auf dem Weihnachtsgeschäft, denn die Monate von September bis Dezember sind entscheidend. Knapp 50 Prozent des Jahresumsatzes wurden 2011 in dieser Zeit erwirtschaftet. Das heisst: CDs werden zwar nicht mehr gekauft, aber noch verschenkt. Hallelujah, gesegnet sei das Weihnachtsgeschäft!

Den Soundtrack zum Jahresschlussverkauf liefert die Branche auch gleich selber. Wer bei amazon in der Suchmaske das Stichwort «Christmas» eingibt, erhält 40 814 Ergebnisse. Unter dem Stichwort «Weihnacht» kommen nochmals 10 033 dazu. Im Laufe der Jahre ist eine unüberblickbare Fülle von Weihnachtsalben quer durch alle Stile entstanden. Seit Bing Crosby 1942 die Ära des Weihnachts-Pops mit dem Song «White Christmas» eröffnete, hat sich der Weihnachts-Pop zu einem eigenen Genre entwickelt. Wir erleichtern Ihnen hier den Überblick:

Klassiker: Zu den Evergreens und Longtime-Sellers gehören neben Bing Crosbys «White Christmas» auch Elvis Presleys «Christmas Album» von 1957, das damals heftige Kontroversen auslöste. Für die Rock-’n’-Roll-Fraktion war es Verrat, für andere wie den «White Christmas»-Komponisten Irving Berlin eine «gottlose Parodie». Umbestritten am berührendsten und glaubwürdigsten ist aber auch heute noch «Silent Night. Songs For Christmas» von Mahalia Jackson aus dem Jahr 1954.

Neo-Klassiker: Auf dem Weg zum Weihnachts-Klassiker sind gemäss Angaben der Labels auch «Merry Christmas» von Mariah Carey von 1994, das schon 15 Millionen mal verkauft wurde, Céline Dions «These Are Special Times» von 1998 sowie die «Christmas Collection» von Il Divo. Das Zeug zum Klassiker hat auch Michael Bublés letztjähriges Weihnachtsalbum «Christmas», das in den USA in wenigen Wochen über 2 Millionen mal verkauft wurde. Auch in der Schweiz erreichte das Album Goldstatus. «Christmas» war so erfolgreich, dass Bublé es mit drei Bonus-Songs in diesem Jahr gleich noch mal veröffentlichte und nun erneut die Charts stürmt.

Christmas 2012: Amazon zählt 378 Christmas-Alben, die mit diesem Jahr datiert sind. Davon sind aber die meisten Wiederveröffentlichungen. Gemäss dem Branchenleader Universal ist der Jahrgang 2012 aber überdurchschnittlich gross und vielfältig. Vor allem das Subgenre des swingenden Entertainment-Pops sorgt dabei für unaufhörlichen Nachschub an neuen Versionen und Interpretationen der immer gleichen Lieder. Daneben gibt es Weihnachtsalben für fast jeden Musikgeschmack. Nebenstehend unsere nach Musikstilen geordneten Empfehlungen.

Pop

Damit wir uns recht verstehen. Kitsch und Schmalz gehören zum Genre des Christmas-Pops wie die Geschenke zum Weihnachtsbaum. Doch was zu viel ist, ist zu viel. Knöcheltief watet Ex-Modern-Talking-Sänger Thomas Anders auf «Christmas For You» in einer tönenden klebrigen Sülze. Bitte nicht! Auch das grosse Comeback von John Travolta und Olivia Newton John steht unter keinem besseren Stern. 34 Jahre nach «Grease» kann Travolta immer noch nicht singen, und Olivia Newton Johns Stimme wird immer dünner. Die Musik ist lieblos. «This Christmas» ist eine ganz und gar unheilige Allianz. Schon besser gefallenl uns da die schlichten, unaufgeregten Songs aus «A Very Merry Perri Christmas» (Warner) der amerikanischen Liedermacherin Christina Perri. Am liebsten lassen wir uns aber mit dem California-Girl Colbie Caillat und ihrem Album «Christmas In The Sand» in Weihnachtsstimmung versetzen. Genau so klingt es nämlich. Vergesst das «Winter Wonderland», wir feiern an der Sonne.

Colbie Caillat Christmas In The Sand. Universal.

Swing

Neben Michael Bublé versucht sich auch Rod Stewart im Genre des swingenden Christmas-Pops. In bewährter Manier versucht der britische Sänger, klassische amerikanische Weihnachtslieder zu veredeln. Mit Erfolg. Nachdem seine Abstecher in die Welt des Soul eher zweifelhaft ausgefallen sind, hat er hier sein Terrain gefunden. Besonders reizvoll sind die Duette mit Bublé, CeeLo Green und Mary J. Blige. Und selbst im direkten Vergleich mit der grossen Ella Fitzgerald fällt er nicht ab. Seine Reibeisenstimme ist der richtige Kontrast zu den kitschigen Melodien und Arrangemets.

Rod Stewart Merry Christmas, Baby. Universal.

Rock ’n’ Roll

Auch Rock ’n’ Roller mögen Weihnachten. Was für Elvis galt, gilt erst recht für die deutschen The Baseballs. Auf «Good Ol’ Christmas» interpretieren sie bekannte Christmas-Hits im Sound der 50er-Jahre. Unterstützt von den Streichern der Neuen Philharmonie Frankfurt schnulzen die drei Sänger wie einst Elvis, «Little Drummer Boy» lernt Rockabilly und «Rudolph, The Red-Nosed Reindeer» tanzt Rock ’n’ Roll.

The Baseballs Good Ol’ Christmas.
Warner.

Soul

Der Motown-Soul kann auf eine glänzende Tradition mit Weihnachts-Alben zurückblicken. Darauf beruft sich der amerikanische Sänger Cee Lo Green, der durch sein Engagement bei Gnarls Barkley Berühmtheit erlangte. «Cee Lo’s Magic moments» sind groovende Beats, bläserlastige Sounds und natürlich vor allem grossartiger Soul-Gesang des Bandleaders und der Gäste Rod Stewart und Christina Aguilera. Zusammen mit Trombone Shorty und den Muppets lädt die illustre Schar zu einer heissen Christmas-Soul-Party.

Cee Lo Green Cee Lo’s Magic Moments. Warner.

Jazz

«Christmas With My Friends» heisst die Weihnachtsreihe des schwedischen Jazzmusikers Nils Landgren. Schon zum dritten Mal hat er befreundete Sängerinnen sowie Jazzsolisten wie den Saxofonisten Jonas Knutsen zum weihnächtlichen Musizieren eingeladen. Geschmackvoll interpretieren sie traditionelle, zum Teil unbekannte nordische Weihnachtslieder sowie weihnachtstaugliche Pop-Songs wie Lennons «Imagine». Die Stücke werden zum Glück nicht «verjazzt», aber mit jazzigen Soli angereichert.

Nils Landgren Christmas With My Friends III. Act/Musikvertrieb.

Country

Die amerikanische Country-Combo Lady Antebellum entfernt sich immer mehr vom klassischen Country. Erst recht auf «On This Winter’s Night», dem Christmas-Album der Band. Eine zaghafte Country-Gitarre auf «A Holly Jolly Christmas», eine schüchterne Fidel auf «Let It Snow» und «Have Yourself A Merry Little Christmas», hin und wieder ein typisches Country-Chörli. Sonst regiert der typische Christmas-Pop. Egal, die Interpretationen sind frisch und doch stimmungsvoll.

Lady Antebellum On This Winter’s Night. EMI.

Alternative

Christmas-Pop ist längst auch im sogenannten Alternative-Pop salonfähig geworden. «Christmas Rules» heisst denn auch sinngemäss eine bemerkenswerte Compilation mit Weihnachtsliedern von Bands wie Calexico, Fun., The Civil Wars, Punch Brothers, Heartless Bastards und Musikern wie Paul McCartney, Rufus Wainright, Andrew Bird, Irma Thomas. Der Kitschfaktor ist auf diesem Album am kleinsten, der Originalitätsfaktor am grössten. Doch auch diese Musiker schunkeln, schwelgen, jubilieren und folgen dem Gebot des leicht verdaulichen Christmas-Pops.

Christmas Rules Diverse. Universal.

Schweiz

In der Schweiz hat sich neben Bo Katzman in den letzten Jahren auch die Musikerin Sabrina Sauder auf Weihnachtslieder spezialisiert. Schon vor zwei Jahren hat die St. Gallerin vergessene Schweizer Weihnachtslieder ausgegraben und damit einen wertvollen Beitrag zur Erhaltung von Schweizer Kulturgut geleistet. Jetzt ist ihr zweites Weihnachtsalbum mit unbekannten alten Schweizer Weihnachtsliedern erschienen. Für «Bald wird Weihnacht sein» ist sie an die neun Entstehungsorte der Lieder gereist und hat Eindrücke, Bilder und Klänge festgehalten. Damit auch die CD-Käufer diese Reise miterleben können, hat die Musikerin das Booklet via «Augmented Reality» erweitert. Die Ostschweizerin leistet damit doppelte Pionierarbeit.

Sabrina Sauder Bald wird Weihnacht sein. www.sabrinasauder.ch